Hermann Bohlen: Schalltot oder lebendig (NDR Kultur/SWR 2)

Hörspiel-Satire-Gipfel

19.02.2016 •

19.02.2016 • Hermann Bohlen, Hörspieltheoretiker, Hörspielpraktiker und Hörspielhörer, hat schon jede Menge Preise für sein Medienschaffen erhalten, darunter der Deutsche Hörspielpreis der ARD, der Hörspielpreis der Akademie der Künste, die Auszeichnung zum Hörspiel des Monats oder Nominierungen für den Hörspielpreis der Kriegsblinden. Und es ist eigentlich nur ein böser Zufall, dass ihm die Krönung durch den Hörspielpreis der Kriegsblinden bislang verwehrt blieb.

Fast 40 Hörspiele listen die einschlägigen Datenbanken unter seinem Namen auf und kaum ein Radiofestival gibt es, an dem Hermann Bohlen nicht doch beteiligt wäre. Er liebt den öffentlich-rechtlichen Hörfunk unerschrocken und ehrlich und hat vor vielen Jahren in der „Berliner Zeitung“ einmal zu Protokoll gegeben: „Das öffentlich-rechtliche Radio ist eine der letzten großen Luxus-Institutionen. Es existiert nicht wegen findiger Manager, sondern trotz findiger Manager. Es darf kein Geld verdienen, es darf nur welches ausgeben. In seinem Inneren herrschen luxuriöse hierarchische Strukturen, es wird beherrscht von einer luxuriösen Fülle von Bestimmungen, Vorschriften und Sitzungen, die den Arbeitstag unserer Redakteure lückenlos ausfüllen.“ Und genau genommen reflektiert hier Hermann Bohlen nochmals, wenngleich wesentlich salopper, Klaus Schönings kluges Dictum vom „Hörspiel als verwalteter Kunst“, das ab 1970 die hörspieltheoretische Runde machte.

In Bohlens jüngstem Hörspiel „Schalltot oder lebendig“ – einer Koproduktion von NDR (federführend) und SWR – lotet sein Stück ein fiktives (oder gar nicht so fiktives) Hörspielstudio aus. Der Hörer nimmt an einem Bombardement von hörspielsatirischen Pointen bei der Produktion eines Hörspiels teil. Akustisch wird zwischen Regieraum und Aufnahmeraum immer wieder und blitzschnell hin- und hergeschaltet, unterfüttert durch kleine Innenmonologe eines Schauspielers (Peter Wöhler) und einer Schauspielerin (Mira Partecke), die sich beide ihren Frust von der Seele arbeiten. Hermann Bohlen hat sich in diesem Hörspiel-Satire-Gipfel die Rolle des arroganten und pseudointellektuellen Hausregisseurs reservieren lassen. Und er macht seine Sache als ausgebuffter Meister hinter der Glasscheibe wirklich hübsch und überzeugend, jagt das kleine Sprecher-Ensemble von Frustration zu Frustration, indem er ungehört über die „Manierismen“, „den gespreizten Rhythmus“ und das „ganz hässliche Geröll, das sich im Laufe einer Schauspielerkarriere ablagert“, poltert.

Regie- und Aufnahmeraum entpuppen sich als ein böser Alptraum, den der Regisseur im Zusammenspiel mit dem Kollegen von der Technik (Matthias Meyer) nach Belieben zu beherrschen weiß. Solche Regisseure mag es in der Tat als Sonderfälle geben, fraglich ist allerdings die Fiktion der Sprecherin und des Sprechers in dem Hörspiel. Deren mentaler Zustand am Mikrofon und die Bereitschaft der „Künstler“, sich über 52 Minuten gängeln und demütigen zu lassen, das dürfte unter dem Begriff „Hörspiel als verwaltete Kunst“ vor 45 Jahren nicht unbedingt gemeint gewesen sein.

Wer den „hörspieltheoretischen Dämmerschoppen“ mit seinem Sturm an Witzeleien und Eskapaden („Hörspiel setzt abstraktes Denken voraus“) gehört hat, mag sich durchaus unterhalten haben („Hörspiel ist die Königsdisziplin“). Noch ist es ungewiss, ob auch diese Bohlen-Produktion die Nominierung zum Hörspielpreis der Kriegsblinden erreichen kann. Wünschenswert wäre es, aber nicht zwingend notwendig. (Das Stück „Schalltot oder lebendig“ ist noch bis Ende Februar 2017 in der NDR-Mediathek zum Anhören abrufbar.)

19.02.2016 – Christian Hörburger/MK