Geschichten über Protestsongs 

Popkultur-Rückschau: Zum Arte-Schwerpunkt „Summer of Peace"

Von René Martens

2015 jährt sich bekanntlich zum 70. Mal das Ende des Zweiten Weltkriegs – und auch, was weniger bekannt ist, zum 40. Mal das Ende des Vietnam-Kriegs. Diese beiden historischen Koordinaten erwähnte Wolfgang Bergmann, beim ZDF als Arte-Koordinator tätig, als er bei einer Veranstaltung in Hamburg den diesjährigen Sommerprogramm-Schwerpunkt unter dem Titel „Summer of Peace“ des deutsch-französischen Kulturkanals vorstellte. Dies ergänzt sich mit dem Einstieg in Christian Bettges’ Zweiteiler „Peace ‘n’ Pop“, der im Rahmen des Schwerpunkts zu sehen ist. Der Protest gegen den Vietnam-Krieg sei, so Bettges, eine „unvergessliche Blaupause für gesellschaftliche Utopien“ – und daran wolle er mit seinem Film erinnern, mithin „gegen den Strom einer kriegerischen Gegenwart“ schwimmen.

„Summer of Peace“ ist bereits die neunte sommerliche Popkultur-Rückschau von Arte, Themen waren zuletzt die 90er Jahre („Summer of the 90s“, 2014; vgl. FK 35-36/14) und die Geschichte des Soul (2013). Bei „Summer of Peace“ geht es im Kern an sechs Wochenenden – Start des Schwerpunkts war am 18. Juli, er endet am 23. August – darum, die Geschichte der einflussreichsten Friedenslieder und Protestsongs zu erzählen sowie zu rekapitulieren, wie sich das gesellschaftliche Engagement von Künstlern seit den 1960er Jahren verändert hat. Neben Eigenproduktionen stehen auch zum Thema passende, fürs Kino produzierte Dokumentationen auf dem Programm, die im Fernsehen bisher nicht zu sehen waren, darunter Kevin Macdonalds Bob-Marley-Porträt „Marley“ aus dem Jahr 2012, das Arte zum Auftakt des Schwerpunkts am 18. Juli sendete.

Für Flüchtlinge einsetzen

Unter den deutschen TV-Erstausstrahlungen sind auch zwei angekaufte Filme, die Arte unter anderem damit anpreist, dass sie Bildmaterial enthalten, das bisher zum Teil oder gänzlich unbekannt war. Ersteres gilt für „Hear My Train A Comin’“. Dabei handelt es um einen 2013 produzierten Dokumentarfilm über Jimi Hendrix (1942 bis 1970), der aus der Doku-Reihe „American Masters“ des quasi-öffentlich-rechtlichen US-Networks Public Television Service (PBS) stammt. Der 90-minütige Film, den Arte am 1. August zeigte, enthält Bilder aus vom Protagonisten gedrehten Amateurfilmen. Komplett unbekannt war bisher „The Doors – Feast if Friends“, ein von der Band über sich selbst gedrehter 40-minütiger Film von 1968, der seit 2014 in einer restaurierten Fassung vorliegt und den Arte ebenfalls am 1. August, im Anschluss an den Hendrix-Film, zeigte. „Hear My Train A Comin’“ hat aber den Makel, dass Hinweise darauf fehlen, wer wann die Interviews gedreht hat. Wer es nicht besser wusste, konnte hier den Eindruck bekommen, dass die beiden anderen Mitglieder der Band Jimi Hendrix Experience – Noel Redding und Mitch Mitchell, verstorben 2003 bzw. 2008 – noch am Leben sind.

Zwei Überblicksdarstellungen enthält der Programmschwerpunkt: Birgit Herdlitschkes Dokumentarfilm „Give Peace A Chance – Kann Pop die Welt retten?“ (19. Juli) und Christian Bettges’ bereits erwähnten Zweiteiler „Peace ‘n’ Pop“, bestehend aus den Folgen „1950-1979: Make Love Not War!“ und „1979-2015: Frieden und Popkultur von den 80ern bis heute“ (jeweils 9. August). Eine der Erkenntnisse von Bettges’ Film lautet, dass das Thema Frieden für Künstler heute weniger relevant ist als früher. Grund: Es drängen sich inzwischen andere Themen auf, etwa die „Wiederkehr der sozialen Frage“, wie es der Autor formuliert. Statt für den Frieden treten Musiker heute vor allem für die Interessen von Flüchtlingen ein – und sei es nur, indem sie, wie die Gruppe Deichkind, bei der Verleihung des Musikbranchenpreises „Echo“ (den die ARD in ihrem Ersten Programm überträgt) mit „Refugees Welcome“-T-Shirts auftreten. Bettges geht in seinem Film auch auf die Plakataktion „Wir sind Lampedusa“ ein, an der sich zahlreiche prominente Musiker von Jan Delay bis Fettes Brot beteiligten. Die Solidarität gilt in diesem Fall einer Gruppe von afrikanischen Flüchtlingen, die 2013 über die italienische Insel Lampedusa nach Hamburg gelangte.

In der gelungensten Passage des Films verknüpft Bettges die Geschichte des wirkmächtigen Fela-Kuti-Stücks „Zombie“ mit der aktuellen Situation dieser Flüchtlinge. Der Nigerianer Fela Kuti (1938 bis 1997) hatte den Song im Jahr 1976 mit seiner Band Africa 70 aufgenommen; der Begriff „Zombie“ bezieht sich dabei auf nigerianische Soldaten, die gedankenlos morden. Diese Hintergründe erläutert im Film ein Sprecher der Lampedusa-Gruppe, und abwegig ist das nicht, dass Bettges diesen Song ausgewählt hat, denn „Zombie“ war auch gelegentlich auf Demonstrationen zu Gunsten der Lampedusa-Flüchtlinge zu hören. Weitaus bekanntere Protestsongs der 1960er oder 1970er Jahre sind in diesem Sinne eher nicht aktuell.

Im durchaus angenehmen Sinne überfordert

Bei „Give Peace A Chance“ und „Peace ‘n’ Pop“ klingt in manchen Statements von Interviewten an, dass die Weltlage heute möglicherweise noch komplizierter ist als jene in den 60er Jahren, als Popmusik ihren Durchbruch hatte – weshalb Parolen für den Frieden heute möglicherweise nicht funktionieren. Manche Musiker aus dieser Zeit „transportieren für mich so viel Unschuld, so viel Naivität, das finde ich anrührend“, sagt etwa der Frankfurter Musikproduzent Shantel in Bettges’ Film. Ein Aspekt fehlt sowohl bei Herdlitschke als auch bei Bettges: Weil es in vielen kriegerischen Konflikten weltweit keine solidarisierungswürdige Partei gibt, fällt es schwer, Menschen „für den Frieden“ zu mobilisieren. Dennoch hat Alice Phoebe Lou, eine in Berlin lebende Songwriterin aus Südafrika, Recht, wenn sie sagt, Musiker könnten die Reichweite in ihrer Anhängerschaft viel besser nutzen. Statt bei Twitter und Facebook „narzisstische“ Botschaften zu platzieren, könne sie auf diesem Wege auch Äußerungen zu gesellschaftlich relevanten Themen verbreiten, sagt sie in „Give Peace A Chance“.

Wie so oft in Überblicksdarstellungen zur Pop-Geschichte, erweist es sich erneut als Problem, dass die Autoren einerseits zu viel unterbringen wollen und von Phänomen zu Phänomen huschen, andererseits auch nicht immer klar wird, warum sie bestimmte Schwerpunkte setzen. Das gilt zum Beispiel für ein Gespräch mit dem One-Hit-Wonder Barry McGuire („Eve of destruction“, 1965) in „Give Peace A Chance“. Auch für Ausschnitte aus Interviews mit Bob Dylan, die aus Martin Scorseses Dokumentation „No Direction Home“ stammen, ist hier Platz, obwohl dieser dreieinhalbstündige Film über Dylan im Rahmen des Schwerpunkts „Summer of Peace“ komplett zu sehen ist (8. August).

