Madeleine Giese: Wo fängt die Wand an? (SR 2 Kulturradio)

Nicht jede Komödie ist Kunst

05.05.2017 • Auch Hörspieldramaturgien tun sich schwer damit, unterhaltsame Gegenwartsstoffe zu finden. Theatern – vor allem in kleinen Großstädten – geht es da keinen Deut anders. So muss es wohl zu der Überlegung gekommen sein, dass man aus einer Komödie für die kleine Bühne samt der klassischen Einheit von Raum und Zeit ja auch gleich ein Hörspiel machen könnte. Die Unterschiede, so scheint man beim Saarländischen Rundfunk (SR) gedacht zu haben, sind so gering, dass eine Adaption überhaupt kein Kunststück sei.

Madeleine Giese, 1960 im saarländischen Lebach geboren, hat nach einer Schauspielausbildung in Frankfurt am Main und Engagements an Bühnen vorwiegend im süddeutschen Raum ihre Haupttätigkeit aufs Schreiben verlegt. Neben Kriminalromanen schrieb sie in den letzten Jahren auch einige Folgen für die Hörspielreihe „ARD Radio Tatort“ und neuerdings ist sie zudem Autorin von Bühnenstücken. 2016 wurde im Museum Pfalzgalerie in Kaiserslautern, Gieses aktuellem Wohnsitz, ihr neues Theater-Opus „Wo fängt die Wand an?“ aufgeführt. Dem ging in Kaiserlautern jeweils am selben Tag die Aufführung von Yasmina Rezas Welterfolg „Kunst“ voraus.

Thematisch haben die beiden Stücke oberflächlich gewisse Ähnlichkeiten. Gieses nun vom SR auch als Hörspiel realisierte Kriminalkomödie allerdings reicht nicht entfernt an den Furor von Rezas bereits 1994 in Paris uraufgeführtem Theaterstück. Die Messlatte hängt zu hoch. Madeleine Giese reduziert die Möglichkeiten eines solchen Stoffs auf regionale Gegebenheiten, kleinere menschliche Unzulänglichkeiten und nicht minder kleine Seitenhiebe auf Kunstkritiker, Museumsleute und Politiker. Alles in allem eine wenig originelle Mischung, mit der die Autorin sich keinen Gefallen getan hat. Die einfach gestrickte Handlung soll durch den Vorgang einer Fälschung – verbunden mit einer Prise gefühliger menschlicher Tragik – aufgeraut werden. Das Webmuster bleibt trotz der intendierten Spannungssteigerung eher grob.

Und darum geht es: Ein berühmtes Gemälde von Max Slevogt war der größte Schatz eines regionalen Museums – und wurde gestohlen. So scheint es im ersten Moment. Sehr schnell stellt sich dann heraus, dass an der Stelle dieses Bildes ein durch und durch weißes Exponats an der Wand hängt. Der verstörte und ohnehin etwas zaghafte stellvertretende Museumsdirektor stellt erleichtert fest, dass es sich dabei um das Werk eines zeitgenössischen Malers handelt, der zwar seit Jahren kaum mehr auf dem Kunstmarkt präsent ist, aber doch noch immer einen gewissen Namen hat. Immerhin.

Aufregung greift um sich. Die Anwesenden – das Personal hat natürlich die Dimensionen eines Zimmertheaterstücks – mutmaßen alles Mögliche und verstricken sich dabei nicht nur in allerlei Schuldzuweisungen, sondern mit zaghaftem ironischen Gestus auch in den Austausch von definitorischen Pretiosen wie: „Der Künstler konfrontiert die physische Existenz mit dem gesellschaftlichen Corpus.“ Dass sich dabei ein „doppelbödiges Spiel um Kunst und Identität“ ergibt (so der SR in seinem Pressetext zum Stück), kann man als Hörer nicht so recht glauben. Zu harmlos ist das Ganze, zu gewollt unterhaltsam.

Die Autorin hat sich zweifellos zum Thema Kunst und Kunstmarkt Gedanken gemacht, ist dabei aber leider sehr im Allgemeinen stecken geblieben. Die Regie von Martin Zylka ist um Tempo und Pointierung bemüht, kommt jedoch gegen die gelegentlich zu pädagogisch unterfütterte Dialogführung nicht an. Die Untermalung durch Modest Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ in elektronisch verfremdeter Form verfällt ebenfalls in den leicht didaktischen Duktus des Stücks. Diese Komposition gilt ja seit ihrer Uraufführung im Jahr 1874 als Inbegriff der Programmmusik und hat ihren ganz eigenen Zauber. Aber hier ist sie auf verlorenem Posten. Eine zeitgenössische musikalische Grundierung hätte es dem Hörer vielleicht nicht ganz so leicht gemacht, aber dem Stück ein eigenes Flair geben können.

Das halbe Dutzend versierter Schauspieler – darunter Josef Ostendorf, Martin Reinke und Tanja Schleiff – versucht mit unterschiedlichem Erfolg, den jeweiligen Rollen Kontur und Präsenz zu geben. Es wird also, wer leichte, kleine Komödien und salzarmes Amüsement gerne mag, bei diesem Hörspiel auf seine Kosten gekommen sein. Andere sind wohl eher außen vor geblieben.

05.05.2017 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK