Roswitha Quadflieg: KönigsSohn (NDR Info)

Selten so schöne Szenenwechsel

01.07.2015 •

Sich mit jemandem persönlich auszusprechen, kann eine schwierige Angelegenheit sein. Zumindest dann, wenn die betreffende Person partout nicht mit einem reden will. Aber was taugt bloß als Alternative zu einem klärenden Vieraugengespräch? Wolfgang Amadeus Dahlke, eine von zwei zentralen Figuren aus dem autobiografisch inspirierten Hörspiel „KönigsSohn“ von Roswitha Quadflieg, hat da eine Idee. Am Abend seines 49. Geburtstags bereitet er in seiner Wohnung ein Festessen für zwei Personen vor – für sich selbst und den von ihm hinzuimaginierten Vater, den berühmten Opernsänger Dolf König. Der steht dem verleugneten und verstoßenen Sohn nur als herbeigedachter Ehrengast zur Verfügung. Die Abrechnung mit dem Vater erfolgt unter stetig wachsendem Alkoholeinfluss.

Dem Hörer bietet sich dennoch ein Dialog. Erreicht wird dieser Effekt durch die geschickte Verschränkung vom Monolog des Sohnes (Michael Evers) mit einem Selbstgespräch des abwesenden Vaters (Otto Mellies). Der 84-jährige Bassbarriton begibt sich nach dem Bühnenende – besser gesagt: nach dem Rausschmiss durch den Intendanten – in sein Stammlokal, um dort seine Wunden zu lecken. Gesellschaft leistet ihm dabei Frau Schnur (Edda Loges), die betagte Mutter des Wirtes (Rolf Petersen); allerdings schläft sie schon bald ein.

Dolf Königs beste Zeiten liegen lange zurück. Die Karriere hatte ihren Höhepunkt bereits vor vielen Jahren überschritten und ist nun endgültig vorbei. Seine langjährige Ehefrau ist schon vor einiger Zeit verstorben. Die jetzige, um drei Jahrzehnte jüngere Frau Maya (Astrid Meyerfeldt), die ihn auch veranlasste, in das norddeutsche „Kaff“ zu ziehen, wo sie jetzt wohnen, hat – mit seinem Wissen – regelmäßig Affären. Aus der schwermütigen Grundstimmung heraus zieht der einstige Bühnenstar eine Lebensbilanz, die Selbstgerechtigkeit und fehlendes Verantwortungsbewusstsein offenbart. Für diese Erkenntnis ist er selbst jedoch blind.

Auch Wolfgang Amadeus, der diesen Vornamen hasst, blickt auf sein Leben zurück. Er erläutert dem Vater, seinem Gast, den verhängnisvollen Einfluss von dessen Abwesenheit und Zurückweisungen. Nur ein einziges Mal, so erfährt man, hat Dolf sich zu seinem unehelichen Sohn bekannt. In einem von 1946 stammenden Brief an den aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrenden Ehemann von Wolfgangs Mutter Edda entschuldigt er sich für die „Unannehmlichkeiten“ und bietet seine Hilfe bei der Versorgung des Jungen an – leere Versprechungen. Als Wolfgang im Erwachsenenalter Kontakt zu Dolf König sucht, zweifelt der die Vaterschaft an und schickt ihn fort. Sogar als ihm Wolfgang Jahre später die Nachricht vom Tod seiner Mutter Edda überbringt, weist ihn der Vater erneut ab.

In diese von gedankenschwerer Passivität geprägte Atmosphäre bringt Dolf Königs eheliche Tochter und damit Wolfgangs Halbschwester Johanna (Sabina Trooger Benestante) ein wenig Schwung, indem sie den finalen Handlungsverlauf von „KönigsSohn“ in Gang setzt. Sie erfährt zwar erst aus einer Todesanzeige von Wolfgang, der dann an seinem 49. Geburtstag einem Herzversagen erlegen ist, nimmt daraufhin aber Kontakt zu dessen Freundin Paula auf. Sie senden besagten Brief aus dem Jahr 1946, der sich unter Wolfgangs Sachen befindet, gemeinsam mit der Todesanzeige anonym an Dolf König. Als der gewesene Star dann nach Hamburg fährt, um seine Garderobe in der Oper zu räumen, findet er das Schreiben vor, liest es und nimmt sich in der Elbe das Leben.

Die Schauspieler in dem vom NDR unter der Regie von Beate Ziegs produzierten 55-minütigen Hörspiel, das auf der gleichnamigen Erzählung von Roswitha Quadflieg basiert, spielen ihre Rollen wirklich überzeugend. Besonders der emotional labile Wolfgang und der herrisch auftretende Dolf sind hervorragend getroffen, gekonnt wird der bei beiden Figuren im Verlauf der Handlung steigende Alkoholpegel widergespiegelt. Jedoch hat der Zuhörer gelegentlich auch mit langatmigen Passagen zu kämpfen, zumeist dann, wenn die beiden im Fokus stehenden Männer sich in ihrem Selbstmitleid gehen lassen. Gejammer und Wehleidigkeit hören sich nun mal nicht gut an. Was die Chronologie der ineinandermontierten Szenen angeht, muss man genügend Aufmerksamkeit aufbieten, um sie in die richtige Reihenfolge zu bringen. Die Ordnung erschließt sich aber indirekt. Durch das elegante Verknüpfen der Handlungsstränge – selten hört man in Hörspielen so schöne Szenenwechsel – und durch eine gewählte, kunstvolle Sprache gelingt es jedoch, die Tragik der gezeigten Ereignisse eindrücklich herauszuarbeiten.

01.07.2015 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 23/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren