Zwei Jury-Mitglieder distanzieren sich von Grimme-Preisvergabe an Oliver Polak und seine Sendung „Applaus und raus“

Das Grimme-Institut gab am 8. März in Essen bekannt, wer in diesem Jahr einen Grimme-Preis erhält. Eine der Auszeichnungen geht an Oliver Polak für seine bei Pro Sieben ausgestrahlte Sendung „Applaus und raus“ (die sich dort inzwischen nicht mehr im Programm befindet). Die Jury der Kategorie „Unterhaltung“ entschied, diesen Preis an Polak zu vergeben. Doch dieses Votum war äußerst umstritten: Von den sieben Jury-Mitgliedern haben sich am Mittwoch zwei von der Entscheidung öffentlich distanziert. Jürn Kruse, Medienredakteur bei der „taz“, und Dieter Anschlag, Chefredakteur des Fachdienstes „Medienkorrespondenz“, der auch Vorsitzender der Jury war, gaben dazu jeweils Erklärungen ab. Grund dafür ist, dass die Talkshow „Applaus und raus“ mit dem auch in der Sendung vorkommenden Hashtag #gastoderspast“ und mit dem Twitter-Account @GastOderSpast beworben wurde.

Jürn Kruse hat am 8. März auf taz.de einen Brief an Oliver Polak veröffentlicht, in dem er unter anderem schreibt: „Das einzige, woran Sie mit diesem Reim mitgewirkt haben, ist die Etablierung eines Jahrzehnte alten Schimpfworts gegen Menschen mit Behinderungen.“ In seinem Jury-Bericht, den er für die Medienkorrespondenz verfasste, erläutert Kruse seine Einschätzung so: „Polak und ‘Applaus und raus’ disqualifizierten sich mit diesem Hashtag für einen Preis. Warum ein solcher Kampfbegriff gegen Menschen mit Behinderung? Und dann auch noch völlig unmotiviert. Plumpe Provokation.“ Das Votum der Jury, Polak auszuzeichnen, respektiere er, schreibt Kruse weiter, er könne sich „dem aber nicht anschließen und nicht dafür stehen“. Deshalb distanziere er sich von der Auszeichnung für „Applaus und raus“.

Auch „Medienkorrespondenz“-Chefredakteur Dieter Anschlag wollte die Jury-Entscheidung nicht mittragen und veröffentlichte dazu am 8. März folgende Äußerung: „Als Mitglied der Jury «Unterhaltung» distanziere ich mich von der Entscheidung, dass ein Grimme-Preis vergeben wurde an Oliver Polak und seine bei Pro Sieben ausgestrahlte Talksendung «Applaus und raus». Für diese Sendung wurde mit bewusstem Kalkül der Hashtag #gastoderspast benutzt, bei Twitter wurde der – später offenbar nach Zuschauerprotesten geänderte – Account @GastOderSpast geschaffen. Mit solchen Begriffen, die zu einer Sendung verwendet wurden, die weder Satire noch Comedy war, diskriminieren Moderator und Sender Menschen mit spastischer Lähmung wie auch behinderte Menschen im allgemeinen. Eine solche Geisteshaltung und eine Sendung, die es zum Prinzip erhebt, Menschen bei Nichtgefallen «rauszuschmeißen», sind nach meiner festen Überzeugung einer wertegetragenen Auszeichnung, wie sie der vom Deutschen Volkshochschul-Verband verliehene Grimme-Preis darstellen soll, nicht würdig. Der Preis an den Moderator und die Sendung wurde durch eine Mehrheitsentscheidung der Jury vergeben. Ich kann diese Entscheidung nicht mittragen und möchte nicht mit diesem Jury-Votum identifiziert werden. Deshalb sehe ich mich in diesem elementaren Fall veranlasst, dies öffentlich kundzutun.“ Aufgrund der Reaktionen auch von Mitgliedern der Jury „Unterhaltung“ auf seine Erklärung stellte Anschlag am 9. März klar: „Ich äußere mich hier nicht in meiner Funktion als Jury-Vorsitzender, sondern es ist meine ganz persönliche Stellungnahme.“

09.03.2017 – MK

Print-Ausgabe 19/2017

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