Nina Grosse: In der Falle (ARD/NDR)

Begehrt werden wollen

Vor wenigen Wochen sah man Claudia Michelsen im eher missglückten Doppel-„Polizeiruf“ aus Rostock und Magdeburg (vgl. MK-Kritik); sonderlich glänzen konnte die an sich herausragende Schauspielerin in dem eng geschnürten Korsett des ARD-Experiments nicht. Dafür ist heute am „Film-Mittwoch im Ersten“ die Produktion „In der Falle“ zu sehen, die ganz auf Michelsens Fähigkeiten und Charisma zugeschnitten ist.

Claudia Michelsen ist Simone Carstensen-Kleebach, milliardenschwere Erbin und Aufsichtsrätin eines Hamburger Familienunternehmens. Die Frau eines Richters und Mutter einer Teenager-Tochter nimmt ein paar Tage Auszeit in einem Wellness-Hotel auf der Insel Norderney. Dort trifft sie auf Leon Vandenne (Michael Rotschopf) und nach kurzem Zögern lässt sich die eigentlich so kontrollierte Frau auf eine Affäre mit dem jüngeren Mann ein. Der angebliche Galerist aus Brüssel fasziniert sie mit seinen Geschichten vom Segeln und der großen weiten Welt. Und vor allem gibt er ihr das Gefühl, begehrt zu werden. Nach einer stürmischen Nacht folgt Leon ihr nach Hamburg, wo sich Simone auf eine regelmäßige Affäre mit ihm einlässt, die vor allem sexueller Natur ist.

Als Zuschauer hat man bei diesem Leon von Anfang an kein gutes Gefühl, von sich selbst eingenommen und allzu großmäulig wirkt der nicht einmal besonders attraktive Mann mit dem weichen Gesicht – das macht es zwar einerseits etwas schwieriger, Simone in die Fänge dieser verhängnisvollen Affäre zu folgen, schafft aber andererseits von Anfang an ein unterschwelliges Misstrauen und damit eine Spannung gegenüber Leons Figur.

Es kommt, wie es kommen muss: Leon braucht Geld, 1,5 Millionen Euro, angeblich, um sich aus Geschäften mit der russischen Mafia freizukaufen. Und Simone gibt ihm das Geld. Als sie sich kurz darauf von Leon trennt, steckt plötzlich ein Briefumschlag mit kompromittierenden Sexfotos in der Post: Leon bzw. „die Mafia“ will noch mehr Geld, ansonsten gehen die Bilder an die Presse. Simone aber geht nun in die Offensive, vertraut sich Mann und Tochter an und steht auch öffentlich zu der Affäre.

Die Parallelen der Geschichte dieses Films zum realen Fall der schwerreichen Quandt-Erbin Susanne Klatten, die der Schweizer Gigolo Helg Sgarbi 2007 nach intimem Stelldichein mit Videos um viel Geld zu erpressen versuchte, sind offensichtlich, wenngleich Film wie Presseheft der ARD entsprechende Hinweise konsequent vermeiden. Auch Susanne Klatten entschied sich mutig dafür, den Erpresser anzuzeigen und sich damit der Reaktion der eigenen Familie sowie dem öffentlich-medialen Spießrutenlauf zu stellen.

Dies sind denn auch die packendsten Momente des von Nina Grosse spannend und stimmig geschriebenen und ebenso dicht wie präzise inszenierten Films (Produktion: Zeitsprung Pictures): Wenn sich Simone nach dem Erhalt des Erpresserbriefs furchtsam unter der Bettdecke versteckt, wenn ihr mit einem Schlag die schreckliche Konsequenz bewusst wird, die ihr erstmaliges Ausbrechen aus der pragmatischen Routine des Funktionierens als Geschäftsfrau, Ehefrau und Mutter bedeutet. Und wenn sie schließlich all ihre Courage zusammennimmt, um nicht weiterhin erpressbar und damit Opfer zu bleiben.

Grandios zu sehen ist, wie Simone durch die Affäre sowie aber auch die Erpressung letztendlich über sich selbst hinauswächst, sich langsam und schleichend verändert: Die eher scheue und angepasste Frau, die, wie ihr Mann es einmal formuliert, „immer schön im vorgegebenen Rahmen bleibt“, bietet plötzlich auch beruflich ihrem Kontrahenten Paroli, dem Geschäftsführer des Unternehmens. Zwei Pressekonferenzen ihres Unternehmens strukturieren die Geschichte: Während Simone bei der ersten, zu Beginn des Films, von den Ereignissen überrollt wird, behält sie bei der zweiten, am Ende des Films, die volle Kontrolle.

Claudia Michelsen spielt diese Frau mit zurückhaltender Mimik so, dass man ganz bei ihr ist, sie gut verstehen kann: Ihre Kontrolliertheit, ihren Pragmatismus, aber gerade deshalb auch ihre Lust und ihre Sehnsucht, einmal etwas Verbotenes zu tun, etwas Verrücktes und Gefährliches. Und Nina Grosse inszeniert all dies so hautnah, vorwärtsdrängend, auf den Abgrund zutaumelnd wie nur möglich. Auch die für eine öffentlich-rechtliche Primetime-Produktion recht expliziten erotischen Szenen gelingen Nina Grosse glücklicherweise ganz ohne peinliche Mätzchen: Daran hat auch die stilsichere Kameraarbeit von Alexander Fischerkoesen ihren nicht geringen Anteil, die das Geschehen in atmosphärischen, kühlen grau-blauen Bildern einfängt, die das Verhängnis von Anfang an andeuten.

11.11.2015 – Katharina Zeckau/MK

Print-Ausgabe 17/2016

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