Frank Hertweck: Das Lob der Kritiker. „SWR-Bestenliste“ – Die ersten 40 Jahre (3sat/SWR Fernsehen)

Erfreulich uneitel

16.09.2016 • Literaturvermittlung ist im deutschen Fernsehen trotz all der öffentlich-rechtlichen Spartensender in den letzten Jahren merklich in den Hintergrund getreten. Lange her die Zeiten, in denen „Das Literarische Quartett“ beim ZDF für launiges Entertainment und gute Einschaltquoten sorgte. Die vor einem Jahr mit neuer Besetzung erfolgte Wiederbelebung des Formats (vgl. MK-Kritik), das so sehr mit dem 2013 verstorbenen Marcel Reich-Ranicki verbunden ist, hat in dieser Hinsicht nichts merklich verändert. Dafür läuft die Sendung einfach auch zu selten.

Beim Kulturkanal 3sat gibt’s jedoch bisweilen die Möglichkeit, sich am Sonntagvormittag eine geballte Ladung Hochkultur rund ums Buch verabreichen zu lassen. So waren da am 4. September die Wiederholungen des aus dem Schweizer Fernsehen stammenden „Literaturclubs“ (SF 1) und der jüngsten Ausgabe der von Denis Scheck moderierten ARD-Sendereihe „Druckfrisch“ zu sehen, übrigens die 125. Ausgabe. Und dazwischen gab es – ebenfalls als Wiederholung – ein echtes Schmankerl zu bestaunen. Anlässlich des 40. Geburtstags der „SWR-Bestenliste“ hatte Frank Hertweck ein ebenso kundiges wie kurzweiliges Porträt über diese renommierte ‘Bücher-Hitparade’ gedreht.

Das Wort „kundig“ kommt dabei nicht von ungefähr. Hertweck ist als Literaturredakteur beim Südwestrundfunkfunk (SWR) tätig und in dieser Funktion auch seit knapp 20 Jahren für die „SWR-Bestenliste“ zuständig. Doch in diesem Fall fiel das quasi inzestuöse Verhältnis von Filmemacher und dem Objekt des Interesses nicht weiter ins Gewicht, da der Autor sein Geburtstagsständchen weniger als honorige Denkmalspflege denn als geistreich-heiteren Rückblick angelegt hatte, der auch tiefe Einblicke in die Mentalitäten von Autoren, Verlegern und Kritikern inklusive ausgeprägter Eitelkeiten gewährte. So kramte beispielsweise Martin Walser in einem aktuellen Gespräch seine sämtlichen Notierungen auf der „SWR-Bestenliste“ aus vier Jahrzehnten hervor und hatte auch gleich die der „Spiegel“-Bestsellerlisten noch zur Hand.

Die seit Anfang der 1960er Jahre existierende „Spiegel“-Bestsellerliste war letztlich auch so etwas wie die Geburtshelferin für die Literaturbestenliste des SWR war. So erinnerte sich in dem Film Jürgen Lodemann, seinerzeit Redakteur und Moderator beim damaligen Südwestfunk (SWF) in Baden-Baden – der 1998 im SWR aufging –, an seinen Wunsch, dem auf schnöden Absatzzahlen basierenden „Spiegel“-Ranking eine qualitativ fundierte Bücherliste entgegensetzen zu wollen. Besten- statt Bestsellerliste eben. Auf die Frage, ob eine solche Bestenliste nicht auch im „Spiegel“ ihren Platz haben könnte, habe der dort zuständige Redakteur des Nachrichtenmagazins jedoch keinerlei Interesse signalisiert.

Kurz darauf musste sich Lodemann, wie er weiter berichtete, vom Schriftsteller Otto Jägersberg, der von dem versuchten Deal mit dem „Spiegel“ Wind bekommen hatte, als „Depp“ bezeichnen lassen. Lodemann solle das Projekt doch gefälligst selbst auf die Beine stellen, forderte der Literat. So kam es, dass Jürgen Lodemann ein Häuflein von Literaturkritikern suchte (die Anzahl schwankte über die Jahrzehnte zwischen 14 und 30), die einmal im Monat ihre vier Favoriten unter den literarischen Neuerscheinungen nennen und dafür Punkte vergeben sollten, woraus sich die Platzierung auf der „SWF-Bestenliste“ (wie sie bis 1997 hieß) ergab. An der Praxis hat sich bis heute wenig geändert – bis auf die Tatsache, dass diese Bücherkür im Fernsehen längst keine Rolle mehr spielt und nur noch im Hörfunk (SWR 2) gewürdigt wird.

Für seine einstündige Dokumentation hatte Autor Frank Hertweck zahlreiche Schnipsel aus dem Fernseharchiv zusammengestellt, die trotz aller aktuellen Statements das Salz in der Suppe dieser Sendung waren. Bisweilen hatte es – aus heutiger Sicht – schon etwas von einem Kuriositätenkabinett, wie Lodemann in den ersten Literatursendungen, deren Bestandteil die Bestenliste wurde, in einem schmucklosen Studio mit Dagmar Berghoff auf einem Sofa hockte und die spätere „Tagesschau“-Sprecherin schließlich mit gewichtiger Miene die Gewinner verlas, als wäre man bei der „Ziehung der Lottozahlen“. Und irgendwann bekam die Liste sogar eine eigene Live-Sendung im Dritten Fernsehprogramm des damaligen SWF, in der man versuchte, die Spannung ins Unermessliche zu treiben: An einem Tisch im Hintergrund sah man eine Dame namens Isolde die Stimmzettel der Kritiker auszählen und zwischendurch fragte Lodemann bei ihr immer wieder mal den Zwischenstand ab.

Nicht minder kurzweilig nahmen sich Archivbilder von den alljährlichen Kritikertreffen aus, über die ebenfalls im Fernsehen berichtet wurde. Ob nun Jörg Drews seine grundsätzliche Aversion gegen das Trivialmedium Fernsehen lautstark zum Ausdruck brachte („Alles, was das Fernsehen anfasst, wird zu Dreck!“) oder Peter Schneider seinen Ausstieg aus der Runde bekannt gab, da die Bestenliste für ihn inzwischen auch ein Teil (Buch-)Markts geworden sei – hier gab es wahre Preziosen der ideologischen Grabenkämpfe der 70er Jahre zu bestaunen. Da sich die Dokumentation zudem noch durch eine souveräne, bisweilen auch ironisierende Montage auszeichnete und einzelne Kapitel von hier nicht ganz ernst gemeinten Zitaten diverser Autoren eingeleitet wurden, nahm sich dieses Geburtstagspräsent erfreulich uneitel aus. Seine Erstausstrahlung hatte der Film am 20. März dieses Jahres im Dritten Programm SWR Fernsehen. Anlässlich seiner mit launigem Entertainment verbundenen Qualität sei er aber hier gerne verspätet besprochen.

16.09.2016 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 23/2018

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