Aufbruch, Aufbau, Zukunft

Zum dritten Mal zur Intendantin gewählt: Dagmar Reim und der RBB

Von Steffen Grimberg
29.06.2012 •

Natürlich war die Wiederwahl von Dagmar Reim als Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) keine Überraschung. Doch wie schnell der Rundfunkrat am 21. Juni im Wortsinne wieder zur Tagesordnung überging, wie routiniert er auf seiner Sitzung an diesem Donnerstagnachmittag nach der Intendantenkür(vgl. FK-Meldung) die Agenda weiter abarbeitete, das wunderte dann schon. Selbst der Blumenstrauß für die mit großer Mehrheit Wiedergewählte wurde fast nebenbei überreicht, der anschließende Fototermin fiel mehr als knapp aus. Und dann ging‘s weiter im Programm.

Dagmar Reim und der RBB: Nun also auf ein Drittes. Seit „Betriebsbeginn“ der im Jahr 2003 aus der Fusion von Ostdeutschem Rundfunk Brandenburg (ORB) und Sender Freies Berlin (SFB) hervorgegangenen jüngsten Anstalt der ARD führt sie das Haus. Bei ihrem ersten, überraschenden Sieg wurde sie noch von den Mitarbeitern mit Standing Ovations empfangen – auch weil dem RBB der von der Politik eigentlich gewünschte Kandidat, der WDR-Mann Ulrich Deppendorf, erspart blieb. Heute würde wohl nicht mehr so viel geklatscht – die erste Frau an der Spitze einer öffentlich-rechtlichen Anstalt, die Hoffnungsträgerin, ist längst im Alltag angekommen.

Die acht Gegenstimmen, die die Intendantin nach der Wahl mit ironischen Anmerkungen zu Nordkorea und der ehemaligen DDR wegwischte („Ich freue mich, dass wir kein nordkoreanisches Ergebnis haben; im ehemaligen Lande Erich Honeckers sollte man Einstimmigkeit nicht anstreben“), dürften sie insgeheim aber doch ärgern. Denn Reims Bilanz fällt zwar gemischt, aber überwiegend positiv aus. Problemkind ist und bleibt das Fernsehen, das zu den schwächsten Dritten Programmen gehört. Im Radio ist der RBB dagegen auch im ARD-Vergleich gut aufgestellt; die harte Konkurrenz auf dem dichter als anderswo besetzten Hörfunkmarkt der Hauptstadtregion hält die RBB-Wellen auch in ihrem eigenen Interesse auf Trab. 

Das hat so noch keine ARD‑Anstalt geschafft

Dagmar Reims größte Baustelle war von Beginn an struktureller Art: Die sich mit unverhohlenem Argwohn beäugenden Vorgängeranstalten – hier der angeblich völlig verfettete SFB, dort in Potsdam der schlanke, junge ORB – zusammenzubringen, war alles andere als eine kleine Leistung. Zwar wurde in der Hauptstadtpresse kurz vor der Wiederwahl Reims noch einmal kritisch angemerkt, dass die Vereinigung intern auf sich warten lasse und jegliches Ansinnen, einen Arbeitsplatz in Berlin gegen einen mittlerweile gleich bezahlten Job in Potsdam einzutauschen, von manchen Mitarbeitern immer noch als Verstoß gegen die Menschenrechte empfunden werde. Zwar fährt die Intendantin bis heute mit jährlich wechselndem Autokennzeichen durchs Land, um zu demonstrieren, dass der RBB seinen Sitz in Berlin, aber eben auch in der brandenburgischen Landeshauptstadt hat (2012 ist daher ein „Potsdam-Jahr“ beim RBB). Doch insgesamt ist die Fusion abgeschlossen – und gelungen. 

Aus zwei (unterfinanzierten) Fernsehprogrammen eins zu machen, das hat so noch keine andere ARD-Anstalt geschafft. Zudem hat Reim den RBB auch finanziell konsolidiert, trotz der bis heute signifikant höheren Befreiungsquote von der Rundfunkgebühr wegen der vielen Transferleistungsempfänger in Berlin, aber auch im Flächenland Brandenburg. Den anderen ARD-Anstalten hat Reim dabei Respekt und Geld in Form von Darlehen abgetrotzt. Und nicht lange gefackelt: Radio Multikulti, das bunte Kind aus Berlin, musste ebenso dran glauben wie das im ARD-Fernsehen ausgestrahlte und vom RBB verantwortete Zeitgeist-Magazin „Polylux“ (vgl. FK-Hefte Nr. 21/08 und 22/08). Auf dem Höhepunkt der Krise drohte die RBB-Chefin mit der Einstellung weiterer Hörfunkwellen, um ihre Kollegen im ARD-Rund gefügig zu machen.

