Seng Mai Kinraw: Sehnsucht nach Myanmar. Reihe „Junger Dokumentarfilm“ (SWR Fernsehen)

Eine Suche nach der verlorenen Zeit

22.10.2018 •

Seng Mai Kinraw wurde 1987 in Myanmar geboren. Aus einer europäischen touristischen Perspektive ist das ein fernöstliches Urlaubsziel, bekannt auch als „Land der weißen Elefanten“. Mit ihrem Film „Sehnsucht nach Myanmar“ möchte die junge Regisseurin laut eigener Aussage „den Menschen hier im Westen einen unverstellten Blick auf mein Heimatland ermöglichen“. Und das ist Seng Mai Kinraw, die von 2013 bis 2016 an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg studierte, hier durchaus gelungen. Der einstündige Film, der mit zuweilen hypnotischen Betrachtungen des Landes überrascht, ist ihr Abschlussfilm an der Filmakademie und er wurde im Dritten Programm SWR Fernsehen zum Auftakt der diesjährigen Staffel der Reihe „Junger Dokumentarfilm“ ausgestrahlt.

Der Grund für die filmische Reise zurück in die Heimat der Regisseurin ist die Erkrankung der Großmutter, die sich nach der Ankunft ihrer Enkelin glücklicherweise wieder erholt hat. Die alte Dame lebt einsam. Ein Teil der Familie wohnt an einem entfernten Ort im Land. Seng Mais Vater musste in die USA immigrieren, politische Probleme stehen seiner Rückkehr im Weg. Von der Militärdiktatur und den ökonomischen Verhältnissen in Myanmar (dem früheren Burma) ist unterdessen nur Bruchstückhaftes zu erfahren. Der Film ist weder eine Sozialreportage noch ein Beitrag im Stil von Auslandsberichterstattung und erst recht keine touristische Bilderschau. Die junge Filmemacherin bewegt sich mit der Kamera wie jemand, der tatsächlich zu Hause ist. Sie filmt Details, die ihr selbst vertraut und wichtig sind. Deren Bedeutung erschließt sich nur indirekt durch die zarte, beinahe kontemplative Form des Hinschauens.

Wird beispielsweise gezeigt, wie die Regisseurin der Großmutter bei der Körperwäsche hilft, dann ist dies kein Statement über ärmliche Verhältnisse. Wenn die beiden Frauen, die alte und die junge, später nebeneinander im Bett liegen und sich Geschichten zuflüstern – die per Voiceover übersetzt werden –, dann vermitteln die Bilder Intimität und Nähe. „Was ich damals noch nicht ahnte, war“, so Seng Mai über die Verbindung zu ihrer Großmutter, „dass mein Wunsch, mit ihr zusammen zu sein, mich zu meinen eigenen Erinnerungen führen sollte. Zu meinen Träumen. Zu meiner Seele“. Der Film „Sehnsucht nach Myanmar“ ist nicht nur eine dokumentierte Rückkehr der Regisseurin in die Heimat; die Bilder, die Seng Mai Kinraw dabei von ihrem Land einfängt, fügen sich zu einer filmischen Erkundung ihres eigenen Ichs. Alltagsbeobachtungen auf der Straße und malerische Aufnahmen von Regengüssen und Wetterleuchten verdichten sich zu einer melancholischen Innenschau.

In einer der schönsten Szenen erzählt die Großmutter, sie sei zu gebrechlich geworden, um noch einmal die über tausend Kilometer lange Eisenbahnfahrt für einen Besuch ihrer Tochter durchzustehen. Die Waggons, so die alte Dame, würden so sehr schaukeln – das sei kein Spaß. Illustriert wird diese Erzählung vom stationären Kamerablick in ein vollbesetztes Eisenbahnabteil. Die Sitze bewegen sich auf und ab, als würde die Bahn nicht auf Schienen dahinfahren, sondern auf den Wellen eines reißenden Flusses schaukeln. Mit diesen beeindruckenden, beinahe surreal anmutenden Bildern kommentiert die Filmemacherin nicht nur das strapazierte Schienenwesen Myanmars, die Aufnahmen machen zugleich den Seelenzustand der Großmutter fassbar.

Auf der nächsten Station der filmischen Reise folgen intime – aber dennoch unprätentiöse – Gespräche mit der Mutter und einer weiteren Verwandten, die fast blind ist und gefühlt um die hundert Jahre alt sein muss. Gemeinsam mit ihrer Schwester betrachtet die Regisseurin schließlich Videoaufnahmen, die beide als kleine Kinder zeigen. In der Zusammenfassung klingt diese Familiengeschichte nicht gerade spektakulär. Auf eine zarte und unaufdringliche Art und Weise wird der Zuschauer jedoch an der Hand genommen und zu beiläufigen Alltagsbeobachtungen eingeladen. Das Geheimnis dieses kleinen Films besteht darin, dass seine Form der eigentliche Inhalt ist. In manchen Momenten fügen sich die Bilder zu visuellen Gedichten. Mit ihrem Film begibt sich die Regisseurin audiovisuell auf eine persönliche „Suche nach der verlorenen Zeit“ – jene Zeit der Kindheit, die in der Erinnerung so nah zu sein scheint, beim filmischen Hinsehen jedoch fremd und fern erscheint.

Ob dieses filmisch umkreiste Gefühl den Zuschauer erreicht, hängt davon ab, ob er eine Antenne hat für diese introvertierte Form des Hinschauens. „Es fühlt sich so an, als würde mein Körper sich auflösen wie der Sand der Zeit. Ich bin verloren in der Welt meiner Gedanken.“ Diesen literarisch hingetupften Kommentar spricht Seng Mai Kinraw selbst. Bemerkenswert ist, dass die Regisseurin ihre poetisch anmutende Innenschau in einer ihr fremden Sprache formuliert. Obwohl Seng Mai die Geschichte ihrer Familie erzählt, die infolge von Arbeitsmigration auseinandergerissen wurde, ist Integration kein Thema. Die Regisseurin hat, wie es der Filmtitel sagt, „Sehnsucht nach Myanmar“, doch ihre deutsche Wahlheimat hat sie angenommen. Immerhin realisierte Seng Mai Kinraw als erste ausländische Studentin ein Projekt für die renommierte SWR-Nachwuchsfilmreihe. Wer sich auf ihren Film einlässt, wird belohnt. Die essayistische Dokumentation mag weniger ein Film über Myanmar sein. Auf jeden Fall aber ist er eine mitreißende Meditation über die Sehnsucht.

22.10.2018 – Manfred Riepe/MK

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