Hier beißt das Lamm

Rede zum Abschied von NDR-Intendant Jobst Plog

Von Gerhard Schröder
18.01.2008 •

Am 11. Januar 2008 wurde Jobst Plog nach 17 Jahren Amtszeit als Intendant des Norddeutschen Rundfunks (NDR) im Rahmen einer Festveranstaltung mit vielen Prominenten aus Politik und Gesellschaft, aus Fernsehen und Sport verabschiedet. Auf der unterhaltsamen Feier in Hamburg, die von Anne Will moderiert und vom Fernsehsender Phoenix live übertragen wurde, würdigten die NDR-Verwaltungsratsvorsitzende Dagmar Pohl-Laukamp, der NDR-Rundfunkratsvorsitzende Helmuth Frahm, Studio-Hamburg-Chef Martin Willich, RBB-Intendantin Dagmar Reim, Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder sowie Bernard Montferrand, französischer Botschafter in Deutschland, das Wirken Plogs, der am 26. Februar 67 Jahre alt wird. Zudem präsentierte RTL-Moderator Günther Jauch, den Plog zur ARD holen wollte, einen Abschiedsfilm, in dem er – augenzwinkernd – im Stil einer Privatfernsehreportage Plogs Karriere mit persönlichen Bildern und Filmausschnitten nachzeichnete. Die FK dokumentiert die Reden von Dagmar Reim und Gerhard Schröder im kompletten Wortlaut (hier im Folgenden die Rede von Gerhard Schröder). Jobst Plog war von 1999 bis 2002 auch Präsident des deutsch-französischen Kulturfernsehkanals Arte (Straßburg). Die ARD sendete am Abend des 11. Januar ab 23.40 Uhr unter dem Titel „Grandseigneur und Steuermann“ ein Porträt über Jobst Plog. Autoren des 45-minütigen Films (570.000 Zuschauer, Marktanteil: 4,3 Prozent) waren Reinhold Beckmann und Sven Jaax. Neuer Intendant des NDR ist seit dem 15. Januar 2008 Lutz Marmor, 53. • FK

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Vielen Dank für die Anmoderation. Lieber Jobst Plog, liebe Frau Plog, ich muss mit ein paar Legenden hier aufräumen. Ich denke, was anderes wird von mir auch nicht erwartet. Zunächst mal, liebe Frau Will, mit dem, was Sie eingangs gesagt haben. Ich bin natürlich inständig gebeten worden und hab mich nicht aufgedrängt. Das hab ich nämlich nie getan, wie jeder weiß, ich bin immer gefragt worden, ob ich denn das ein oder andere fürs Land tun wolle, und habe mich dann, mehr oder minder gezwungen, zur Verfügung gestellt. So ist das auch heute.

Übrigens, hier sind ja, außer der wundervollen Rede von der Intendantin, natürlich ein paar bemerkenswerte Sätze zur Politik gesagt worden. Ich fand, liebe Frau Reim, was Sie über den Intendanten gesagt haben, über den Menschen Jobst Plog, und vor allen Dingen, wie Sie’s gesagt haben – das stimmt einen ja wehmütig: Warum müssen nur Journalisten, die so mit Sprache umgehen wie Sie, im Unterschied zu anderen Intendanten werden? Das kann man ja wirklich an anderen Positionen besser.

Ich will aufräumen mit der ersten Legende, er, Jobst, habe den Sender von Politik befreit. Das mag ja so sein. Aber doch nur, um ihn nach seinen Vorstellungen auszurichten. Die ganze Geschichte mit dem Zurückdrängen von politischen Entscheidungsträgern und das Dransetzen von immer mehr und immer differenzierter zusammengesetzten Gremien diente einem einzigen Ziel, nämlich die Macht des Intendanten zu stärken und zu verhindern, dass ihm irgendeiner mit einigermaßen Verstand reinreden konnte. Das war doch der ganze Sinn der Operation, und nichts anderes, meine Damen und Herren!

Das Nachlassen von Zahnschmerzen

Und das musste mal und das kann jetzt ja auch gesagt werden. Denn, liebe Frau Vorsitzende des Verwaltungsrats – die hat ja hier markig erklärt: „Der Verwaltungsrat ist dazu da, den Intendanten zu kontrollieren“ –, ja, das glauben auch nur Sie! Der Verwaltungsrat ist dazu da, der Verwaltungsrat – das ist doch nach diesen Reformen der Fall gewesen ­der Verwaltungsrat war dazu da, das nach außen als Kontrolle auszugeben, was der Intendant dachte und wollte. Und so ist das bis heute geblieben. Und, lieber Herr Nachfolger, nehmen Sie sich doch einfach vor, es genauso zu machen. Sie werden ein bisschen Zeit brauchen, bis Sie das auch beherrschen, aber angesichts der Gremien, die da neu zusammengesetzt worden sind, wird’s schon werden.

