Jan Peter/Yury Winterberg: 14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs. 8‑teilige Dokumentarreihe (Arte/ARD)

Perspektivenwechsel als Prinzip

23.05.2014 •

23.05.2014 • In diesem Sommer jähren sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs und die ihm vorausgehenden Ereignisse wie das Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand zum 100. Mal. Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten zeigen zu diesem Anlass schwerpunktmäßig diverse Spiel- und Dokumentarfilme mit einschlägiger Thematik. Die wohl größte Anstrengung galt der Produktion „14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs“ (Produktion: Looks Film, Les Films d’Ici, Filmoption International). Beteiligt waren neben den ARD-Anstalten NDR, SWR und WDR auch Arte France, der Österreichische Rundfunk (ORF) und Partner in Großbritannien, Irland, Italien, Spanien, Portugal, Dänemark, Norwegen, Finnland, Schweden, Tschechien, Slowenien, den Niederlanden und Australien.

Inhaltlich entspricht die Dokumentarreihe, die in acht Teilen von rund 55 Minuten bei Arte und ab dem 27. Mai als Vierteiler mit je 45 Minuten im Ersten gezeigt wird, dieser internationalen Beteiligung. Headautor Yury Winterberg und Regisseur und Koautor Jan Peter führen in der achtteiligen Fassung historisch verbürgte Tagebuchstimmen aus nahezu allen vom Ersten Weltkrieg erfassten Ländern zusammen, auch aus ansonsten in diesem Zusammenhang vernachlässigten Nationen wie Indien, Neuseeland oder Japan.

Vierzehn dieser Tagebuchautoren erhalten Gesichter. Fotos zeigen die tatsächlichen Verfasser, in farbig gefilmten Spielszenen übernehmen Schauspieler ihre Rollen, um markante Erlebnisse nachzustellen, die in den jeweiligen Tagebüchern notiert sind. Schon der Vorspann der Reihe weist unübersehbar darauf hin, dass diese Szenen auf Tagebüchern und Erinnerungen beruhen. Selbst bei einem sehr naiven Blick ist die Verwechslung mit dokumentarischem Material nicht möglich, zumal eine weitere Brechung eingebaut wurde: Immer wieder wenden sich die Schauspieler aus dem Geschehen heraus direkt an die Kamera, mithin den Zuschauer, und äußern reflektierende Gedanken der Tagebuchautoren.

Zwei der gewählten Personen sind prominente Figuren der Zeitgeschichte, die sozial und politisch engagierte Künstlerin Käthe Kollwitz und der rechtsnationale Schriftsteller Ernst Jünger. Zu den weiteren Protagonisten zählen unter anderem der österreichische Landwirt Karl Kasser, der zehnjährige Franzose Yves Congar und die bereits kriegserfahrene britische Krankenschwester Sarah Macnaughton. Die wohl ungewöhnlichste Geschichte verbindet sich mit der bei Kriegsbeginn vierzehnjährigen Russin Marina Yurlova, die auf gut Glück ihrem Vater, einem Kuban-Kosaken, nach dessen Einberufung folgt und selbst zur Soldatin wird.

Die Auswahl dieser Personen ermöglicht wechselnde Perspektiven unter Berücksichtigung unterschiedlicher Nationalitäten, sozialer Schichten, politischer Haltungen, Geschlechter und Altersgruppen. Dramaturgisch ergeben sich zugleich serielle Qualitäten – mit dem Kennenlernen der Figuren entsteht eine gewisse Neugier, wie es wohl mit ihnen weitergehen wird.

Die szenischen Erzählungen sind eng verwoben mit filmischem und fotografischem Dokumentarmaterial, das teils aufwendig restauriert wurde. In Anbetracht ihres Alters und der Anfälligkeit des Originalmaterials weisen die monochromen (vulgo: schwarz-weißen) Stummfilme eine erstaunliche Qualität auf. Verfügbar waren „Wochenschau“-Aufnahmen, aber auch Filme aus Privatarchiven und frühe Reklamefilme, in denen beispielsweise in sehr makabrer Art Prothesen für Kriegsversehrte beworben wurden.

In der Montage greifen heutige Spiel- und zeitgenössische Dokumentarszenen oft inein­ander. Ein Beispiel: Käthe Kollwitz’ Sohn Peter, von einem Schauspieler verkörpert, steht in Berlin an einem Fenster und sieht hinaus. Seine Blickrichtung entspricht der Kameraperspektive des auf den Schnitt folgenden zeitgenössischen Dokumentarmaterials, das deutsche Soldaten beim Marsch durch das Brandenburger Tor zeigt.

