Aufmerksamkeitspolitik

Reflexionen über den Terror, seine Wirkung und die Medien

Von Torsten Körner
22.08.2016 •

Die Tat des Terroristen zeugt fort und fort, sie stiftet Bilder, Echos, Resonanzen, schafft Stimmungen, besetzt Räume, formt Erlebens- und Wahrnehmungshorizonte und die Medien können sich verhalten, wie sie wollen, berichten oder es sein lassen, analysieren oder dramatisieren, sie entkommen dieser Falle nicht. Medien sollten immer mitbedenken, dass der Terrorist sie bereits vor der Tat als Komplizen im Auge hat, als „Mittäter“. Sein Anschlag richtet sich stets gegen die Medien und zugleich agiert er aus seiner Sicht im Namen der Medien und für die Medien. Diese können sich gegen diese Kollaboration a priori kaum wehren, denn der Terrorist weiß um die Systemzwänge der Medien ebenso wie um deren Funktionslogik. Er kann sich blind auf sie verlassen. Verantwortungsvolle Berichterstattung muss dieses Dilemma stets reflektieren und auch zum Thema machen. Totgeschwiegen werden kann der Täter nicht, er ist bereits tot zu Lebzeiten und quicklebendig post mortem durch die medialen Lebenserhaltungsmaschinen, die nicht – das steht in niemandes Macht – abgeschaltet werden können.

Das Selbst des Terroristen arbeitet nach dem Franchise-Konzept, ohne jedoch beim Stammhaus eine Erlaubnis einzuholen. Der Terrorist ermächtigt sich selbst, weil er sonst nichts hat an Machtmöglichkeit. Er eröffnet die weiche Filiale eines Unternehmens, das sich selbst „Islamischer Staat“ (IS) nennt, aber auch ganz anders heißen könnte, es scheint kaum eine Rolle zu spielen. Als extremistische Ich-AG schleudert der Terrorist sein pathologisches Weltbild der Welt entgegen und fordert sie auf, daran zu genesen, denn schließlich sei sie krank, nicht er.

Radikal differenzieren

Medien sollten – im Angesicht des Terrors – nahezu etwas Unmögliches versuchen, ihre Differenzierungsbemühungen müssen ebenso radikal sein wie die Differenzierungsverweigerung des Täters, wobei stets im Auge behalten werden muss, ob solche Anstrengungen Opfer fordern könnten. Humanität muss auch da herrschen, wo man sich mit inhumanen Taten auseinandersetzt, unmenschliche Menschen gibt es nicht.

Die Medien werden – ob sie wollen oder nicht – dort zu Komplizen von Terror und ähnlicher tödlicher Gewalt, wo sie, statt Informationen zu liefern, Gefühl und Unsicherheit eher verstärken und so die Angst schüren. Die ausgedehnte „Tagesschau“ etwa nach dem terroristischen Amoklauf am 22. Juli im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München produzierte immer neue Verunsicherungen, verlor sich in Mutmaßungen, verbot sich zwar fortwährend das Spekulieren und spekulierte dann doch, zeigte stammelnde Moderatoren und Journalisten, die mit ungesichertem Medienmaterial aus den sozialen Netzwerken konfrontiert wurden, ohne es verlässlich deuten zu können, das hatte mitunter nahezu Slapstick-Charakter. So werden Medien zu Resonanzflächen des Vagen, der Emotion, liefern sich und uns der Ungewissheit aus, wo sie doch Gewissheit herstellen sollten. Die Illusion, man könne live Infos verdichten, analysieren, bewerten und kommentieren, wurde selten so offenkundig als Illusion entlarvt.

