Zum Nachdenken: Was ist eine gemeinsame öffentlich‑rechtliche Marke?

18.11.2005 •

Im Rahmen des 10. Mainzer Medien-Disputs (vgl. FK-Meldung) diskutierten am Abend des 9. November 2005 SWR-Intendant Peter Voß und ZDF-Intendant Markus Schächter unter der Moderation von Lutz Hachmeister im Mainzer Landesfunkhaus des SWR über das Thema „Zum Innovationspotenzial des öffentlich-rechtlichen Fernsehens“. Das Gespräch wurde live von Phoenix übertragen und anderntags im Dritten Programm Südwest-Fernsehen wiederholt. Die FK dokumentiert an dieser Stelle im vollen Wortlaut den Schluss der Diskussion, der durchaus innovative Vorschläge enthielt:

Schächter: Ich zitiere Peter Voß...

Voß: Das ist eine besondere Gemeinheit!

Schächter: ...zu diesem heutigen Tag der Thesen und Antworten. Sollte aus Ihrer Sicht mehr experimentiert werden? Können die Zuschauer mehr Programmzumutungen in anderen Programmfeldern verkraften? ‘Keine Frage‘, sagt Peter Voß, ‘Experimentierflächen sind unentbehrlich.‘ Das ist das, was ich sage: Das ZDF als Ein-Kanal-Sender braucht eine breitere Aufstellung.

Hachmeister: Da können Sie als alter ZDF-Mann ja nicht dagegen sein!

Voß: Nein, nein. Also – das ZDF ist natürlich kein Ein-Kanal-Sender. Wir [die ARD; FK-Red.] haben in der Tat den Vorteil der Dritten. Vielleicht bieten wir dem ZDF an, mal in die Dritten mit reinzugehen...

Schächter: Das nehmen wir an!

Voß: ...und uns auch finanziell zu entlasten. Aber noch nicht gleich, Markus...

Hachmeister: Das war jetzt ernst gemeint!

Voß: ...dann wird uns das gleich von der Rundfunkgebühr wieder abgezogen. Also, lass uns das in Ruhe diskutieren. Ich bin nur dagegen, dass man aus bewährten Partnerschaften aussteigt oder rausgeschmissen wird. Wenn das ZDF ein strukturelles Problem hat – was ich so nicht glaube; ich glaube, Deutschland trägt nicht zwei voll entwickelte große Senderfamilien im öffentlich-rechtlichen Bereich, es sei denn, man schrumpft die eine klein und lässt die andere größer werden; das, glaube ich, ist nicht möglich –, dann muss man... Und es gab in der ARD immer Leute, die der Meinung waren, eigentlich muss das ZDF weg; es gab im ZDF immer Leute, die meinen, eigentlich muss das Erste weg und wir sind das nationale Programm und das sind die eher landwirtschaftlich orientierten Regionalsender oder so. Das wird nicht so kommen! Und deshalb gibt’s nur eine Chance: einen engeren Verbund zwischen beiden Systemen. Und wenn in der Digitalisierung – das war das Argument schon von seinem Vorgänger Stolte – ... da wird die Marke ZDF nicht mehr auffindbar sein, da wird die Marke WDR auch nicht mehr auffindbar sein und auch der SWR – da müssten wir eigentlich eine gemeinsame öffentlich-rechtliche Marke kreieren. Dann würde auch dieser idiotische Quotenwettbewerb, also in seiner Brutalität zwischen uns, aufhören. Das allerdings setzt auch beim größeren Partner ARD voraus, dass er anfängt, das ZDF als starkes eigenes Element auch zu respektieren, und dieses ist im Gange. Bei uns hat es ein strategisches Umdenken gegeben in diesen Fragen. Früher war einfach... das ZDF war eine... Stolte wollte immer schon das, was er [Schächter; FK-Red.] jetzt versucht, auch machen. Die ARD hat immer gesagt: ‘Furchtbar, dieser Stachel im Fleisch.‘ Ich denke, damit werden wir in der künftigen... Keiner wird den anderen wegkriegen, keiner wird dem anderen was wegnehmen, es sei denn durch einen Deal – wir finden immer einen Ministerpräsidenten, der es verhindert, er auch immer einen, wenn wir Attentate planen –, deshalb müssen wir uns enger zusammenfinden und gucken, die strukturellen Probleme gemeinsam zu lösen. Und ich glaube, wenn wir dahin kommen – und ich glaube, wir sind auf dem Weg –, dann wird vieles möglich sein, worüber man heute nicht mit sich reden lässt.

Hachmeister: Herr Schächter, wenn Sie dem Hausherrn gestatten, dass das das letzte Wort war, dann darf das Publikum darüber nachdenken, was das ist, die gemeinsame öffentlich-rechtliche Marke. Vielen Dank.

Schächter: Ich will auch weiter nachdenken, jetzt.

Hachmeister: Okay.

Text aus Heft Nr. 46/2005 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

18.11.2005 – MK

Print-Ausgabe 24/2020

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