Eberhard Reuß: Der Mann hinter Porsche – Adolf Rosenberger (ARD/SWR/NDR)

Der dritte Geschäftsführer

05.07.2019 •

Diese Dokumentation, ausgestrahlt im Rahmen der ARD-Reihe „Geschichte im Ersten“, erinnert an den aus Pforzheim stammenden Rennfahrer und Kaufmann Adolf Rosenberger (1900-1967) und beschreibt seine Rolle als Mitbegründer des Kraftfahrzeugherstellers Porsche im Zeitraum 1930/31. Neben Ferdinand Porsche (1875-1951) und dessen Schwiegersohn Anton Piëch (1894-1952) war Rosenberger damals der dritte Geschäftsführer, der – so der Grundtenor der Dokumentation – mit seinen sporttechnischen und ökonomischen Kenntnissen großen Anteil am frühen Erfolg der Firma hatte, bis er wegen seiner jüdischen Herkunft mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten zunächst in den Hintergrund und dann aus der Firma hinausgedrängt wurde: 1935 verkaufte Rosenberger seine Firmenanteile unter dem damals gültigen Wert an Porsches Sohn Ferry (1909-1998).

Im selben Jahr wird der mit einer Nichtjüdin verheiratete Rosenberger auch verhaftet und kommt ins KZ Kislau, aus dem er aber nach wenigen Tagen wieder entlassen wird. Danach emigriert er zunächst nach Paris, dann in die USA. Währenddessen erfreut sich Ferdinand Porsche mit seiner Firma höchster Förderung und Anerkennung durch Adolf Hitler: Porsche entwickelt im Auftrag von Hitler den Volkswagen, der dann seit 1938 in der neu gegründeten Automobilfabrik in Fallersleben (dem heutigen Wolfsburg) gebaut wird. Nach dem Ende der NS-Diktatur und des Zweiten Weltkriegs wird Porsche im Jahr 1948 als Sportwagenmarke neu gründet; Rosenberger wird eine erneute Beteiligung daran verwehrt und er prozessiert dagegen, doch er wird am Ende mit einem billigen Vergleich abgespeist.

Autor Eberhard Reuß zeichnet in seinem 45-minütigen Film ein umfassendes Porträt dieses Mannes und seines beruflichen Werdegangs und rekonstruiert mit vielen bisher unbekannten Dokumenten aus dessen in den USA befindlichem Nachlass ein interessantes Leben. Fast genauso interessant wie der Inhalt dieser Dokumentation ist jedoch auch ihre Entstehungsgeschichte. So wird als Initiatorin für die Aufarbeitung dieser Lebensgeschichte im ARD-Pressetext die in Kalifornien lebende Großnichte Sandra Esslinger genannt, die hier „erstmals den Nachlass ihres 1967 in Los Angeles verstorbenen Großonkels Adolf Rosenberger zugänglich“ gemacht habe. Den eigentlichen Anstoß für diese Dokumentation dürfte darüber hinaus aber die im September 2017 erschienene Monografie „Porsche – Vom Konstruktionsbüro zur Weltmarke“, eine wissenschaftliche Studie von Wolfram Pyta, Nils Havemann und Jutta Braun gegeben haben. Pyta ist Geschichtsprofessor an der Universität Stuttgart und zugleich Direktor der Forschungsstelle Ludwigsburg, die sich der Aufarbeitung der NS-Geschichte widmet.

Die Dokumentation wirft der Monografie vor, den Anteil von Adolf Rosenberger an der Erfolgsgeschichte der Firma Porsche weitgehend unterschlagen zu haben. Die in Rosenbergers Nachlass vorhandenen Unterlagen seien nicht als Quelle hinzugezogen worden. Im Film weist Pyta diesen Vorwurf zurück und behauptet, die Nachlassverwalterinnen – Sandra und Phyllis Esslinger – hätten ihm diesen Zugang verweigert; dieser Aussage widersprechen die beiden Frauen dann jedoch entschieden.

Aber auch die wissenschaftliche Studie von Pyta hat eine Vorgeschichte, denn sie wurde von Porsche (heute Teil des Volkswagen-Konzerns) in Auftrag gegeben, nachdem die Firma aufgrund von Recherchen des Wirtschaftsjournalisten Uli Viehöver 2009 wegen möglicher Verstrickungen in der NS-Zeit unter öffentlichen Druck geraten war. Der Verdacht einer allzu unternehmensfreundlichen Untersuchung liegt nahe; die Firma Porsche betont jedoch die wissenschaftliche Unabhängigkeit der von ihr finanzierten Studie. Die 2018 aus Anlass des 70-jährigen Jubiläums der Sportwagenmarke gegründete gemeinnützige Ferry-Porsche-Stiftung fördert allerdings seitdem eine Professur für Unternehmensgeschichte an der Universität Stuttgart.

Der Filmautor Eberhard Reuß hatte bereits einen wesentlichen Anteil an einem Beitrag für das ARD-Politmagazin „Report Mainz“ (SWR) vom 28. November 2017, in dem die Thematik unter dem Titel „Verdrängte Porsche-Geschichte: Warum musste der Jude Adolf Rosenberger das Unternehmen verlassen?“ behandelt worden war. Seiner jetzt ausgestrahlten Dokumentation ist ihre Herkunft aus dem politischen Magazinjournalismus anzumerken. Sie hat Thesencharakter und ist eher journalistisch als filmisch ambitioniert. Der Autor will mit seinem Beitrag den seiner Meinung nach in der offiziellen Firmenbiografie vernachlässigten Anteil Rosenbergers an der Unternehmensgeschichte nachliefern, um der Person und Persönlichkeit Adolf Rosenberger besser gerecht zu werden.

Dabei verweist die Dokumentation auch auf den äußert opportunistischen Umgang der Firma mit der Person Rosenbergers: Im „Dritten Reich“ habe man ihn wegen seiner jüdischen Herkunft verleugnet, im Nachkriegsdeutschland, als Porsche um seine Entnazifizierung bangen musste, habe man ihn zunächst wieder hofiert, danach aber wiederum seinen Anteil kleingeredet. Neben den Dokumenten aus dem Nachlass enthält der Film auch Interviews mit den in Kalifornien lebenden Nachfahren Rosenbergers und mit dem Historiker und Antisemitismusforscher Wolfgang Benz von der Technischen Universität Berlin; außerdem wird dem Stadtarchiv von Pforzheim ein Besuch abgestattet, in dessen Depot sich noch die – nie ausgestellten – Renntrophäen von Adolf Rosenberger befinden. Besonders eindrucksvoll sind die gezeigten Ausschnitte aus einem Interview, das Rosenberger im Jahr 1966 dem ZDF gab. Hier wird er auch als Person deutlich, seiner Sprachfärbung nach unverkennbar ein Schwabe.

Als Sendetermin für die Dokumentation war im Ersten zunächst der 11. Februar 2019 vorgesehen. Relativ kurzfristig wurde die an diesem Tag geplante Ausstrahlung dann aber abgesetzt, weil laut Mitteilung des hier federführend verantwortlichen SWR die Dokumentation zu diesem Zeitpunkt „nicht fertig“ gewesen sei. Ob sie noch um etwas ergänzt wurde und was dies gegebenenfalls gewesen sein könnte, ist nicht bekannt. In der jetzt ausgestrahlten Fassung finden sich Szenen von einem Besuch des Porsche-Museums durch die Großnichte, in denen der Museumsleiter seine positive Bereitschaft erklärt, etwaige neue Erkenntnisse durch den von ihr verwalteten Nachlass künftig berücksichtigen zu wollen. Sandra Esslinger selbst macht jedoch im Film deutlich, dass sie den Nachlass ihres Großonkels lieber einer anderen Institution übereignen möchte, weil es das Leben Rosenbergers Wert sei, dass daran auch unabhängig von etwaigen Firmeninteressen erinnert werde.

Die Dokumentation – die am 24. Juni aufgrund der Live-Übertragung eines Spiels von der Frauen-Fußball-WM eine halbe Stunde später ausgestrahlt wurde als ursprünglich vorgesehen (um 0.00 Uhr statt um 23.30 Uhr) – hatte 799.000 Zuschauer und einen Marktanteil von 9,2 Prozent.

05.07.2019 – Brigitte Knott-Wolf/MK