Nikolaus Leytner/Agnes Pluch: Am Ende des Sommers (ARD/MDR/ORF)

Drama light

20.03.2015 •

20.03.2015 • Eigentlich liegt Ben (Thomas Schubert) die Welt zu Füßen. Er hat das Abitur mit Bravour bestanden und die Mädchen gehen ihm nicht gerade aus dem Weg. Als er sich mit seiner Band für den großen Auftritt vorbereitet, steht plötzlich Mama (Julia Koschitz) in der Disco. Früher hätte man in einer solchen Situation eine gewisse Beklemmung empfunden, für Ben jedoch ist das überhaupt kein Problem. Er gehört zu jener Generation des Nachwuchses, der seine Eltern beim Vornamen nennt, weil sie von ihrer Rolle her nicht wirklich Eltern sind, sondern eher so etwas wie Kumpel oder Vertraute. Mama ist nicht Mama, sie ist Sylvia. Vom Casting her erscheint der Altersunterschied zwischen Thomas Schubert und Julia Koschitz so gering zu sein, dass die beiden fast als Freund und Freundin durchgehen könnten.

In diesem innigen, allzu innigen Verhältnis tickt eine psychologische Zeitbombe, die man als langjähriger Fernsehzuschauer nur allzu gut kennt: Ben hat seinen Vater nie kennengelernt, Sylvia hat ihm dazu eine Lügengeschichte aufgetischt. Er glaubte immer, sie habe bei einem Interrail-Trip einen One-Night-Stand mit seinem Erzeuger gehabt und ihn dann nie wieder gesehen. Er sei ein toller Typ gewesen und Ben ein Kind der Liebe. Eine Geschichte, die das Leben oder Rosamunde Pilcher schreibt. Und die so weitergeht: Plötzlich findet Ben zu Hause im Altpapier die – nicht wirklich sorgsam – versteckte Todesanzeige eines Mannes. Der Furor, mit dem er auf die Heimlichtuerei seiner Mutter reagiert, zeigt, dass er ihr offenbar schon länger misstraute. Doch genau diese Ambivalenz kann Regisseur Nikolaus Leytner – 2010 für „Ein halbes Leben“ (ZDF) mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet – in seinem neuen Fernsehfilm, zu dem er, diesmal mit Agnes Pluch, auch wieder das Buch verfasst hat, nicht wirklich vermitteln. Denn was nun folgt, ist eine Art Drama light.

Auf der Beerdigung, die Ben ohne seine Mutter besucht, erfährt der Zuschauer, dass hier nicht, wie man vermuten könnte, sein Vater zu Grabe getragen wird. Nein, es ist sein Großvater. Außerdem lernt Ben bei der Trauerfeier Gerti (Konstanze Dutzi) kennen, eine Jugendfreundin seiner Mutter, mit der sie seinerzeit den Kontakt abbrach (warum, wird nicht überzeugend vermittelt). Von Gerti erhält er den entscheidenden Hinweis, dass seine Mutter missbraucht wurde – und dass er, wie es im Pressetext zum Film heißt, „in Wahrheit Produkt einer Vergewaltigung“ ist.

Dieses umständliche Intermezzo braucht der Film, weil er die Tat selbst nicht als Rückblende zeigt, sondern mit hörspielartigen Dialogen zähflüssig entwickelt. Wenn Ben sich dann – endlich – auf die Suche nach seinem Vater begibt, dann nimmt man als Zuschauer besorgt zur Kenntnis, dass der Film erst zur Hälfte vorüber ist – die Geschichte zieht sich.

Der gefeierte Nachwuchsdarsteller Thomas Schubert hat als Ben zwar eine gewisse Präsenz, doch die Konflikte, die er mit seiner Mutter und mit seiner Freundin austrägt, gehen einem nicht wirklich nahe. Nur bei der Begegnung mit seinem leiblichen Vater (Hakon Hirzenberger), den er natürlich findet, gibt es Augenblicke, in denen das Geschehen fesselt: Ben, selbst Musiker, lässt bei dem verurteilten Vergewaltiger seiner Mutter heimlich ein von diesem selbst komponiertes Akkordeon-Stück mitgehen. Doch auch mit diesem spannenden Motiv einer symbolischen Vateridentifizierung vermag der Film nicht wirklich etwas anzufangen. Und wenn der Sohn in einer anderen Szene auf seinen Erzeuger einprügelt, dann bricht plötzlich ein klischeehaftes Gewitter vom Himmel – ein Unwetter, auf dessen psychologische Entsprechung man vergeblich wartet. Spätestens hier zeigt sich, dass die Geschichte nicht durchgearbeitet ist und die Regie keine Mittel findet, um den Konflikt zu transportieren.

Irgendwie kann der Film (4,64 Mio Zuschauer, Marktanteil: 14,5 Prozent) sich nicht entscheiden zwischen der Geschichte von Thomas Schubert und der von Julia Koschitz, der man die leidgeprüfte Mutter, die von ihrer schmerzlichen Vergangenheit eingeholt wird, aufgrund ihrer immer gleich bleibenden rehartigen Erscheinung nicht so ganz abnimmt. Während ihr Sohn auf der Suche nach dem Vater ist, muss sie lernen, sich endlich auf einen anderen Mann einzulassen. Johannes Zeiler ist dabei als Liebhaber so verständnisvoll, dass nichts schiefgehen kann. Und ganz nebenbei wird Ben auch noch in die Bilderbuchfamilie seiner Freundin Hanna (Alina Frisch) aufgenommen. Während die Handlung zwischen den zahlreichen Schauplätzen hin- und herspringt, plätschert der Film dahin. So ist „Am Ende des Sommers“ (Produktion: MR-Film) ein Aufguss der Vaterproblematik, der zu dieser Materie kaum etwas beisteuern konnte, was einem lange im Gedächtnis bleibt.

20.03.2015 – Manfred Riepe/MK

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