Daniel Nocke/Stefan Krohmer: Sie haben Knut (Arte/ZDF)

Offen, widersprüchlich, in Bewegung

17.02.2006 •

Die Tannen tragen weiße Schneemäntel. Von den Bergen kriecht die Kälte ins Tal, bucklige Autos stehen verfroren am Straßenrand. Die Skiläufer stürzen sich in die fragwürdige Tiefe. Irgendwo in den österreichischen Alpen. Ein grundsolides Bauernhaus, keine kleine Skihütte, sondern ein verwinkeltes, holzknarrendes, wuchtiges Ungetüm. Am Küchentisch ein Paar. Lange miteinander verklebt, verlebt, ineinandergelogen und -geredet. Krisenstimmung. Fassen wollen sie sich, finden, doch aneinander vorbei geht das Gerede und Gestammel. Nadja und Ingo haben sich nichts mehr zu sagen, obwohl sie unaufhörlich Wörter hin und her bewegen, aufstellen, stapeln wie Holzscheite, zurechtrücken wie Möbel, ausstellen wie Edelsteine, fortschleudern wie Abfall. Viele Worte fallen, ohne irgendwo aufzuschlagen. Jetzt lass es uns noch einmal versuchen mit der Wahrheit, die Lüge verbannen, ein Neuanfang, Schnauze voll von den Affären, Innigkeit soll her. Wie macht man das?

So sitzt dieses Paar am Küchentisch, und bevor sie sich finden können, werden sie gefunden. Unversehens macht sich die Volleyballtruppe von Nadjas kleinem Bruder Knut in dem Haus breit und torpediert Ingos Pläne, der mit Nadja allein bleiben und die Beziehung kitten wollte. Die fröhliche Horde lässt sich nicht abweisen, das Paar und dessen Sorgen kullern unversehens in ein neues, dynamisches Netz von Beziehungen. Und dann auch noch das! Knut, den alle erwarten, Knut, das ewige Kind, der Sunnyboy und politische Hitzkopf, wird verhaftet. Sie haben Knut! Was machen wir jetzt? Es wird abgestimmt. Basisdemokratisch. Bleiben oder Fahren? Fun oder Engagement? Solidarität oder Selbstgenügsamkeit?

Drehbuchautor Daniel Nocke und Regisseur Stefan Krohmer sind ein berühmt-berüchtigt-bewährtes Paar, von „Ende der Saison“ (2002), über „Familienkreise“ (2003) bis hin zu „Ein toter Bruder“ (2005), immer präzise, immer erkundungskräftig, immer analytisch und doch vital und auf eine ganz unverstellte Weise lebensnah. In diesem Film – der 2003 auf der Berlinale vorgestellt wurde und jetzt bei Arte (Koproduzent: ZDF) seine Fernseherstausstrahlung erlebte – haben sie Stimmungen und Atmosphären der 1980er Jahre ausgelotet, all die schweigenden Schattierungen des Zeitstroms zum Sprechen gebracht. Es ist sicher kein Zufall, dass dieser Knut von Ingo Haeb gespielt wird, der maßgeblich das Drehbuch zu einem anderen erfolgreichen 80er-Jahre-Erkundungsfilm geschrieben hat. In „Am Tag als Bobby Ewing starb“ (vgl. Kritik in FK-Heft Nr. 5-6/05) wird der Zeitgeist im Kostüm, in der Typologie, der Musik, in allen äußeren Umständen gesucht, um die inneren Zustände zu charakterisieren.

Nocke und Krohmer gehen einen anderen Weg. Sie charakterisieren die inneren Zustände, um die äußeren Umstände aufzufinden. Während Haeb in seinem Film seine Figuren eher vom Horizont der Historie ableitete, lauschen Nocke und Krohmer stärker auf das innerliche Rauschen ihrer Helden und finden in den Speisekammern des Ichs ihren Blick auf den Horizont. Man wird durch keine Schlagzeilen, keine historischen Ereignisse und kollektiven Erlebnisse darauf gestoßen, dass man sich jetzt in den Achtzigern befindet. Das, was diese Zeit war und mit uns machte, was wir aus ihr machten, stellt sich ein, wenn man die Sprache und die Körper der Darsteller beobachtet.