Vom „Aufbau“ spricht Dagmar Reim, wenn es um diese Phase ihrer zweiten Amtszeit, nach dem „Aufbruch“ der Senderfusion und der RBB-Gründung, geht. Und ihre Kritiker im eigenen Haus merken an, dass es eher ein Abbau gewesen sei, der sich vor allem zu Lasten der freien Mitarbeiter ausgewirkt habe, die wie überall auch beim RBB die Hauptlast des Programms und des kreativen Inputs stemmen.

Ihr „übergeordnetes Ziel“ sei seit 2003 konstant – nämlich „dem RBB Strahlkraft zu geben“. So hatte Reim es kurz nach ihrer ersten Wahl verkündet. Nach „Aufbruch“ und „Aufbau“ steht nun „Zukunft“ über ihrem dritten Leitungsabschnitt. Das lässt aufhorchen. Nicht nur, weil schon bei Bekanntgabe ihrer Kandidatur für die dritte Amtszeit im März 2012 allseits spekuliert worden war, Reim werde aber wohl kaum die vollen fünf Jahre bis 2018 durchziehen. Sondern auch, weil „Zukunft“ doch recht beliebig-plakativ klingt. Und die heute 60-Jährige soll nach Meinung mancher im Sender mit der schönen neuen Medienwelt eher fremdeln.

„Zukunft“ soll nun als erstes beim Fernsehen beginnen, schon am 13. August starten erste neue Formate des RBB Fernsehens, es soll nun „noch mehr Schräges aus Berlin und Brandenburg“ ins Programm finden. Und mehr Pep wäre für das Dritte auch dringend nötig. Doch was die Rundfunkräte gleich nach der Intendantenwahl in ihrer Sitzung von Programmdirektorin Claudia Nothelle zu hören und zu sehen bekamen, zeugte eher davon, dass der RBB im Fernsehen weiter keine großen Sprünge machen kann.

Neues Selbstbewusstsein: Die dritte Chance

Dass sein bisheriges Angebot als wenig überraschend und nicht sonderlich unterhaltend beim Zuschauer ankommt, hatte sich der Sender per Studie selbst zuvor noch einmal vor Augen geführt. Nun solle „jungen Fernsehmachern“ eine Chance gegeben werden, erklärte Reim. Und in der Tat finden sich mit einigen Adaptionen aus den hauseigen-jüngeren Radiowellen Ansätze im Fernsehprogramm wieder – von den bei Radio Eins entwickelten „Literaturagenten“ mit Dieter Moor bis zu Radio-Fritz-Moderator Chris Guse, der auf dem künftigen „Innovationsplatz“ am späten Donnerstagabend mit „Guse TV“ provozieren darf. „Techno, Titten, Tierbabys“ war denn auch der Claim im dem Rundfunkrat präsentierten Ausschnitt dieser „etwas anderen Late Night Show“. Mittwochs soll ein neues Format, der „Berlin-Brandenburg-Check“, mit „sehr neuer und junger Handschrift“ (Nothelle) an den Start gehen und Hauptstadtkiez wie Havelland austesten. Insgesamt wirkte zumindest der Vortrag vor dem Gremium allerdings eher bemüht als innovativ.

Trotzdem ist der RBB hier quasi zum Erfolg verdammt. Denn an das Standing des hauseigenen Fernsehens gekoppelt ist und bleibt die ARD-weite Wahrnehmung des RBB in programmlicher Hinsicht. Der „Tatort“ und der „Polizeiruf 110“ des RBB rangieren im guten Mittelfeld. Kurt Krömer war die bislang letzte „Entdeckung“ des Senders. Immerhin hat der Comedian seine Drohung, 2012 nicht mehr im Fernsehen präsent zu sein, zurückgezogen. Im August startet sein neues vom RBB verantwortetes Projekt „Krömer – Late Night Show“ im Ersten.

Nun ist dem Sender als drittkleinster Anstalt der ARD klar, dass ihm die ganz großen Sprünge verwehrt bleiben werden: „Sparen gehört zu unserer DNA“, sagte denn auch Dagmar Reim am Tag ihrer Wiederwahl im Kurzinterview mit dem eigenen Programm. Doch immerhin ist der RBB nicht mehr von Almosen der anderen abhängig, was Reims Position im Senderverbund nicht gerade abträglich ist – und möglicherweise auch Zeichen für künftige Ambitionen sein könnte. Schließlich war die prekäre Finanzlage stets als Grund genannt worden, warum der RBB gleich zweimal keinen Gebrauch von dem Angebot machte, den turnusmäßig unter den Anstalten rotierenden ARD-Vorsitz zu übernehmen. Durch Umstellung vom Geräte- auf das Beitragsmodell im nächsten Jahr dürfte sich die Situation für den bislang überproportional von sozialen und demografischen Effekten betroffenen RBB weiter entspannen. Aufsichtsratsvorsitzende der nicht ganz unwichtigen ARD-Filmtochter Degeto ist Dagmar Reim bereits. Eine dritte Chance auf den höchsten ARD-Posten werde sie sich nun wohl auch nicht mehr entgehen lassen, heißt es selbstbewusst im Sender.

• Text aus Heft Nr. 26/2012 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

29.06.2012/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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