Ordentlich Streit

Notizen aus der Grimme‑Jury „Unterhaltung“

Von Jürn Kruse

Am 31. März (Freitag) werden in Marl die Grimme-Preise 2017 verliehen. Im folgenden Artikel berichtet Jury-Mitglied Jürn Kruse über die Vergabe der Auszeichnungen in der Kategorie Unterhaltung. (Siehe hier auch den Artikel von Jury-Mitglied Katrin Schuster über die Vergabe der Grimme-Preise in der Kategorie Information und Kultur• MK   

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8.3.17 • Drei, zwei, eins – keine Sorge, es folgt nicht die x-te Anspielung auf den Ebay-Werbeslogan. Drei, zwei und eins sind schlicht die wichtigsten Parameter der knappen Woche in der Jury der Kategorie „Unterhaltung“ des Grimme-Preises 2017: Drei Preise hätten vergeben werden können, zwei werden es am Ende aber nur sein – und um einen davon gab es auch noch ordentlich Streit.

Es sagt wohl schon viel aus über das TV-Unterhaltungsjahr 2016, um das es ging, dass das Kontingent nicht ausgeschöpft wurde. Es gab – anders als in den Vorjahren – kaum klare Favoriten, abgesehen von Jan Böhmermanns „Neo Magazin Royale“ (ZDFneo). Drei Grimme-Preise wären wohl nur vergeben worden, wenn Böhmermann und dessen Produktionsfirma Bildundtonfabrik (BTF, Köln) gleich zweimal ausgezeichnet worden wären. Und davon waren sie gar nicht so weit entfernt.

Zum einen mit ihrem #Verafake, mit dem sie im Mai 2016 die unwürdigen Produktionsmethoden des RTL-Kuppel-Vorführ-Pseudodoku „Schwiegertochter gesucht“ aufdeckten und endlich den Konsens aufbrachen, den es – warum auch immer – seit Jahrzehnten zu geben schien: Viele Medienschaffende und viele Zuschauer ahnten nämlich schon lange, dass da was nicht stimmte, dass die Kandidaten ausgebeutet würden, dass Menschen, die eigentlich der Hilfe bedürften, bloßgestellt werden, dass diese Sendungen verachtenswert sind. Und doch wurde dem zynischen Treiben von Shows wie der Sendereihe „Schwiegertochter gesucht“ und deren Moderatorin Vera Int-Veen, der „humorvollen Humanistin aus der Eifel“ (O-Ton Böhmermann), einfach zugesehen. Nach dem Motto: Weiß doch eh jeder, dass das alles gestellt und menschenverachtend ist, wer sich dennoch verarschen lassen will, ob Zuschauer oder Kandidat, soll sich halt verarschen lassen. Mal hier ein kritisches Wort, mal dort ein kleiner Skandal. Das war’s. Bis zum #Verafake. Der Knall war diesmal lauter.

#Verafake lehrt Medienkompetenz

Denn die „Neo-Magazin-Royale“-Leute führten ihrerseits vor, wie Int-Veen und „Schwiegertochter gesucht“ ihre Kandidatinnen und Kandidaten vorführten. Mit großem Aufwand schafften sie es, einen Teilnehmer – inklusive dessen vermeintlichem Vater – in die Sendung zu schleusen. Mit versteckten Kameras filmten sie, wie ihr einfach zu perfekt passender Schwiegersohn Robin von den Machern der Sendung in die Show aufgenommen wurde. Keine Papiere? Egal. Der Vater schon bei der Unterschrift des Vertrags ordentlich ‘vollgetankt’? Was soll’s? Redakteurin: „Trinken Sie täglich Alkohol?“ […] Antwort: „Schon acht Bier am Tag.“ Redakteurin: „Okay, dann kreuzen wir hier ‘Nein’ an.“ So steht es im Gedächtnisprotokoll.

Jan Böhmermann lehrt mit einer solchen Aktion auch Medienkompetenz. Bleibt zu hoffen, dass der #Verafake auch bei jenen ankommt, die tatsächlich noch glauben, dass es bei „Schwiegertochter gesucht“ um die Menschen und die wahre Liebe und so geht.

Und wo wir gerade bei wahrer Liebe sind, hier ein paar wild durcheinander gewürfelte Zitate aus der Jury zu der zweiten „Neo-Magazin-Royale“-Nominierung, der sogenannten Einspielerschleife aus der Sendung vom 7. April 2016: „Es ist einfach wahnsinnig gut.“ „Wenn Ihr mehr wollt von einer Unterhaltungssendung, dann sagt mir was.“ „Das ‘Neo Magazin’ und Böhmermann haben sich selbst übertroffen.“ „Es ist einfach wahnsinnig gut.“ „Das kann man sich noch fünfmal anschauen und findet immer was Neues.“ Aus #Verafake und der Einspielerschleife wurde am Ende ein gemeinsamer Spezial-Preis für das „Neo Magazin Royale“: „für die engagierte Beobachtung und kluge Reflexion des laufenden Fernsehprogramms“.

Lustspiel Slow-Motion-Fernsehen

Bevor wir zum Streitfall kommen, noch ein paar Eindrücke von den Plätzen 19 bis 4 – also all die außerhalb der Medaillenränge – im Schnelldurchlauf: Was haben wir gesehen? In erster Linie Talkformate: mal infantil, wie bei „Zärtlichkeiten im Bus“ vom Dritten Programm MDR Fernsehen; mal im Bett und passenderweise einschläfernd langweilig, wie bei der Sendung „Gute Nacht – Die Show vorm Einschlafen“ im NDR Fernsehen; mal wie eine Ausrede wirkend, ein Luxushotel mal ganz für sich allein in Beschlag nehmen zu dürfen, wie bei „Herr Strunk, Herr Schulz und das Jahr 2016“ (ebenfalls NDR Fernsehen). Daneben nur eine einzige abendfüllende Samstagabend-Live-Show („Die beste Show der Welt“, Pro Sieben) und ein paar alte Satire-Bekannte: „Extra 3 – Der Irrsinn der Woche“ (ARD/NDR), „Panorama – Die Show“ (erneut NDR Fernsehen) und „Der satirische Jahresrückblick 2016“ von den ZDF-Kollegen Werner Doyé und Andreas Wiemers. Sechsmal sind die beiden nun schon für ihr Format nominiert worden, sechs Mal gingen sie leer aus. Das dürfte Grimme-Rekord sein. Glückwunsch dazu.

Leer ging diesmal auch Olli Dittrich aus, der mit seinem „Sandro-Report – Zahlemann live“ (ARD/WDR), einem Teil seines Fernsehpersiflage-Zyklus, nominiert war; preislos blieb ebenfalls die erneut nominierte ZDF-Sendereihe „Sketch History“, die diesmal deutlich näher dran war, prämiert zu werden als im Jahr zuvor. Und das Format „Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von...“ (WDR Fernsehen) fiel komplett durch.

Ganz anders die Sendung „Ville de Bock zeigt: Boccia Boccia“ – Fernsehen bei Tele 5 in Zeitlupe. Der Inhalt: ein Boccia-Turnier der urbanen Oberschicht auf einer kleinen Insel in der Berliner Havel. Ein paar Kugeln, ein bisschen Rumgeturtel. 75 Minuten in Slow-Motion – das klingt nach harter Arbeit, ist aber tatsächlich ein Lustspiel. Die Bilder von Regisseur Jarek Raczek sind stark, der Soundtrack von Richard Dorfmeister auch und die Kostüme sowieso. Dazu aus dem Off ein paar Worte von Friedrich Liechtenstein. Theodor Fontane hätte an diesem großen Gesellschaftsspiel vermutlich großen Spaß gehabt – die Jury hatte ihn jedenfalls. Am Ende scheiterte „Boccia Boccia“ an den etwas zu pathetischen Worten von Friedrich Liechtenstein aus dem Off. „Sobald man das auszeichnen will, muss man sich mit dem Text auseinandersetzen“, sagte ein Jury-Mitglied, man könne sich nicht nur die Rosinen rauspicken, denn Grimme zeichne „ein Gesamtkunstwerk“ aus.

Die Show mit „Gast oder Spast“

Das galt dann allerdings nicht mehr für die Pro-Sieben-Show „Applaus und raus“. Womit wir beim großen Streit angekommen sind. Das Talkformat von Moderator Oliver Polak hat ein simples Konzept: Ein Gast nach dem anderen darf neben seinem Schreibtisch Platz nehmen, hat Polak keine Lust mehr auf ihn oder sie, drückt er einen Buzzer und der Gast fliegt raus. Das Motto der Show und gleichzeitig sowohl Hashtag als auch Twitter-Account, mit dem die erste Folge beworben wurde: „Gast oder Spast?“

Und dieses #GastoderSpast entzweite die Jury. Auf der einen Seite – in der Minderheit – die Fraktion, zu der auch der Autor dieses Textes gehörte. Ihre Meinung: Polak und „Applaus und raus“ disqualifizierten sich mit diesem Hashtag für einen Preis. Warum ein solcher Kampfbegriff gegen Menschen mit Behinderung? Und dann auch noch völlig unmotiviert. Plumpe Provokation.

Auf der anderen Seite die Ansicht, dass das schon in Ordnung sei und „Applaus und raus“ trotz #GastoderSpast auszeichnungswürdig. Die Auswahl der Gäste sei gut, die Show sei anarchisch, es würden Grenzen ausgetestet, der Moderator schäme sich für nichts – und im deutschen Fernsehen würde sich „eher zu viel geschämt“, sagte ein Jury-Mitglied. Außerdem gebe es ja auch viel Sexismus, den Frauen ertragen müssten, und Oliver Polak, der unter Depressionen litt bzw. leidet, trage ja quasi auch sein Päckchen Behinderung mit sich herum. Der dürfe das also. Wobei die meisten schon der Meinung waren, dass der Hashtag nicht gut gewählt worden sei und es leichter fiele, „Applaus und raus“ auszuzeichnen, wenn es nicht #GastoderSpast beinhaltete.

Aber: Ein bisschen Grimme-Preis gibt es nicht. Am Ende lief die Abstimmung zugunsten von „Applaus und raus“ und damit auch für den Hashtag #GastoderSpast. Denn – wie schon vorher angemerkt – bei Grimme wird ein Gesamtkunstwerk ausgezeichnet.

Anmerkung des Autors: Das Votum der Jury respektiere ich, kann mich dem aber nicht anschließen und nicht dafür stehen. Ich distanziere mich deshalb von der Auszeichnung für „Applaus und raus“.
Jürn Kruse, Mitglied der Jury
„Unterhaltung“ beim Grimme-Preis 2017, ist bei der „taz“ Ressortleiter „taz2/Medien“. Auf taz.de hat er seine Distanzierung in einem offenen Brief an Oliver Polak ausführlich begründet (hier der Link).

08.03.2017/MK