Sabrina Proske: Jemen – Die Mütter der Entführten. Reihe „Junger Dokumentarfilm“ (SWR Fernsehen)

Nicht nur berichten, auch helfen

20.12.2021 •

Im Jemen herrsche die „schlimmste humanitäre Katastrophe der Gegenwart“, sagt die Dokumentarfilm-Regisseurin Sabrina Proske. Diese Katastrophe ist die Folge eines Kriegs, in dem „alle Kriegsparteien gegen das Völkerrecht verstoßen“, wie Proske sagt. Seit 2015 kämpft an der Seite der offiziellen jemenitischen Regierung ein von Saudi-Arabien domi­niertes Militärbündnis aus mehreren Staaten – die sogenannte Arabische Allianz – gegen die vom Iran unterstützten Huthi-Milizen.

Beobachter kritisieren, dass deutsche Medien angesichts der Dramatik der Situation zu wenig aus dem Jemen berichten. Im „Weltspiegel“ der ARD zum Beispiel lief im Jahr 2020 kein einziger Bericht über das Land, 2021 war das bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe nicht anders. Ein gewichtiger Grund für diese geringe Präsenz des Themas in den Medien: Die Berichterstattung ist gefährlich. Unter den 180 Ländern, die in der aktuellen Pressefreiheits-Rangliste der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ aufgeführt sind, belegt der Jemen Rang 168.

Auch Sabrina Proske hat für ihren Film „Die Mütter der Entführten“ nicht im Jemen gedreht – weil sie nicht „zur Kriegsbeute“ habe werden wollen, wie sie sagt. Sie hat stattdessen kleine Kameras in die jemenitische Hauptstadt und Huthi-Hochburg Sanaa geschmuggelt, damit eine Gruppe von rund 40 Frauen, die sich für die Freilassung von Männern einsetzt, die von den Huthi-Milizen verschleppt wurden, ihre Situation dokumentieren kann. Anders als es der Titel des Films und auch der Name der Gruppierung („Abductees’ Mothers Association“) vermuten lassen, handelt es sich hier nicht nur um die „Mütter der Entführten“, sondern in einigen Fällen auch um andere weibliche Verwandte.

Dadurch, dass die Frauen sich selbst filmen, entsteht eine Unmittelbarkeit, der man sich schwer entziehen kann. Oft sprechen die Mütter und Ehefrauen direkt in die Kamera – darüber, wie ihre Söhne und Männer hungern müssen und auf welche Weise die Huthi die Gefangenen foltern, etwa indem sie klaffende Bauchwunden mit Stromschlägen traktieren. Um ihre Protagonistinnen zu schützen, hat Proske einige Namen – es werden ohnehin nur Vornamen genannt – und Stimmen verändert.

Die Frauen des Bündnisses filmen außerdem Szenen ihres Alltags und auch dabei entstehen eindrückliche Sequenzen: Einmal ist zu sehen, wie sich einige Frauen auf einen Besuch im Gefängnis vorbereiten und dabei Petersilie in Plastikbeutel verpacken. Eine von ihnen sagt, die Petersilie sei „nicht für Salat“ gedacht, sondern als „Medikament“ – für Nierenbeschwerden oder „bei Problemen mit dem Atmen“. Solche Maßnahmen sind notwendig, weil die Gefangenen medizinisch nicht versorgt werden.

Einmal scheint Proskes Projekt auf der Kippe zu stehen: Die Regisseurin bekommt von der Gruppe ein Video zugeschickt, auf dem zu sehen ist, wie mehrere Frauen in Panik wegrennen. Danach bricht der Kontakt zum Bündnis in Sanaa erst einmal ab. Später erfährt die Regisseurin, dass die Frauen nach einer Demonstration fliehen mussten. Hätten die Verfolger die Kamera entdeckt, wären die Frauen in großer Gefahr gewesen.

Sabrina Proske ergänzt die Bilder, die ihr das Frauenbündnis schickt, durch eigene Aufnahmen in Istanbul und in der jordanischen Hauptstadt Amman, wo eine Frau lebt, die „so etwas wie die Außenministerin des Mütterverbands“ ist. In Istanbul trifft die Filmemacherin eine Frau namens Taghreed, die dem Bündnis angehörte und deren kurz zuvor bei einem Gefangenenaustausch freigekommenen Mann, einen Journalisten.

Trotz aller schockierenden Erfahrungsberichte: „Die Mütter der Entführten“ (Redaktion: Marcus Vetter/SWR; Produktion: Aviv Pictures und Schwenk Film) zeigt, dass die Kämpferinnen von der Gefangenschaft ihrer männlichen Angehörigen auch profitiert haben – so widersinnig das zunächst klingen mag. Die Ehefrauen etwa konnten sich in Abwesenheit der Männer emanzipieren – weil sie mehr Verantwortung für ihre Familien tragen und gewissermaßen nebenher ja auch noch ihre politischen Aktivitäten organisieren mussten oder müssen.

Der 60-minütige Film „Jemen – Die Mütter der Entführten“, ausgestrahlt im Dritten Programm SWR Fernsehen im Rahmen der 21. Staffel der Reihe „Junger Dokumentarfilm“, liefert einen eindringlichen Einblick in ein Land, in das man, wenn auch aus teilweise nachvollziehbaren Gründen, sonst wenig Einblicke bekommt. „Liebe Sabrina, ich danke dir so sehr für deine Hilfe“, sagt am Ende eine Vertreterin des Bündnisses – und es lässt sich natürlich darüber streiten, ob die Regisseurin diese Würdigung in ihrem Film unbedingt unterbringen musste. Andererseits unterstreicht Sabrina Proske auf diese Weise noch einmal, was ihr Anliegen war: nicht nur zu berichten, sondern, im Rahmen der Möglichkeiten einer Filmemacherin, auch zu helfen. (Ihr Film ist noch bis zum 20. Januar 2022 in der ARD-Mediathek abrufbar.)

20.12.2021 – René Martens/MK

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