Reinhard Joksch: Widerstand unter Hitler – Der Diplomat Duckwitz (ARD/Radio Bremen)

„Einfach ein anständiger Mensch“

03.11.2017 •

03.11.2017 • Würde man auf der Straße Menschen nach deutschen Widerstandskämpfern gegen den Nationalsozialismus befragen, fielen den meisten sicher die Männer des 20. Juli um Graf von Stauffenberg ein. Und vielleicht auch noch Oskar Schindler. Der wurde zwar in Mähren geboren, geht aber irgendwie noch als Deutscher durch. Aber ohne Steven Spielbergs weltberühmten Film wäre Schindler vermutlich längst so vergessen wie Georg Ferdinand Duckwitz. Dessen Name dürfte allenfalls Historikern oder politisch besonders interessierten Zeitgenossen im Zusammenhang mit den Ostverträgen der sozialliberalen Koalition unter Kanzler Willy Brandt (SPD) etwas sagen.

Schon von daher kommt der Dokumentation „Widerstand unter Hitler – Der Diplomat Duckwitz“ das Verdienst zu, das Leben und Wirken eines bemerkenswerten Deutschen in Erinnerung zu rufen. Weitgehend chronologisch aufgebaut, erzählt der von Radio Bremen für das Erste produzierte Film die Geschichte jenes 1904 geborenen Bremer Kaufmannssohns mit konservativ-nationaler Gesinnung, der sich früh für Hitler begeisterte, 1932 in die NSDAP eintrat und zwei Jahre lang im Außenpolitischen Amt der Partei arbeitete, bis er seinen Posten nach näheren Einblicken in die NS-Ideologie von sich aus aufgab. Dennoch ließ sich Duckwitz 1939 von den Machthabern als Schifffahrtssachverständiger der deutschen Besatzer nach Kopenhagen schicken, wo er bereits als junger Kaufmann mehrere Jahre verbracht hatte. 1943 erfuhr er, dass die Nazis für den 2. Oktober des Jahres eine großangelegte Deportation von dänischen Juden planten. Duckwitz verriet den Termin dänischen Organisationen und sorgte damit dafür, dass sich allein aus Kopenhagen mehr als 6000 Juden rechtzeitig nach Schweden absetzen konnten.

Der Filmemacher Reinhard Joksch, der bislang Dokumentationen zu höchst unterschiedlichen Themen gedreht hat (etwa über das Leben mit der innerdeutschen Mauer, über die Küsten der Ostsee oder den boomenden Kreuzfahrt-Tourismus), erzählt die Geschichte des nahezu vergessenen deutschen Helden Duckwitz wohltuend unspektakulär. Wo heutzutage im Schielen auf die Quote kaum eine Dokumentation mehr ohne (zumeist hölzerne) Reenactments, dramatische Musikuntermalung und allerlei (bild)technische Spielereien auskommt, beschränkt Joksch sich hier weitestgehend auf das klassische Instrumentarium des dokumentarischen Fernsehens. Das besteht in diesem Fall vornehmlich aus alten Fotos, wenigen Bewegtbildern aus Kopenhagen in der Zeit der deutschen Besetzung, Duckwitz’ Tagebuchaufzeichnungen und den Einschätzungen von Historikern, ehemaligen Weg­gefährten und zweier Neffen des Porträtierten. Erst wo es um die wichtige Rolle von Duckwitz beim Zustandekommen der Ostverträge geht – er war hier als Staatssekretär Verhandlungsführer der Bundesrepublik Deutschland –, kommen zunehmend Filmausschnitte und Interviews mit ihm selbst hinzu.

Für Emotionen sorgt in dieser Dokumentation vor allem Herbert Pundik, ein dänischer Jude, der seit 1954 mit seiner Frau in Israel lebt, im Garten der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem Duckwitz seine Reverenz erweist und in bewegenden Worten erklärt, dass dieser Deutsche ihm wahrscheinlich das Leben gerettet hat. Und er bedauert, Duckwitz nie persönlich getroffen zu haben. „Er war einfach ein anständiger Mensch“, sagt der 90-jährige Pundik irgendwann.

Die 45-minütige Dokumentation ist fraglos kein Monumentalepos wie es ein großer Spielfilm sein kann, aber sie ist ein unbedingt sehenswerter Versuch, einen zu Unrecht vergessenen Deutschen in Erinnerung zu rufen. Dass die Debatte mit Historikern, die Duckwitz’ Rolle bei der Rettung der Kopenhagener Juden für überschätzt halten, hier nicht vorkam, war dabei ebenso verzeihlich wie der Umstand, dass sich der Autor und Regisseur hie und da doch zu belanglosen technischen Spielereien hinreißen ließ, indem er etwa ein Foto des Porträtierten auf einem Fenster von dessen dänischem Domizil erscheinen ließ.

Doch derartige formale Mätzchen waren hier eindeutig die Ausnahme in einer ansonsten grundsolide gemachten Dokumentation mit hohem Informationsgehalt. Aber für solch löbliche Zurückhaltung in Sachen Infotainment muss man als Autor inzwischen offenbar damit leben, im Ersten Programm der ARD dann auf einen Sendeplatz um kurz vor Mitternacht verbannt zu werden. So wird auch dieser Film vermutlich nicht dazu führen, dass bei künftigen Straßenumfragen zum deutschen Widerstand unter Hitler den Menschen neben Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Oskar Schindler auch der Name Georg Ferdinand Duckwitz einfällt.

03.11.2017 – Reinhard Lüke/MK