Die Medien sind dem Terroristen auf die Erde gestürzte Himmel. Er selbst glaubt sich im Recht und nimmt an, in diesem Medienobdach nicht als Höllen-, sondern als Hoffnungsfigur verstanden zu werden. Er glaubt, er mache in den Medien etwas sichtbar, was sonst unsichtbar bliebe. Das (seit jeher vorhandene) Bild von der „Lügenpresse“ ruft den Terroristen auf den Plan, der der Wahrheit zur Welt helfen will. Er, der sich medienskeptisch gibt, der den etablierten Medien den Kampf ansagt, ist letztlich ganz medienfromm, weil er mit Bildern die angeblichen Lügenbilder bekämpfen will, weil er den Schleier zerreißen will, weil er – der die Augen schließt für immer – unser aller Augenöffner sein will. Der Terrorist hat begriffen, dass das Leid die Währung ist, das die Medien favorisieren: Wer maximales Leiden generiert, wird zum mächtigen Autor seiner selbst und seiner Botschaft.

Der säkulare Terrorist zielt auf die Welt, nicht auf den Himmel. Er sucht kein Asyl in der Transzendenz, sondern er will Aufmerksamkeit auf Erden. Die Anonymität, aus der heraus er handelt, brennt wie Säure auf seiner Haut, ätzt sein Bewusstsein. Seine Tat ist der Versuch, sich einen Namen zu machen, auszubrechen aus dem Ich-Verlies, dem Kreis der Belang- und Bedeutungslosen. Das Jenseits dieses Terrortyps ist das Diesseits der Medien, auf deren Erklärer und Erzähler er hofft. Wer sich selbst keine Geschichte erzählen kann, die ihn zusammenhält, die zählt, die bleibt, die birgt, die den Ich-Fragmenten eine narrative Konsistenz verleiht, die von den anderen respektiert wird, setzt auf die medialen Erzähler, die die Bruchstücke für ihn zusammensetzen, zusammenflicken und mit maximaler Recherche-Energie ein Leben aus dem Schattengrund zerren. Das Leben mag kurz sein, Hauptsache, die mediale Nacherzählung ist lang und lebendig.

Der Terrorist agiert als radikalisierter Unternehmer seines Selbst, er ist bereit, sich selbst auszulöschen, um sich selbst voranzubringen. Er übererfüllt sein Soll als Schüler eines pervertierten neoliberalen Diskurses, er reißt sich buchstäblich in Stücke, um seine Mission zu erfüllen, er nimmt den Imperativ – „Sei flexibel!“ – blutig ernst; an diesem Menschenopfer kommt keiner vorbei, auch nicht die Kameras.

Der Terrorist wird zur medienethischen Reflexions- und Provokationsfigur, anhand derer Medien ihre eigene Aufmerksamkeitspolitik befragen müssen. Was tun wir, um Weltreichweite zu bekommen?

Terroristen mit Facebook-Account

Sein Name soll nicht genannt, sein Bild nicht gezeigt werden? So richtig es ist, die Täter nicht zu heroisieren – fatal und aufschlussreich genug, dass viele Medien sich gerade bemüht sehen, das wieder und wieder festzustellen –, so falsch wäre es, eine Informationspolitik zu betreiben, die an autoritär-diktatorische Bildsäuberungen erinnert. Die redaktionelle Freiheit, sich wieder und wieder neu entscheiden, sich wieder und wieder befragen zu müssen, was man erzählt, was man nennt, was man zeigt, ist ein Zeichen von Reife und ein Selbstvergewisserungsprozess, der als Freiheitsverlust verzeichnet werden müsste, wenn man ihn ein- für allemal abschaffen wollte.

Kann man vom Resonanzterror sprechen, wo Terroristen sich in die Medien bomben, um ihre Signale zu verstärken? Je blutiger die Anschläge, desto gefährdeter sind die Opfer, auch in der Nachbetrachtung zum Opfer zu werden, weil es leichter ist, die Täter zu verabscheuen und sie symbolisch auszustoßen, als mit Empathie die Biografie der Opfer zu erzählen bzw. empathisch angesichts des Schreckens zu reagieren. Um nicht selbst zum Opfer zu werden, traktiert man symbolisch den Täter, seinen Opfern will man lieber nicht zu nahe kommen, sie bleiben im Bezirk der Passivität – sie mussten es erleiden – gefangen.

Terroristen sind Leute, die mit ohrenbetäubenden Aktionen die Stille verscheuchen wollen, die sie umgibt, wenn sie Antwort geben sollen auf die Fragen, die zählen. Weil sie nicht wissen, wer sie sind, machen sie sich mit Blut einen Namen. Technisch sind sie gleichsam versierte Medienunternehmer, die den Schrecken inszenieren, doch ihre Bildversessenheit entlarvt sie als Kinder ihres Jahrhunderts, dem sie partout entkommen wollen.

