Welch ein Fernsehsportwochenende! Tennis- und Handball-Erfolge, Selbstkritik und Millionen Zuschauer

04.02.2016 •

04.02.2016 • Ein ungewöhnliches Sportwochenende des Fernsehens begann am 29. Januar (Freitag), als das ZDF das Halbfinale der Handball-Europameisterschaft der Männer aus Polen übertrug. Deutschland galt im Spiel gegen Norwegen als Außenseiter. Das junge deutsche Team hatte zu Beginn des Turniers gegen Spanien verloren, während die Norweger ohne eine einzige Niederlage die Vorrunde überstanden hatten. Im Spielverlauf wirkten die Norweger gefestigter und so war es kein Wunder, dass sie bis zweineinhalb Minuten vor Schluss führten. Doch in einem starken Endspurt kam die deutsche Mannschaft noch heran und erzielte kurz vor dem Abpfiff den Ausgleich. Es gab Verlängerung. Hier führten dann die Deutschen lange – und diesmal kamen die Norweger heran und erzielten 50 Sekunden vor dem Schlusspfiff den Ausgleich. Es stand 33:33. Träfen die Deutschen nach dem Anwurf nicht, käme es zu einer weiteren Verlängerung. Doch mit dem letzten Spielzug traf Kai Häfner zum entscheidenden letzten Treffer. Deutschland siegte 34:33 und stand damit sensationell im EM-Finale am Sonntag (31. Januar).

Am Samstag dieses Wochenendes übertrug Eurosport am Vormittag das Endspiel der Damen beim Australian-Open-Tennisturnier in Melbourne. Angelique Kerber, die in vielen wichtigen Matches ihrer Karriere bislang Nerven gezeigt und oft genug nach am Ende desaströsen Leistungen verloren hatte, war diesmal im Viertelfinale ein Sieg über ihre Angstgegnerin Victoria Azarenka (Weißrussland) gelungen, woraufhin sie im Halbfinale gegen ihre Gegnerin Johanna Konta (Großbritannien) ohne große Probleme gewonnen hatte. Nun musste sie gegen die Turnierfavoritin Serena Williams (USA) antreten, die das Turnier bis dahin dominiert hatte.

Wer erwartete, dass Angelique Kerber nun ängstlich auftreten würde, sah sich getäuscht. Mutig, engagiert und mit viel Elan stürzte die 28-Jährige sich in jeden Ballwechsel, attackierte den zweiten Aufschlag der Amerikanerin früh und wich auch bei deren erstem Aufschlag nicht nach hinten zurück. Das zeigte bei Serena Williams Wirkung. Sie machte ungewohnt viele Fehler, schien auch lange Zeit kein Rezept gegen das aggressive Spiel der Deutschen zu haben. So gewann Kerber überraschend den ersten Satz mit 6:4. Im zweiten kam dann Williams zurück. Mit ihren harten Vorhandbällen trieb sie die Deutsche über den Platz, bis diese nur noch kurz oder hoch zurückspielen konnte, was der Amerikanerin den Gewinnschlag ermöglichte. Williams entschied den zweiten Satz mit 6:3 für sich.

Doch im dritten Satz, in dem die meisten Fachleute wieder einen Einbruch von Angelique Kerber erwartet hatten, kam sie zurück. Sie wusste auf jeden harten Schlag von Serena Williams eine Antwort, spielte ungewohnte Stopps und platzierte ihre nicht ganz so harten Aufschläge sehr präzise. In dieser Phase erreichte das Endspiel eine Qualität, wie sie das Damentennis seit einigen Jahren vermisst hatte. Kerber führte bald mit 5:2. Als sie die nächsten beiden Spiele abgab, glaubte mancher, dass sie angesichts des möglichen, so nah erscheinende Finalsiegs doch noch unsicher würde. Aber es war, als wollte Kerber damit nur die Spannung steigern. Denn im entscheidenden zehnten Spiel bewies sie, dass sie ihre Nerven im Zaun halten kann. Als der letzte Ball von Williams um zehn Zentimeter im Aus landete, ließ sich Kerber nach hinten auf den Boden fallen: Sie hatte den größten Sieg ihrer Laufbahn gelandet. Es wurde zugleich der erste deutsche Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier, seit Steffi Graf 1999 die French Open in Paris gewonnen hatte.