Auch „Peace ‘n’ Pop“ wirkt manchmal etwas kurzatmig, jedenfalls geraten die Interview-Ausschnitte im zweiten Teil etwas kurz. Hier fühlt man sich aber im durchaus angenehmen Sinne überfordert, weil Bettges verschiedene popkulturelle Ausdrucksformen in den Blick nimmt. Vom Romanautor Alexis Jenni („Die französische Kunst des Krieges“) bis zum Kriegsfotografen Christoph Bangert, der erklärt, Kriegsbilder seien „immer auch automatisch Friedensbilder“, vom Comic-Zeichner Gerhard Seyfried bis zum Vietnamkriegsfilm-Experten Jan Distelmeyer, der als Professor für Geschichte und Theorie der technischen Medien an der Universität Potsdam lehrt – der Wechsel der Perspektiven ist anregend.

In vielerlei Hinsicht aus dem Rahmen fällt der Dokumentarfilm „Lee Perry‘s Visions of Paradise“ (15. August). Obwohl der Film von ZDF und Arte finanziert wurde, wurden auch über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter gesammelte Gelder für die Produktion verwendet. Die ersten von Regisseur Volker Schaner für diesen Film gedrehten Aufnahmen stammen von 1999, und Schaner macht keinen Hehl daraus, dass er sich Perry damals als Fan genähert hat. Perry sei einer der wichtigsten Musiker des 20. Jahrhunderts, sagt zu Beginn des Films der englische Reggae-Produzent Adrian Sherwood (der selbst bereits mit dem Protagonisten zusammengearbeitet hat). Das bezieht sich darauf, dass Perry zu den Pionieren des Dub gehört und ohne ihn die elektronische Tanzmusik der vergangenen drei Jahrzehnte schwer denkbar wäre.

Ein Waldschrat-artig wirkender Tausendsassa

„Visions of Paradise“ ist aber keine dieser typischen Dokus über einen bedeutenden Künstler. Schaner gibt Perry, geboren 1936, die Gelegenheit zur Selbstmystifizierung, sein Protagonist ist ein charmanter, teilweise Waldschrat-artig wirkender Tausendsassa, der nicht nur Musik macht, sondern auch malt und für den die Bezeichnung Exzentriker möglicherweise noch untertrieben ist. Man weiß selten so genau, ob der in der Schweiz lebende Jamaikaner ernst meint, was er sagt. Wer „Visions of Paradise“ anschauen will, kann ein paar Vorkenntnisse durchaus gebrauchen. Die kürzlich von Arte ausgestrahlte Dokumentation „Jah Rastafari – Die Wurzeln des Reggae“ (23. Mai) ist hilfreich für das Verständnis der Rastafari-Religion und für den von Schaner unternommenen Exkurs nach Äthiopien, das gelobte Land der Rastafaris. Auch hilfreich: der „Summer-of-Peace“-Auftaktfilm „Marley“, in dem Perry interviewt wird, weil er als Produzent frühe Marley-Klassiker geprägt hat.

Formal erstaunlich sind die Animationsfilm-Passagen dieser Dokumentation. Sie dienen hier nicht, wie sonst in solchen Fällen, dazu, wahre Geschehnisse ins Bild zu setzen. Vielmehr wird in diesen Passagen klar, warum Schaner den Film als „fairytale documentary“ bezeichnet, also als eine Art Mischung aus Märchen und Dokumentation. In den Animations-Sequenzen werden Motive aus der Text- und Gedankenwelt des Protagonisten frei umgesetzt: Mal reitet ein animierter Perry auf Fantasiewesen durch die Luft, mal erlebt der Zuschauer Frage-und-Antwortspiele zwischen einem Perry aus Fleisch und Blut und animierten Figuren, die „Gier“, „Angst“ oder „Stress“ verkörpern.

Wenn ein Nischensender wie Arte einen Film nur im Nachtprogramm zeigt – in diesem Fall in der Nacht vom 15. auf den 16. August –, sagt das implizit auch etwas aus über die Unkonventionalität des betreffenden Werks. Zum Trost für Interessierte, denen die späte Sendezeit nicht behagt, ist der Film nach der Ausstrahlung noch 90 Tage lang in der Online-Plattform Arte Concerts zu sehen.

07.08.2015/MK

Print-Ausgabe 19/2016

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