Ulla Ziemann/Erica von Moeller: Sternstunde ihres Lebens (ARD/WDR)

Entschleunigte Geschichtslektion

23.05.2014 •

Mit der Verfilmung historischer Stoffe ist das so eine Sache. Zwar müssen große Teile des Plots nicht erst mühsam erdacht werden, doch wirklichkeitsgetreu zu erzählen, die Balance zwischen Fakt und (legitimer) Fiktion zu halten, ist nicht immer einfach. „Aber bitte nicht zu bieder!“, mögen Produzenten und Sender bei historischen Stoffen häufig rufen. Denn um die breite Masse zu erreichen, darf der Unterhaltungswert nicht zu kurz kommen. So einfach scheint das Erfolgsrezept. Und so werden, sei es in Blockbustern wie „Monuments Men“ oder in Fernsehfilmen wie dem ZDF-Eventmovie „Der Wagner-Clan“ (vgl. FK-Heft Nr. 9/14), Fakten und Fiktion häufig zu einem leicht verdaulichen Süppchen verkocht, bei dem auch eine ordentliche Prise Pathos nicht fehlen darf. All das kann man dem ARD-Mittwochsfilm „Sternstunde ihres Lebens“ (Thevissen Filmproduktion) schwerlich vorwerfen.

Ein großes, aber auch recht trockenes Thema ist es, das Autorin Ulla Ziemann und Regisseurin Erica von Moeller da anpacken. Es geht um die Formulierung des Grundgesetzes und hier im Speziellen um Art. 3 Abs. 2, das heißt, es geht darum, dass der Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ in das Grundgesetz aufgenommen wird. Den Kampf für das Recht der Frauen führte damals, 1948, als eine der vier sogenannten „Mütter des Grundgesetzes“ der späteren Bundesrepublik Deutschland die Abgeordnete und Juristin Elisabeth Selbert.

Dargestellt wird diese kämpferische, selbstbewusste Frau, die ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus schien, von Iris Berben. Der Grande Dame des deutschen Fernsehens legt der Stoff ein sehr reduziertes Spiel nahe. Berben sitzt die meiste Zeit mit hochgeschlossener Bluse hinter einem Schreibtisch, läuft durch sterile Gänge, steht vor einem Stapel Akten und ruft ihre Überzeugungen mit Nickelbrille in der Hand ihren Genossen zu, die viel zu oft lethargisch dreinschauen, statt leidenschaftlich zu diskutieren. Wie unter Sedativa wirkt dieser Parlamentarische Rat immer wieder.

Innerhalb der kargen Handlung macht Iris Berben ihre Sache richtig gut. In ihrem Spiel changiert sie zwischen Zurückhaltung und Strenge, zwischen Schwäche und scheinbar unerschütterlichem Selbstbewusstsein. Doch die ihrer Figur auferlegte Biederkeit, die aufwendigen Nachkriegskostüme, das karge Setting, der Dreh in fast ausschließlich geschlossenen Räumen lassen weder Raum für Assoziationen oder Interpretation noch machen sie die Lebensumstände damals nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland und hier insbesondere die schwierige Situation der Frauen greifbar. Stattdessen wirkt diese bemüht geschichtstreue und vielleicht gerade deshalb für heutige Sehgewohnheiten so ungewohnt entschleunigte Inszenierung ebenfalls mehr sedierend als fesselnd.

Berbens Figur der später beinahe in Vergessenheit geratenen Elisabeth Selbert stellt das Drehbuch die junge Sekretärin Irma Lankwitz gegenüber, eine fiktive, für den Film erfundene Figur, gespielt von Anna Maria Mühe. Und sie darf, was Iris Berben verwehrt bleibt: etwas Tempo in den Film bringen. Dabei schlägt diese Figur die Brücke zwischen der nüchternen demokratischen Verfassungserarbeitung im musealen Ambiente (tatsächlich fand die Eröffnungsfeier des Parlamentarischen Rates damals im Bonner Museum König statt) und dem harten Alltag für eine Frau in der Nachkriegszeit. Irma Lankwitz, die ihren Verlobten an der Front verlor und als Schwester in einem Feldlazarett arbeiten musste, statt für den Schulabschluss zu büffeln, lebt nach Kriegsende auf engstem Raum mit ihrer Cousine zusammen und muss sehen, wie sie sich über Wasser hält.

Nach einer Affäre mit einem Abgeordneten – so ganz dürfen auch in diesem Film die Romanze, die Liebe und das Leid nicht fehlen – stellt sich die junge Irma schließlich ganz in den Dienst der Sache, mithin dem Kampf um die Gleichberechtigung der Frau, und erlebt ihre persönliche „Sternstunde“ beim Frauenfunk (der Titel des Films ist übrigens ziemlich unsinnig). Dank der Initiative ihrer findigen Sekretärin mobilisiert Elisabeth Selbert durch eine Rede im Radio  Tausende von Frauen in Deutschland und erhält kurz darauf körbeweise Post von Unterstützerinnen – der Weg zu Art. 3 Abs. 2 des Grundgesetzes ist endlich geebnet.

Wie schwer das Leben damals gewesen sein muss für die, die oft nicht nur ihr Hab und Gut, sondern größtenteils auch ihre Männer im Krieg verloren hatten und schwer arbeiten mussten, um sich und ihre Familien zu ernähren, das zeigt der Film (3,33 Mio Zuschauer; Marktanteil: 12,9 Prozent) nur in wenigen Einstellungen. Da tragen die Frauen Arbeiterhosen und Kopftücher, wischen sich mit einem Lappen den Schmutz von den Händen und halten ihr Ohr an den Radioempfänger. Diese schablonenhaften Bilder müssen reichen, um das Engagement und die Motivation von Elisabeth Selbert deutlich zu machen.

Eine Sternstunde des deutschen Fernsehens war diese Produktion nicht unbedingt. Eher eine solide Lektion übers ‘Gesetzemachen’. Wobei der Film getragen wurde von zwei herausragenden Schauspielerinnen. Direkt im Anschluss an den Spielfilm gab es im Ersten von 21.45 bis 22.15 Uhr ein vom MDR verantwortetes „Plusminus extra“ (2,67 Mio; 10,5 Prozent), in dem das Wirtschaftsmagazin sich schwerpunktmäßig ebenfalls der Gleichberechtigung widmete, so dass die beiden Sendungen zu dieser Materie einen ARD-Themenabend formten.

• Text aus Heft Nr. 21/2014 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

23.05.2014 – Angelika Luderschmidt/FK