Poesie und Realität im Radio: Aus der Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden 2015

02.06.2015 •

Von Hans-Ulrich Wagner l Das Autorenteam Katharina Bihler und Stefan Scheib, bekannt als Liquid Penguin Ensemble, erhielt am 12. Mai in Köln für sein Stück „Ickelsamers Alphabet“ den ‘Hörspielpreis der Kriegsblinden – Preis für Radiokunst’. Die beiden Saarländer konnten damit einen Doppelerfolg feiern. Denn Anfang dieses Jahres hatte die dreiköpfige Jury für das ‘Hörspiel des Monats’ bereits ebendieser Produktion die Auszeichnung auch als ‘Hörspiel des Jahres 2014’ zuerkannt (vgl. MK 4/15). „Ickelsamers Alphabet. Dictionarium der zierlichen Wörter“, so der komplette Titel der rund 60-minütigen, äußerst kurzweiligen, wunderbar sprach-, sprech- und lautspielerischen Aufnahme, hat es also wunderbar in sich: Es ist Radiokunst, akustische Kunst, Hör!Spiel! auf höchstem und höchst vergnüglichem Niveau.

Dabei fiel die Entscheidung der Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden, jetzt zum 64. Mal veranstaltet, am Ende knapp aus, denn auch das zweitplatzierte Autorenteam wusste zu überzeugen. Peter F. Müller, Leonhard Koppelmann und Michael Müller hatten in gut 170 Minuten eine „Begegnung mit dem Bösen“ ausgelotet – eine gerade im akustischen Medium überzeugende Produktion über den Nazi-Verbrecher Klaus Barbie und dessen zweite Karriere nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Aber auch die Leistung des dritten in diesem Jahr nominierten Autors ist hoch zu schätzen: Der in Berlin lebende Hermann Bohlen unterstrich in seinem Stück „Lebensabend in Übersee“ wieder einmal sein Talent für literarische Überspitzung und überraschende Einfälle. Dem Thema „Überalterung“ dürfte selten so schön satirisch überspitzt begegnet worden sein.

Schauspielerstimmen und Hörspielkomponisten

Diese drei Nominierungen für den Hörspielpreis der Kriegsblinden waren im März dieses Jahres in drei Abstimmungsrunden aus der Jurysitzung in Hamburg hervorgegangen. Insgesamt standen diesmal 22 Einreichungen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten aus Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz sowie eine Einreichung durch die Jury zur Diskussion. Die 14 Mitglieder zählende Jury – sechs blinde Juroren, sieben Fachkritiker und die Vorsitzende Anna Dünnebier – arbeiteten sich durch ein Korpus unterschiedlichster Hörspielproduktionen. Darunter komplex und raffinert gebaute Stücke, und hier muss an erster Stelle Walter Adlers Inszenierung von Lothar Trolles „Judith“ genannt werden, ein vielschichtiges Oratorium um Gott und die Menschen, um Krieg und Liebe, um Helden- und Wundergeschichten (Deutschlandfunk/HR). Darunter klassische Erzählhörspiele, über deren literarische Tragfähigkeit man geteilter Meinung war – etwa im Fall von „Der Mentor“, einer „Literaturbetriebskomödie“ des Erfolgsautors Daniel Kehlmann (MDR/WDR/ORF).

Welche Schwerpunkte aber kann man innerhalb des breiten Spektrums ausmachen? Zuallererst gilt: 2014, das kristallisierte sich deutlich heraus, war ein Jahr der akustischen Poesie. Ein zweiter Aspekt war die deutsche Vergangenheit: Nicht nur im Fernsehen, nein, gerade auch im Hörspiel wurde Geschichte verhandelt. Bleiben drittens die Fragen nach aktuellen gesellschaftlichen Stoffen und der Hinweis auf jüngere Autorentalente.

Es ist ein einfaches Kinderspiel, ein alphabetisches „Stadt-Land-Fluss“-Arrangement. Die beiden Sprecher Traute Hoess und Felix von Manteuffel spielen es durch wie zwei in die Jahre gekommene Kinder. S wie Suppe, K wie Kuh, D wie Das erste Mal… – vom jeweiligen Buchstaben ausgehend wird geflunkert und gealbert, phantasievoll assoziiert, Begegnungen aus dem Leben werden erinnert, ein Wettstreit zwischen Mann und Frau wird ausgetragen. Das alles ist ein genau kalkuliertes Stegreifspiel, dessen Regeln vom Autorenteam „Auftrag:Lorey“ – das sind Stefanie Lorey und Bjoern Mehlig – gesetzt werden. Unter dem spielerischen Titel „Bouncing in Bavaria“ (HR) gelingt in diesem Stück scheinbar kinderleichte poetische Hörspielkunst.

Produktionen wie diese und wie das preisgekrönte Hörspiel um „Ickelsamers Alphabet“ zeigten speziell im zurückliegenden Jahr die wunderbare Fähigkeit des akustischen Mediums, poetische Welten zu erfinden und sie heiterernst durchzuspielen. Die Stimmen tragen dazu entscheidend bei, neben Traute Hoess und Felix von Manteuffel sind hier Hans Peter Hallwachs, Wolf-Dietrich Sprenger, Jens Harzer, Dagmar Manzel und Corinna Harfouch hervorzuheben, die in den Stücken zu hören waren. Doch auch mehrere Hörspielkomponisten sind zu nennen. Der in München lebende Musiker Pierre Oser etwa schuf den Klangraum für das „Judith“-Oratorium. Catherine Milliken und Dietmar Wiesner, Mitglieder im regelmäßig auch fürs Hörspiel arbeitenden Ensemble Modern in Frankfurt am Main, begaben sich auf eine Spurensuche nach Bunyah, der Farm und dem Rückzugsort des australischen Poeten Les Murray. Die Stimme des Mittsiebzigers Les Murray, die Field-Recording-Aufnahmen auf dem Weg zum australischen Domizil umrahmen die traumhaft-spielerischen Vertonungen von Gedichten Les Murrays im nach dem Ort benannten Hörspiel „Bunyah“ (SWR).

In diesem Zusammenhang stand auch die Nachnominierung durch die Jury selbst, das Stück „Versuch über die kasachische Steppe. Lieder aus Stalins Lager“ (HR). Mit dem roten Faden der Lieder der Gauner und Kriminellen erzählt hier die in Frankfurt am Main lebende russische Schriftstellerin Olga Martynova eine Familiengeschichte. Von der Lagerhaft unter Stalin über das Leningrader Studentenmilieu der 1960/70er Jahre reicht die Erzählung bis in die Gegenwart, bis an die protzigen Gräber von Bandenchefs in St. Petersburg. Getragen wird das Ganze von den Liedern und Balladen, die Oleg Jurjew zur Gitarre singt, nicht schwermütig und kitschig, sondern als Teil einer Geschichte, die immer wieder von der Macht des Erzählens und der Literatur berichtet.

Europa im Weltkrieg

Womit wir beim zweiten Schwerpunkt sind. Wie schon für zurückliegende Jahre gilt auch für 2014: Zeitgeschichte ist im Hörspielprogramm sehr präsent. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor einhundert Jahren bescherte den Spielplänen im vergangenen Jahr eine ganze Reihe von „Weltkrieg“-Produktionen – literarische Panoramen wie die von Alfred Döblins Roman „November 1918“, regionale Spurensuchen in deutsch-französischen Grenzgebieten sowie Hörspielprojekte, die authentische Dokumente von Betroffenen in ganz Europa zusammenstellten. Der Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden lag jedoch überraschenderweise nur eine einzige Einreichung zum Thema „Erster Weltkrieg“ vor und diese stammte von der Hörspielabteilung des Schweizer Rundfunks (SRF) in Basel.

„Die Schweiz im Ersten Weltkrieg“ lautete das Thema, mit dem die SRF-Redaktion fünf Autoren eingeladen hatte, sich an einem Projekt der europäischen Rundfunkunion EBU zu beteiligen. „Europe 1914: Audio Snapshots from a Continent at War“ lautete der Titel des EBU-Projekts. Die fünf jeweils etwa zehn Minuten langen Schweizer Hörspiele von Andreas Sauter, Hanspeter Gschwend, Gerhard Meister, Lukas Holliger und Daniela Janjic überzeugten die Jury unterschiedlich. Vergnügen bereitete speziell das Stück „Fernster schließen! Fenster schließen!“, eine schöne und bitterböse Geschichte Gerhard Meisters von der Züricher Spiegelgasse, in der 1916 die Dadaisten, der Revolutionär Lenin und ein Metzger zusammenkamen.

Zwei herausragende Produktionen beschäftigten sich mit der Nazi-Vergangenheit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, also mit dem, was der Zeithistoriker Peter Reichel die „zweite Geschichte des Nationalsozialismus“ nannte. Über das schließlich für die Endabstimmung nominierte Hörspiel „Klaus Barbie – Begegnung mit dem Bösen“ (WDR) wurde in der Jury intensiv diskutiert, wobei die Frage „Feature oder Hörspiel?“ im Raum stand. Es war gleichsam die Wiederbelebung einer Debatte, die in den unmittelbaren Nachkriegsjahren bereits geführt wurde und heute sicherlich nicht mehr mit den Gegensatzpaaren „dokumentarisch – fiktional“, „journalistisch – literarisch“ bestritten werden kann. Nicht nur sind Feature und Hörspiel mittlerweile in einer redaktionellen Verantwortung, sondern die künstlerisch-publizistische Leistung einer Produktion muss daran gemessen werden, wie überzeugend die verschiedensten Ausdrucksmittel eingesetzt werden. Im Fall der „Barbie“-Produktion sind dies nicht nur, aber eben auch O-Ton-Dokumente und Berichte von investigativen journalistischen Bemühungen. Entscheidend ist, dass dem Team um Regisseur Leonhard Koppelmann etwas Besonderes gelungen ist – die Analyse des Bösen im Menschen.

Feature oder Hörspiel?

Das zweite Hörspiel zu diesem Themenkomplex stammte vom NDR. Niklas Frank, der Sohn von Hans Frank und damit des einstigen Generalgouverneurs im besetzten Polen, setzt sich seit den späten 1980er Jahren literarisch mit seinem Vater auseinander. Seinen Roman „Bei mir hing Vati immer pünktlich am Galgen“ hat er 2014 zu einem Hörspiel umgeschrieben, zu einem Dialog der beiden Brüder Niklas und Norman Frank, zu einer Sektion im wörtlichen Sinn: Norman, bis zuletzt in einer Art wissender Verblendung seinen Vater liebend, ist gestorben und liegt in der Rechtsmedizin, zu einer Sektion im übertragenen Sinn. Dabei wird das Stück zur Sektion einer deutschen Familie mit einem Vater, der ein menschenverachtender Verbrecher war.

Von der Vergangenheit in die Gegenwart. Im Gegensatz zu den vorigen Wettbewerben dominierten diesmal nicht aktuelle gesellschaftliche Themen. Auch wenn der Bayerische Rundfunk (BR) hier mit einer Einreichung einen deutlichen Akzent setzte – mit Elfriede Jelineks Stück „Die Schutzbefohlenen“, einer dichten Textfläche der Nobelpreisträgerin zum Thema Flüchtlinge. Regisseur Leonhard Koppelmann hat den Schutzbefohlenen durch die Jahrhunderte, dem Chor der Flüchtlinge, den Bitten der Geflohenen einen knapp 80 Minuten langen stimmgewaltigen Ausdruck verliehen.

Hinter solcher Kraft literarischer Verdichtung blieben einige Produktionen zurück. Etwa Susanne Amatoseros Hörspiel „ABCDE und ich“ (NDR), das „Porträt eines Jungen mit Migrationshintergrund“, des 17-jährigen in Hamburg lebenden Omo West. Es wurde als märchenhaft, hinsichtlich der alles andere als einfachen sozialen Fragen jedoch als unterkomplex gewertet; die Dialoge wurden als merkwürdig konstruiert erachtet. Dieser Omo West und seine Freunde hatten für die Jury keine wirklichen Stimmen, sie erhielten keine Gesichter. Ähnlich stimmlos fand man auch Ulrike Müllers Stück „Das Projekt bin ich“, ein Arrangement, in dem fünf Schauspieler und Schauspielerinnen über ihre prekäre finanzielle, soziale und familiäre Situation sprechen. Auch wenn manchmal schöne kleine Geschichten dabei durchschimmern, wurde das Spiel als zu selbstreferentiell empfunden.

Von Hörspielautorinnen und -autoren

Dann muss an dieser Stelle ein Hinweis erfolgen auf interessante Hörspielautorinnen und -autoren. Noch einmal ist die BR-Dramaturgie zu nennen, da sie den Mut hatte, Tina Klopps ungewöhnliches Stück vom „Hackenporsche“ ins Rennen zu schicken. Klopps kreatives Spiel um unausführbare Handlungsanweisungen und gesellschaftliche Interaktionen, um Kunst als Lebensprojekt, verdient mit Attributen wie abgefahren, schräg, wirr und witzig eine besonders lobende Erwähnung. Ähnliches gilt für Christine Nagel, die vor allem als Hörspielregisseurin einen Namen hat. Ihr literarisches Porträt der österreichischen Autorin Ilse Aichinger, ihr „fiktiver Dialog“ mit der sprachgewaltigen Dichterin zeigt ein wunderbares Gespür für Sprache und Stimme sowie Christine Nagels Talent für literarische Spurensuche. „Nach dem Verschwinden. Ein fiktiver Dialog mit Ilse Aichinger“ (RBB) ist überzeugend, gleich, ob man es als literarisches Feature oder als ein Hörspiel mit und über Literatur hört.

Bleibt der dezidierte Hinweis auf Hermann Bohlen. Auch wenn der Nominierte in diesem Jahr die vom Bund der Kriegsblinden Deutschlands (BKD) und der Film- und Medienstiftung NRW gestiftete Auszeichnung nicht erhalten hat – man darf gespannt sein auf weitere Hörspielideen des 1963 geborenen Autors. Seit 1988 überrascht er immer wieder mit kreativen Remix-Ideen à la „Gräser fliegen nur noch selten“ (2005) und spielt mit unserer Realität und deren Wahrnehmung, verunsichert also, wie auch im nominierten Stück „Lebensabend in Übersee“. Und Verunsicherung ist sicherlich eine der großartigsten Leistungen, die das Hörspielschaffen zu bieten hat. Mut dazu ist den öffentlich-rechtlichen Hörspieldramaturgien zwischen Wien und Hamburg, zwischen Saarbrücken und Halle, ist der Kunstform Hörspiel und dem Hörspielpublikum immer wieder zu wünschen.

• Hans-Ulrich Wagner war Mitglied der Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden 2015

02.06.2015 – MK

Print-Ausgabe 15/2020

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