Was aber richtig ist – und das ist keine Legende –, ist die Tatsache, dass Jobst Plog sich wirklich Verdienste erworben hat bei dem Zusammenfügen der Vier-Länder-Anstalt. Ich glaube, dass ist Jobst vom Herzen gekommen, und das hat vielleicht zu tun mit der familiären Verankerung in allen vier Ländern – wie das vonstatten gegangen ist, wäre interessant zu untersuchen, gehört hier heute aber nicht hin, denke ich –, aber das war wirklich eine jener Leistungen, die bleiben werden und die wichtig gewesen sind für den Norddeutschen Rundfunk, für die Rundfunklandschaft, denke ich, überhaupt.

Es ist sicher auch richtig, dass du jedenfalls auf Qualität geachtet hast, was die Auswahl von Führungspositionen angeht. Ich will mich jetzt nicht darüber verbreiten, ob das bei der Besetzung des Funkhausdirektors in Hannover zu meiner Zeit auch so war – das wär’ auch unanständig, wenn ich mich jetzt darüber verbreiten würde –, aber lieber Herr Beyer, gut, dass Sie hier sind.

Ich wollte noch mit einer Fehlinformation aufräumen. Frau Will, er hat das nämlich noch raffinierter gemacht. Er hat nämlich als ersten Schlag gegen die neu gewählte Landesregierung eine Frau uns verordnet, nämlich eine Dame, die dort sehr wirksam war und wonach dann die Inthronisierung von Herrn Beyer mir immer erschien, als – wie soll ich sagen? –, als das Nachlassen von Zahnschmerzen. Und insofern – das muss man richtigstellen –, insofern haben Sie mir mit der Inthronisierung von Herrn Beyer regelrecht einen Gefallen getan. Denn schließlich hat der NDR unter seiner Führung – dies zur Parteipolitik – maßgeblich dazu beigetragen, dass ich später weiter politisch Karriere machen konnte. Insofern relativieren wir das ein bisschen, was ihr seinerzeit vorgehabt habt.

Richtig ist allerdings auch – und ich denke, es ist Anlass gerade an einem solchen Tag, nicht nur Freundliches zu sagen, sondern auch Richtiges –, richtig ist allerdings auch, dass dieser Intendant sich wirklich Verdienste erworben hat bei der Bewahrung dessen, was man öffentlich-rechtlichen Rundfunk nennt. Und wenn es einen Auftrag gibt, den er sinnvollerweise weitergeben sollte – wobei alle helfen sollten, dass er vollzogen werden kann –, dann genau den: nämlich den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu erhalten und seine Qualität zu sichern. Seine Qualität zu sichern, heißt für mich auch, ihn vernünftig zu finanzieren. Und vernünftig zu finanzieren ist er angesichts der Rundfunklandschaft in Deutschland eigentlich nur über Gebühren. Und insofern: All die Kämpfe, die du ausgetragen hast, um Gebührenfinanzierung, nicht allein, aber eben in den Mittelpunkt der Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu stellen, waren nicht nur erfolgreich, nach meinem Dafürhalten waren sie auch richtig. Und wenn man sich die Medienlandschaft gegenwärtig anschaut, dann würde uns was fehlen ohne den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Und das gilt für beide Programme, auch wenn ich in der einzigen Kultsendung, an der ich selber habe teilnehmen können, unmittelbar nach der letzten Bundestagswahl, den Eindruck erweckt habe, für das ZDF träfe das nicht ganz so zu – die werden wissen, warum dieser Eindruck erweckt worden ist.

Er wollte ja auch mal WDR-Intendant werden

Wir haben dann darüber zu reden, dass Jobst Plog nicht nur den öffentlich-rechtlichen Rundfunk verteidigt hat, sondern auch dazu beigetragen hat, mit Arte etwas zu machen, was, glaube ich, für die deutsch-französische Zusammenarbeit von unerhörter Bedeutung ist und was vielleicht der Nukleus einer wirklichen europäischen Öffentlichkeit sein könnte. Gelegentlich beschäftige ich mich ja noch mit Fragen, die damit zusammenhängen, sehr am Rande; aber wenn ich jetzt gegenwärtig zur Kenntnis nehme, dass es Schwierigkeiten gibt, etwa so etwas wie Euronews in eine vernünftige Struktur zu bringen, wo es doch sinnvoll wäre, gerade unter dem Aspekt der Schaffung einer europäischen Öffentlichkeit, etwas zu tun gegen die Vorherrschaft von CNN oder auch BBC World, etwas Eigenes zu machen, einen Nukleus, der da ist, zu entwickeln, und das in Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich – ich denke, das wär’ ein außerordentlich sinnvolles medienpolitisches Projekt, eines, das die Unterstützung derer, die das Sagen haben im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, sehr wohl verdiente.

Ich hab’ auch ein paar Bemerkungen zu machen darüber, dass die Verteidigung dessen und die Entwicklung dessen, was Jobst geleistet hat, den NDR zum Beispiel zu einem Unternehmen zu machen, sehr selbstbewusst gemacht worden ist. Und es gibt da eine wunderschöne Geschichte. Es ist ja nicht ganz richtig, dass er nie etwas anderes machen wollte, als NDR-Intendant zu werden. Denn er wollte ja auch mal WDR-Intendant werden. Und als ich ihn gefragt habe – ich hätte mich natürlich gefreut, wenn das geklappt hätte zu der damaligen Zeit, aus purer Freundschaft natürlich, nicht mit irgendwelchen Hintergedanken –, ich hab’ ihn gefragt: „Sag mal, wieso ist das denn eigentlich damals nichts geworden, was war denn da eigentlich bei der Wahl?“ Und da war ein Hinweis auf sein ungebrochenes Selbstbewusstsein wirklich da.