„Sie haben Knut“ (Produktion: Home Run Pictures mit Allegro Film) ist ein Ensemblefilm, in dem bestimmte Figuren der Zeit auftreten. Der Agitator. Der Hedonist. Der Oberflächliche. Die Besinnungslose. Der Apokalyptiker. Der Kuschelbär. Der Aktivist. Der Beobachter. Der Barde. Denkbar wären diese Figuren in vielen anderen Jahrzehnten auch, doch hier werden sie vorsichtig historisch nuanciert, so dass sie alle miteinander an einem Gemälde der Zeit mitpinseln. Allen voran Hans-Jochen Wagner als Ingo, ein wahrhafter Schimanski der Innerlichkeit, ein Berserker der Zerrissenheit, einer der sich selbstquälerisch zerwühlt, muffelig am Rand steht, sich mühsam in Bewegung setzt, Kommunikation aufnimmt, eitel wie ein Pfau, stolz, aber auch schüchtern, unsicher, tapsig und komisch wie ein Bär auf der Couch des Psychologen. Wie einer an sich vorbeileben kann, dabei immer guten Willens und Glaubens, er sei auf dem richtigen Weg. Wie einer sich in Illusionen einpuppt und sich mühsam aus diesem Kokon der Selbsttäuschungen herauswindet. All das führt Wagner meisterhaft vor. An seiner Seite kaum weniger beeindruckend Valerie Koch als Nadja, eine Frau, die sich zielstrebig der Klarheit verweigert und lieber ins das Konfuse und Undeutliche abtaucht. Als sie sich verliebt und Ingo verlässt, wirkt das wie ein bloßer Zufall, wie ein im letzten Moment gefundener Notausgang im dichten Rauch. Dass sie eigentlich wahrhaftig ist, sein will und viel weniger zu Orgien der Selbstbefummelung neigt als ihr Freund, ist ihr selbst nicht klar, weil sie selten eine Sprache findet, die mit ihren Gefühlen übereinstimmt, die ihre Wünsche ans Licht bringt.

Waren die 80er Jahre nicht ein verdruckstes Jahrzehnt? Die Posen so grell, offenbar eindeutig, so wild, so keck, aber doch viel Fassade dabei, poppiges Ornament, Schminke, allzu dick aufgetragen. Um dieses Paar herum werden szenische Miniaturen und Dialoge gesponnen und immer dichter mit dem Beziehungskampf verbunden. Man wird mit den Figuren und Geschichten nicht schnell fertig, weil sie fein abgestuft sind, offen, widersprüchlich, in Bewegung. Nocke und Krohmer liefern ihre Figuren nicht dem Spott und dem Gelächter aus, aber zeigen sie doch in ihrer verwundbaren Lächerlichkeit, die wohl allen Menschen eigen ist und den Menschen zum Menschen macht. Knut taucht unvermutet wieder auf, und das ganze Polittheater und Propagandagesülze ist Schnee von gestern. Doch Gründe, sich misszuverstehen, sich zu verwunden und sich fremd zwischen allen Worten zu fühlen, gibt es immer genug. Das Theater geht weiter. Die Tannen bleiben ungerührt. Manch einer steigt in sein buckliges Auto, kratzt die Scheiben frei und fährt ab. Und wie stellt Ingo im Rückblick auf das „Kack-Jahrzehnt“ so menschenfreundlich fest: „Wir waren alle Idioten, jeder auf seine Weise.“

• Text aus Heft Nr. 7/2006 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

17.02.2006 – Torsten Körner/FK

Wahrheit, Lüge, Neuanfang: Waren die 1980er Jahre nicht ein verdruckstes Jahrzehnt?

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