Qua dokumentarischer Materialien, dazu zählen auch grafisch aufbereitete, teils animierte Fotos, und dem zugehörigen Off-Kommentar, der von Udo Samel gesprochen wird, werden die Hintergründe des Geschehens erläutert. In der Arte-Langfassung, wo jede der acht Folgen unter einem bestimmten Thema steht (siehe unten), geschieht dies sehr ausführlich, die hochkomplexen innen- wie weltpolitischen Zustände im Jahr 1914 werden vortrefflich aufbereitet und auch ohne Vorkenntnisse verständlich. Ergänzend veranschaulichen die Spielszenen bzw. die gelesenen Tagebuchauszüge die Auswirkungen der politischen und militärischen (Fehl-)Entscheidungen auf die betroffenen Menschen.

Diese inszenierten Passagen sind kein experimentelles Reenactment im wissenschaftlichen Sinn, sondern stehen in der Tradition des Dokumentarspiels. Für Verfechter eines puristischen Dokumentarfilms wäre dies ein schweres Vergehen. Zu beachten aber ist hier, und das gehört zum Thema: Kein dokumentarischer Film ist objektiv und authentisch. Gerade mit dem Ersten Weltkrieg verbindet sich die intensive Verwendung des noch jungen Mediums Film als Propaganda-Instrument. Hier liegen auch die Ursprünge des Industriefilms, der zwangsläufig den Interessen des Auftraggebers folgt und dessen kommerziell tätige Urheber gerade in Krisenzeiten ideologische Einflüsse eher willig aufnahmen als abwehrten. Weshalb die Autoren von „14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs“ bei der Auswahl des historischen Materials auf eine Internationalität der Quellen, mithin auf Binnenpluralismus achteten.

Bis in den realen Alltag drangen ohnehin die wenigsten Kameraleute vor; dies war schon aus technischen Gründen gar nicht möglich. Von der fehlenden Tonebene – die Schreie der verstümmelten Soldaten sind nicht überliefert – ganz zu schweigen: Filmaufnahmen vom tatsächlichen Geschehen an der vordersten Front sind äußerst rar. Darum wurde schon damals hilfsweise und politischer Opportunität entsprechend nachgestellt. Die Autoren von „14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs“ (französischer Titel: „14, des armes et des mots“) griffen auch auf solche Filmbilder zurück, wobei – diesen Vorwurf muss man ihnen machen – bei diesem Material der inszenatorische Charakter nicht ausgewiesen, für den Normalzuschauer also nicht kenntlich wird.

Dennoch: In der bei Arte gezeigten Langfassung – bei der kürzeren ARD-Version sind Abstriche zu machen – ist das Ganze ein außergewöhnlich gelungenes Projekt, dessen Produzenten inhaltlichen Anspruch erfolgreich mit einem populären – wohlgemerkt nicht populistischen – Approach zu verbinden wussten.

Die Dokumentarreihe erfährt mehrere multimediale Erweiterungen, durch das Web-Angebot www.14‑tagebuecher.de, das Begleitbuch „14 – Der große Krieg“ und eine Begleit-DVD mit zusätzlichem Material. Das Militärhistorische Museum in Dresden zeigt ab August 2014 korrespondierend die Ausstellung „14 – Menschen – Krieg“, zu der ein zweibändiger Katalog erscheinen wird.

- - - - - - - - - - - - - - - - - -

14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs (Arte/ARD), die einzelnen Folgen:

Die Autoren und Themen der jeweiligen Folgen (Regie bei allen Folgen: Jan Peter): Folge 1: Der Abgrund, Buch: Jan Peter, Yury Winterberg; 2: Der Angriff, Buch: Jan Peter; 3: Die Verwundung, Buch: Jan Peter, Yury Winterberg; 4: Die Sehnsucht, Buch: Jan Peter, Yury Winterberg; 5: Die Vernichtung, Buch: Jan Peter, Yury Winterberg, Stephan Falk; 6: Die Heimat, Buch: Yury Winterberg, Jan Peter; 7: Der Aufstand, Buch: Jan Peter, Florian Huber; 8: Die Entscheidung, Buch: Jan Peter

- - - - - - - - - - - - - - - - - -

• Text aus Heft Nr. 21/2014 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

23.05.2014 – Harald Keller/FK