Ein Wiedersehen mit Kenia. Unterwegs mit Rolf Seelmann‑Eggebert (ARD/NDR)

Elend statt Adel

22.05.2018 • Wenn der Name Rolf Seelmann-Eggebert in den Programmvorschauen auftaucht, weiß das Publikum, dass ein größeres Ereignis in einem der europäischen Adelshäuser bevorsteht. Die Notwendigkeit dieser Berichterstattung, vor allem deren zuweilen ausufernde programmliche Berücksichtigung nicht zuletzt im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, darf man in Frage stellen. Unbestreitbar aber widmet sich Seelmann-Eggebert (NDR) dem Thema mit der Ernsthaftigkeit eines klassisch ausgebildeten Journalisten – ein wohltuender Kontrast zur voyeuristischen, hitzigen Haltung heutiger People- und Boulevardmagazine.

Ohnehin tut man Rolf Seelmann-Eggebert Unrecht, wenn man sein Lebenswerk auf die besagte Hofberichterstattung reduziert. Der heute 81-Jährige war Programmdirektor der sogenannten Nordkette, des früheren gemeinsamen Dritten Fernsehprogramms von NDR, Radio Bremen und Sender Freies Berlin (SFB). Er war Studioleiter in London und er war Afrika-Korrespondent, zunächst in Abidjan (Elfenbeinküste) für den Hörfunk, dann von 1971 bis 1977 in der kenianischen Hauptstadt Nairobi für das Fernsehen der ARD.

Noch immer nimmt Kenia einen Platz ein in seinen Gedanken. So sehr, dass er im vergangenen Jahr die lange Reise dorthin noch einmal auf sich genommen hat. „Ich möchte wissen, was geworden ist aus den Menschen und ihrem Land“, erklärt er zu Beginn seiner Reportage „Ein Wiedersehen mit Kenia“ (Produktion: Seelmannfilm GmbH, Florian Seelmann-Eggebert). Man sieht ihn im Flugzeug über Afrika. Dann eine Rückblende ins Jahr 1971: Ein KLM-Jet wird von einem Anzugträger mit einer grünen Kelle an seinen Platz gelotst. Damit ist das Prinzip der Reportage markiert – aktuelle Aufnahmen treffen auf Archivfilme und -fotos.

Seelmann-Eggebert besucht Schauplätze, die das Leben seiner Familie in Nairobi bestimmten, den Markt, das frühere Wohnhaus, heute das streng bewachte ARD-Studio unter der Leitung von Korrespondentin Sabine Bohland (WDR), mit der er sich unter anderem über die technischen Veränderungen unterhält und Anekdoten austauscht. Anfang der 1970er Jahre fiel schon mal das gesamte Telefonnetz aus, wenn ein Elefant an einen Mast geraten war. Heute ist es möglich, sich aktuell ins Programm in Deutschland einzuschalten – vor 40 Jahren noch Science-Fiction.

Natürlich wird über die politische Entwicklung Kenias gesprochen, den Streit um die jüngsten Wahlen, das umstrittene Regime von Präsident Uhuru Kenyatta, Sohn von Jomo Kenyatta (1893 bis 1978). Der hatte 1963 die Unabhängigkeit Kenias erstritten, wurde der erste Präsident des Landes und war oft Gegenstand von Seelmann-Eggeberts Berichten. Zum Beispiel, wenn Kenyatta die britische Königin Elizabeth willkommen hieß. In Sachen Queen leistet sich der Reporter rückblickend eine kleine selbstironische Anmerkung. Er sollte der Dame ja noch häufiger begegnen.

Rolf Seelmann-Eggebert lebte mit seiner Familie in Nairobi, mit drei teils noch kleinen Kindern. Den Kontakt zu ihrem früheren Kindermädchen Anna haben sie gehalten. Damals Anfang 20, hat die Frau heute selbst erwachsene Kinder. Sie besitzt ein Häuschen, ist aber auf Zuwendungen der Kinder und auf ihren Gemüsegarten angewiesen. Das kenianische Rentensystem würde sie nicht ernähren.

So kommt Seelmann-Eggebert, der vor seiner Journalistenkarriere unter anderem Ethnologie studierte, vom Persönlichen und Privaten aufs Allgemeine. Er berichtet über die Aids-Krise und deren Folgen, den Zustrom aus benachbarten Ländern, die Stammeskonkurrenz, die das politische Leben prägt, über Dadaab, ein riesiges Lager somalischer Flüchtlinge. Und über den Al-Qaida-Terror, der auch Kenia nicht verschonte. Die 45-minütige Reportage wird bestimmt von Seelmann-Eggeberts bedächtiger, unaufgeregter Art. Umso eindringlicher wirkt es, wenn er den Slum Kibera im Südwesten Nairobis besucht und angesichts des Elends erschüttert die Aussage trifft: „Ich fühle mich hier der Hölle ziemlich nah.“

Die Präsentation des Berichteten durch den als Autor zeichnenden Grandseigneur, der immer wieder selbst vor die Kamera tritt, so wie er es schon in den Siebzigern tat, ist ein geeignetes Mittel, Vergangenheit und Gegenwart sowie unterschiedliche Themen aus Kultur und Politik zu vereinen und allgemeinverständlich darzubieten. In Seelmann-Eggeberts Korrespondentenzeit gab es in den Hauptprogrammen der beiden öffentlich-rechtlichen Sender feste Termine für die Auslandsberichterstattung, monothematische wie auch magazinartige Sendungen mit einem Themenspektrum zwischen Gesellschaft und Populärkultur. Heute sind Reportagen aus entlegeneren Ländern, wenn sie nicht gerade mit Kreuzfahrtschiffen, Romantik und folkloristischer Exotik zu tun haben, allenfalls in programmlichen Nischen zu finden. Immerhin und zum Glück gibt es heute noch den ARD-„Weltspiegel“ (sonntags, 19.20 Uhr) und das ZDF-„Auslandsjournal“ (mittwochs, 22.15 Uhr).

Mit seinem Film „Ein Wiedersehen mit Kenia“ beweist der Nestor Rolf Seelmann-Eggebert, dass Auslandsberichterstattung zugleich informativ, relevant und publikumswirksam gestaltet werden kann. Es ist nicht nostalgisch begründet, wenn man sich mehr davon wünscht – nicht nur in den Feiertagsprogrammen wie in diesem Fall an Pfingsten. Dafür ließe sich leicht auf das eine oder andere Blaublüterporträt verzichten.

22.05.2018 – Harald Keller

Print-Ausgabe 23/2018

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