Nik Wansbrough/Alan Rosenthal/Michael Eaton: Der Kindermörder von Bethlehem? – Herodes der Große (Arte)

Im Playmobil-Stil

17.05.2019 •

Im Neuen Testament wird nicht nur von guten Menschen berichtet. In diesen Schriften des Urchristentums gibt der römische Statthalter Pontius Pilatus bei der Verurteilung von Jesus keine besonders souveräne Figur ab. Der verräterische Apostel Judas wird als zwielichtige Gestalt geschildert, obwohl sein Verrat doch erst das Erlösungswerk Jesu ermöglichte. Und König Herodes verkörpert den grausamen Herrscher, der nicht nur mit den Weisen aus dem Morgenland konspiriert, sondern auch alle männlichen Nachkommen in Bethlehem töten ließ. Es hätte ja sein können, dass da der neue König der Juden heranwuchs. Die beim deutsch-französischen Kultursender Arte ausgestrahlte Dokumentation über König Herodes stellt im Titel diesen Kindermord in Frage.

Tatsächlich beschäftigt sich der Film des Autorentrios Alan Rosenthal, Michael Eaton und Nik Wansbrough (auch Regie) mit Leben, Wirken und Charakter von Herodes (73 v.Chr. bis 4 v.Chr.), der den Beinamen „der Große“ erhielt. Allerdings wird der ihm zugeschriebene Kindermord erst in Minute 43 des knapp 55 Minuten langen Film eher nebenbei und in wenigen Sätzen gestreift: „Wahrscheinlich hat es ihn nie gegeben.“ Der Evangelist Matthäus, der als einziger von dem angeblichen Säuglingsmord erzählt, habe Jesus als zweiten Moses stilisieren wollen und Herodes sei in diesem Fall das Gegenstück zum ägyptischen Pharao. Deshalb werde Herodes zum „Archetyp des hinterhältigen Schurken“. Allerdings erwähnt der verlässlichste säkulare Chronist dieser Zeit, der in der Dokumentation vielfach zitierte römische Schriftsteller Flavius Josephus, neben vielen anderen Details zwar beispielsweise das genaue Krankheitsbild des Herodes, mit keiner Silbe die Geschehnisse in Bethlehem. Man hätte ihm den Kindermord ohne weitere Überlegungen angesichts seiner anderen Untaten durchaus zugetraut.

Dabei gilt Herodes durchaus auch als Genie in strategischer Kriegsführung oder in diplomatischem Geschick, wie weiter geschildert wird. Die von ihm angeregten Bauten wie etwa die Wüstenfestung Masada, sein Grabmal Herodion oder die Küstenstadt Caesarea Maritima waren Zeugnisse hoher Ingenieurs- und Architekturkunst und beeindrucken auch heute noch, selbst wenn allein die Ruinen stehen. Dass Herodes in Jerusalem einen neuen Tempel baute, sollte die Juden mit ihm versöhnen, die ihm wegen seiner Herkunft aus dem mit Zwang judaisierten Stamm der Idumäer kritisch gegenüberstanden. Diesen „Imagegewinn“ machte er aber zunichte, als er den Tempel mit dem stilisierten Adler der römischen Standarten ‘schmückte’.

Dass Herodes Zeit seines Lebens um Anerkennung rang, machten in dem Film Wissenschaftler der Judaistik, der Literatur, der Religionswissenschaften sowie Archäologen und Historiker in zahlreichen kurzen Statements deutlich. Ebenso seine Verdienste, in der Region, die Ordnung im Sinne Roms aufrechtzuerhalten. Aber Herodes war dabei grausam, ließ aus Misstrauen seine erste Frau ermorden und später auch zwei aus dieser Beziehung hervorgegangene Söhne erdrosseln. Wer in Verdacht geriet, ihn von seinem Thron zu stoßen, wurde getötet.

Insofern ist nachvollziehbar, dass er im Matthäus-Evangelium auch als Kindermörder dargestellt wird. Bleibt die Frage, wenn Herodes bereits im Jahr 4 vor Christus gestorben ist: Wie konnte er dann nach der Geburt von Jesus diesen Befehl geben? Gut, alle Experten gehen davon aus, dass die tatsächliche Geburt Jesu in den Jahren 6 bis 8 „vor Christus“ erfolgte. Warum aber, wenn der Kindermord nicht stattgefunden haben soll, flieht Josef mit Maria und dem Kind Jesus nach Ägypten, um den Grausamkeiten des Herodes zu entgehen?

Ganz zum Schluss des Films, in einem der letzten Sätze, wird dann noch ziemlich beiläufig, aber eindeutig zu Herodes konstatiert: „Todesurteile und die Mär vom Kindermord überschatten ein Leben voller Leistungen“. Wie auch immer, der fragende Titel „Der Kindermörder von Bethlehem?“ war für diesen Film wohl schlicht und einfach der falsche. Er setzte einen vermeintlichen Schwerpunkt, um den es in dieser Dokumentation eigentlich nicht ging. Doch die deutsche Arte-Redaktion wollte es wohl ein bisschen reißerisch. Man hatte fast den Eindruck, als hätten diejenigen, die den deutschen Titel fabriziert haben, den Film gar nicht gesehen. Der französische Titel der Dokumentation lautete „Nouveau Salomon ou tyran sanguinaire? – Hérode le Grand“, also „Neuer Salomon oder blutrünstiger Tyrann? – Herodes der Große“. Das traf den Inhalt dieses Films, der (wie oben schon angedeutet) das zwiespältige Leben und die Karriere des Herrschers Herodes zum Thema hatte, schon besser.

Fragwürdig ist auch die Machart der Dokumentation, die Arte immerhin an einem Samstagabend zur Primetime zeigte. Die Informationen der Wissenschaftler aus den unterschiedlichen Disziplinen sind zwar fundiert und verständlich. Die Autoren pendeln dann aber bei ihren Reenactments zwischen Ausführungen mit (stummen) Spielszenen und einer Art Comicfiguren-Nachzeichnung. Zudem sind bei dieser internationalen Produktion der Firma Wildbear Entertainment in Zusammenarbeit mit Anthos Produzioni, Focus Mediaset, ZDF, ZDF Enterprises und Arte die Comicszenen und die offenbar computeranimierten Kulissen, in denen die Schauspieler agieren, so sichtbar künstlich, kinderfernsehhaft und wie mit Playmobil-Figuren nachgespielt, dass sich der Zuschauer fragt, wo der Arte-übliche Standard geblieben ist.

17.05.2019 – Martin Thull/MK
Der deutsche Titel „Der Kindermörder von Bethlehem?“ war für den Film wohl schlicht der falsche. Er setzte einen Schwerpunkt, um den es in dieser Dokumentation eigentlich nicht ging
Der französische Titel (deutsch: „Neuer Salomon oder blutrünstiger Tyrann? – Herodes der Große“) traf den Inhalt dieses Films schon besser Fotos: Screenshots