Der Terrorist greift zur Kamera, um die Unterlegenheit seiner Bataillone auszugleichen. Zur asymmetrischen Kriegsführung gehört, dass der Terrorist Aufgaben an jene delegiert, die er bekämpft: Die Medienresonanz schafft Geisterarmeen. Der Terror von Würzburg, Ansbach und München wird – auch in diesem Satz – zusammengezwungen, so unterschiedlich die Täter und ihre Motive auch sind. Das Alltagsbewusstsein wird attackiert, gereizt: Rucksäcke, Menschenmengen, Koffer, Bärte, Physiognomien – alles kann zum Sender werden, zum Botschafter des Unheils.

Der Terrorist ist ein Ordnungsfanatiker, der der globalen Unordnung beikommen will, weil er die totale Unübersichtlichkeit nicht mehr erträgt. Er sucht nach einem kohärenten Weltbild, das es in der globalen Bilderwelt nicht mehr gibt. Der Terrorist erträgt das Übermaß an Nachrichten nicht, die sich seiner Einordnung entziehen, das ist doch Terror, mag er denken, den die Welt da gegen ihn ausübt: Seine Tat, sein finaler Klärungsversuch, trägt jedoch zur Steigerung der Unübersichtlichkeit bei, die Welt bleibt ruhelos.

Wider die Eskalationstendenzen

Die ‘großen’, die professionellen Medien müssen ihren Dialog mit den sozialen Netzwerken kritischer hinterfragen. Im Augenblick der Tat wirken diese Medien wie Getriebene, die sich der Erregungsspirale ausliefern und im Konkurrenzverhältnis mit Facebook, YouTube oder Twitter, selbst zur sozialen Echtzeitplattform werden wollen. Doch deren Imperative – das Hier und Jetzt und Sofort und das angebliche authentische Bild – dürfen niemals die Agenda der professionellen Medien bestimmen, sonst verlieren gerade sie ihre Glaubwürdigkeit.

Der Show-Charakter des IS-Terrors – sie inszenieren die Täter-Opfer-Interaktion und verstecken sie nicht – hat etwas Ansteckendes, weil die Welt ein Show-Gen in sich trägt und nach Sensationen hungert, nach Neuigkeiten, nach viralen Schocks und Showbiz.

Wie hängt der strukturelle Narzissmus der sozialen Netzwerke mit dem radikalen Narzissmus des Terroristen zusammen? Sind die einen, die vielen, gesund und ist der eine, einer von vielen, krank? Das ist die Grenze wohl kaum. Die Medien pathologisieren die Täter zu schnell, vielleicht auch deshalb, um eigene Deformationen und Pathologien zu verdecken? Oder um die Distanz zwischen den „Gesunden“ und „den Kranken“ zu vergrößern? Die Terroristen der Rote Armee Fraktion (RAF) waren einst noch bemüht, sich zu verbergen und fanden sich dann unfreiwillig auf Steckbriefen wieder; Terroristen heute haben einen Facebook-Account.

Die Medien, insbesondere die politischen Sendungen des Fernsehens, die Talkshows und Magazine, sie versäumen ihren Auftrag, sofern sie sich den Eskalationstendenzen des Terrors anpassen und auf monothematisch schalten. Gerade in Zeiten des Terrors müssen andere wichtige Themen hochgehalten, medial weiter bearbeitet werden, sonst droht diskursiver Erstickungstod. Medien müssen stets den Imperativ der Simultanität im Auge behalten und auch das abbilden, was gerade nicht in der Schreckenszone passiert. Der Terrorist will alleine herrschen, Medien müssen teilen, müssen viele Geschichten ausbalancieren. Wer nur einer Geschichte folgt, erleidet ebenfalls ihre Gewalt, auch wenn er mit dem Leben davonkommt. Wer viele Geschichten behauptet und erzählt, ist freier.

22.08.2016/MK