Marco Hagemann hatte für Eurosport 1 das Tennismatch gut kommentiert. Anders als sein Kollege Matthias Stach hält er sich mit privaten Geschichten über die Akteure auf dem Platz zurück. Zugleich weiß er das Spiel gut zu lesen. Irgendwann, als auch ihn bei diesem tollen Endspiel in Melbourne die Spannung übermannte und er gleichsam Angelique Kerber anfeuerte, bemerkte er, dass er des Guten zu viel tat. Er bat für seine Parteilichkeit um Entschuldigung und versprach, zu einer gewissen Zurückhaltung zurückzukehren. Das gelang ihm in der Tat, so war er auch der Erste, der bemerkte, wie souverän Serena Williams mit der Niederlage umging. Die Amerikanerin schien sich mit Kerber über deren Sieg zu freuen, ja, sie half mit manchen Worten und Gesten der überwältigten Deutschen dabei, ihre Fassung zurückzugewinnen. So fand ein hochklassiges Spiel voller Emotionen ein würdevolles Ende.

Am Sonntag übertrug dann die ARD im Ersten das in Krakau stattfindende Endspiel der Handball-EM zwischen Deutschland und Spanien. Und Kommentator Florian Naß (HR) bewies wie schon bei anderen Spielen der deutschen Mannschaft, dass er selbstkritische Distanz, wie sie bei seinem Kollegen von Eurosport festzustellen ist, nicht mitbekommen hat. Der ARD-Reporter verstand sich wie Christoph Hamm, der das Halbfinale fürs ZDF am Mikrofon kommentiert hatte, als gleichsam oberster Fan der deutschen Mannschaft. Naß wie Hamm analysierten weniger das Spiel, als dass sie dessen emotionalen Gehalt wiedergaben. Führte das deutsche Team, zeigten sie sich freudig erregt. Lag die Mannschaft zurück, redeten sie ihr gut zu. Fairerweise ging das nicht so weit, dass sie etwa Fouls der deutschen Handballer ignorierten oder Schiedsrichterentscheidungen nur dann kritisierten, wenn sich diese gegen die Deutschen richteten. Nein, da zeigten sich beide als regelkundig und sachverständig. Aber immer dann, wenn es eng wurde, wollten sie sich am Mikrofon so kämpferisch zeigen wie die Spieler auf dem Feld.

Doch so emotional wie das Halbfinale oder zuvor das Viertelfinale des deutschen Teams gegen Dänemark (Mittwoch, 27. Januar) verlief dieses Endspiel nicht. Die Deutschen zeigte ihre beste Turnierleistung und schüchterten die favorisierten Spanier regelrecht ein, so dass sie ungewöhnlich häufig über oder neben das Tor warfen. Den Rest hielt der phänomenale deutsche Torhüter Andreas Wolff, der an diesem Tag über sich hinauswuchs. Schon Minuten vor Abpfiff, als die deutsche Mannschaft uneinholbar mit neun Toren Vorsprung führte, feierten die Spieler auf der Ersatzbank wie die Zuschauer in der Halle den deutschen Sieg, der die Europameisterschaft bedeutete. Am Ende hatte Deutschland mit 24:17 gewonnen. Und die Fernsehzuschauer mussten sich erst einmal von einem spannenden Sportwochenende erholen, wie man es selten erlebt. Das Handball-Finale von Krakau sahen im Ersten 12,96 Mio Zuschauer (Marktanteil: 41,9 Prozent), beim Tennis-Endspiel in Melbourne waren 1,49 Mio Zuschauer bei Eurosport 1 dabei (Marktanteil: 14,7 Prozent).

04.02.2016 – Dietrich Leder/MK

Serena Williams und Australian-Open-Siergerin Angelique Kerber (re.)

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Der Pulk der Fotografen in Krakau: Natürlich wollen Sie alle...

...den neuen Handball-Europameister ablichten: das Team Deutschlands

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