Es gab zwei Kandidaten, einer war Jobst Plog, der andere war der damalige Star des öffentlich-rechtlichen politischen Fernsehens, Nowottny. Und es gibt die Geschichte, die beiden mussten sich in den Gremien vorstellen, und ganz offenkundig war es so warm, dass die Jacke ausgezogen werden durfte. Und Jobstens Jacke hing nun da an einem Kleiderständer, und Jobst erzählte, Nowottny sei rausgekommen und hätte nach seiner Jacke gegriffen. Und dann hätte er den Irrtum bemerkt, und Nowottny habe gesagt: „Nein, nein, diese Jacke passt mir ja nicht.“ Worauf Jobst antwortet, und dies zeigt sein Selbstbewusstsein: „Doch – als Mantel!“ Ich hab’ das immer wahrgenommen und nie vergessen, ich hab’ das wahrgenommen als einen Ausdruck von ungeheurem Selbstbewusstsein.

Was wird jetzt die Perspektive sein? Die Hannoverschen Anwälte – als wir beide da tätig waren gab es 600, jetzt gibt es über 2000 – fürchten natürlich, dass du deine Zulassung wieder erlangt und als Anwalt in Hannover tätig wirst. Falls du das sagen solltest – ich habe in Hannover eine Zulassung als Anwalt, und wenn ich dir kollegialiter, natürlich gegen Erstattung der üblichen Gebühren, behilflich sein kann, will ich das gerne tun. Denn das würde dich zurückführen an den Beginn deiner beruflichen Tätigkeit. Wir waren damals junge Anwälte in Hannover, waren beide natürlich auf dem Wege – ich mehr als er – Staranwälte zu werden, das versteht sich von selber, sind das dann nicht geworden, aus unterschiedlichen Gründen, der eine musste deswegen Intendant werden und der andere Bundeskanzler. So ist das gelegentlich, wenn Lebensträume sich zerschlagen und man auf anderes ausweichen muss.

Irgendwie haben wir alle davon profitiert

Also, du könntest anknüpfen an eben diese Tätigkeit, und sie würde dich ja auch zurückführen auf die Ursprünge deiner journalistischen Tätigkeit. Denn es gab damals – der ein oder andere weiß das – unter sehr jungen, damals eher linken bis linksliberalen Anwälten – zu denen gehörten wir ja, das sollte man nicht glauben, aber es war wirklich so – eine Zeitschrift, und die hieß „Einspruch“. Es gab dort eine Rubrik, in der meistens Jobst Plog – anonym natürlich – kritische Kommentare schrieb, und diese Rubrik war überschrieben mit „Hier beißt das Lamm“. Eigentlich auch eine ganz schöne Beschreibung der Persönlichkeit, nicht so perfekt literarisch, wie Frau Reim das wunderbar gemacht hat – aber ich glaube, das isses, was ihn auszeichnet: „Hier beißt das Lamm“. Deswegen isser auch immer gut zurechtgekommen im Norddeutschen Rundfunk, und nicht nur dort. Also, wenn du daran anknüpfen willst – viele der inzwischen nicht mehr ganz so jungen Kollegen würden behilflich sein. Aber falls nicht, werden wir dir trotzdem kollegialiter die Freundschaft erhalten.

Was ist dir zu wünschen für die nächsten Jahre? Ich muss dabei auf einen Vorgänger von mir im politischen Amt verweisen. Ich war – ich bin ja gelegentlich in Hamburg –, ich war auf dem Parteitag meiner Partei, der Sozialdemokraten in Hamburg, und saß dort neben meinem Vorvorgänger Helmut Schmidt – der rauchend, ich nicht, das hatte Gründe, da sieht man: Je länger man weg ist vom Amt, desto mehr darf man sich erlauben, und ich werd’ das beherzigen –, und der sagte mir, lieber Jobst: „Die beste Zeit, Gerhard, ist die ohne Amt, im Alter zwischen 65 und 75.“ Und, mein Lieber, das isses doch! Insofern, in dem Alter zwischen 65 und 75: Gute Jahre, gute Jahre mit deiner wunderbaren Frau, für euch alle. Entweder in Norddeutschland oder in Südfrankreich, vielleicht in beiden Teilen dieser wunderbaren Welt. Herzlichen Dank für viele Jahre, na ja, nicht immer freundschaftlichen Umgang, aber für viele Jahre kritischen, aber doch immer solidarischen Umgang. Herzlichen Dank für deine Arbeit, die du hier geleistet hast. Irgendwie, auch wenn wir’s nicht wahrhaben wollten, haben wir alle davon profitiert. In diesem Sinne: Alles erdenklich Gute!

• Text aus Heft Nr. 02-03/2008 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

18.01.2008/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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