Andreas Ammer: Orbis auditus. Das Lautlexikon. Eine akustische Enzyklopädie der Geräuschkunst (BR 2)

Ein Nachschlagewerk der Lautkunst

02.02.1990 •

„Nehmen Sie jeden der klingenden Buchstaben auf ein Extra-Tonband auf! Hören Sie das so entstandene 26-bändige Nachschlagewerk in neun Ordnungen immer wieder neu! Stellen Sie wie aus einem Alphabet ihre eigenen Geräuschwörter aus den Lauten zusammen!“ Dieser Anweisung des „Herausgebers“ Andreas Ammer für die akustische Enzyklopädie „Orbis auditus“ werden wohl die wenigsten der Zuhörer dieser neuen BR-Produktion gefolgt sein. Doch dürfte auch der Teil des Publikums den Intentionen des Enzyklopädisten Ammer nahekommen, der sich auf die alphabetischen Exkursionen einließ und ihnen viel Wissenswertes und vor allem auch Spaß an sprachlichen Spielereien abgewann.

Der Autor hatte seine Idee, das Ordnungsraster „Enzyklopädie“ auf seine Montage von Lauten, Lärm und Literatur zu legen, nicht nur formal übernommen. In der 60-minütigen Sendung erfuhr man, geordnet unter den einzelnen Buchstaben des Alphabets, daher einführende Erklärungen zur Phonologie bestimmter Konsonanten, zur Entwicklung des Bruitismus als Kunstrichtung oder zur Geschichte von technischen Erfindungen der Geräuschvermittlung bzw. -speicherung. Die aufklärerische Haltung, Informationen in sachlich-vermittelnder Form zu bieten, war ein Grundzug des Hörspiels. Ein weiterer war, daß unter jeder alphabetischer Eintragung entsprechende Laut- und Geräuschmontagen eingespielt wurden. Hier versammelte sich die ganze Palette der Unsinnspoesie, von hinreichend bekannten Schwitters-Texten unter D wie Dada und U wie Ursonate bis zu Jandls „schtzngrmm“ unter J wie Jodelon oder dem Anfangsbuchstaben des österreichischen Poeten selbst.

Vielleicht entlegenere Zitationen waren da schon die witzigen „Reimgeflikke“ vom „kekken Lachengekk“ des Barockdichters Johann Klaj oder die „Klingsonate“ von Johann Heinrich Voß, womit unter K auch die Klassik sich zu Wort meldete. Daß alle Problematik und Verwirrung von Wagners vielstündigem „Ring der Nibelungen“ – höre unter W! – sich letztlich aus einem Lautgedicht herleiten soll, mochte überraschen, doch Woglindes „Weia! Waga!“-Verse in „Rheingold“ entspinnen in der Tat den Faden der Handlung, wie dem Zuhörer in einer akustischen Verballhornung typisch Wagnerscher Streicher-Tremolos demonstriert wurde.

Damit bei den Hör-Eleven in keinem Moment dieses ja solchermaßen immer auch schulmeisterlichen Ganges durch den „Orbis auditus“ Langeweile aufkam, war das Ganze darüber hinaus noch durch leitmotivische Geräuschsequenzen strukturiert. Der Kuckucksruf einer Schwarzwalduhr unterbrach die Ausführungen bei K ebenso wie bei T, wo über das menschliche Nachahmen von Tierlauten gesprochen wurde. Der schwachbrüstige Tarzan-Schrei, der eine semantische Qualität von „Um Gottes willen“ und „Nicht schon wieder“ hatte, tauchte an verschiedenen Stellen auf und kehrte ähnlich im Potpourri von typischen Gespenster-Geräuschen eines Hörspielstudios wieder.

Viele dieser Einspielungen und Montage-Gruppierungen, die der Autor zusammen mit Carl-Ludwig Reichert realisierte, sprühten vor Witz und Lust an der ironisierenden Grundhaltung. Drafi Deutschers „Dam-Dam“-Vers in seinem bekannten „Marmor-Stein-und-Eisen“-Schlager kann man hören als Frage, ob es sich um ähnliche Lautpoesie wie in „Da-Da“ handele oder ob es ein Ausweis der Verlegenheit im Schlagergeschäft sei. Wie sehr gerade die Bayern lautpoetisch produktiv tätig sind, vermochte unter T jene O-Ton-Einspeisung eines „Tätärä“-Fetzens aus einem bayerischen Bierlied belegen.

Dieses unverzichtbare Nachschlagewerk lautlicher Phänomene der akustischen Klangkunst und Nonsens-Poesie, das hier für Freunde und Interessenten feilgeboten wurde, erweiterte seine didaktisch-aufklärende Enzyklopädie-Haltung zu einer gelungenen Unterhaltung. Amüsant, voller unerwarteter Brechungen und dem Zuhörer immer wieder die Möglichkeit weiterer Assoziationen anbietend gelang es, den – romantisch gesprochen – geneigten Hörer zum Hören-Lernen anzuleiten und in den „Orbis auditus“ einzuführen.

• Text aus Heft Nr. 5/1990 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

02.02.1990 – Hans-Ulrich Wagner/FK