Katrin Bühlig/Friedemann Fromm: Silvia S. – Blinde Wut (ZDF)

Ausnahmeproduktion

Natürlich schüttelt man zunächst ungläubig den Kopf, denn Amokläufer sind eigentlich immer männlich. Dann fällt einem die häufig zitierte und bekannteste Ausnahme ein: Im Januar 1979 erschoss die damals 16-jährige Brenda Ann Spencer im kalifornischen San Diego von ihrem Schlafzimmerfenster aus zwei Menschen in der gegenüberliegenden Schule. Auf die Frage nach dem Grund für ihre Tat sagte sie „I don’t like Mondays“. Mit diesem Refrain des gleichnamigen Hits wurden einst die Boomtown Rats berühmt.

Und nun – im Film – wieder eine weibliche Person, die Amok läuft: Das Drama „Silvia S. – Blinde Wut“, das Friedemann Fromm nach einem Buch von Katrin Bühlig inszenierte, orientiert sich offenbar an dem Fall der Amokläuferin von Lörrach aus dem Jahr 2010. Sie erstickte zunächst ihr fünfjähriges Kind, streckte anschließend ihren Mann mit einer Waffe nieder, die sie aufgrund ihrer Mitgliedschaft in einem Sportschützenverein besaß, dann legte sie in ihrer Wohnung Feuer und suchte danach das Krankenhaus auf, in dem sie sich erfolglos um einen Job beworben hatte, um dort weiter um sich zu schießen.

Diese dramatischen Ereignisse kann man in dem ZDF-„Fernsehfilm der Woche“ wiedererkennen. Dennoch verzichteten die Macher auf das reißerische Etikett „nach einer wahren Begebenheit“. Fromm und Bühlig geht es weniger um das vordergründige Spektakel. Ihr Film versucht das Ticken einer psychischen Zeitbombe nachfühlbar zu machen. Das ist auch gelungen, teilweise.

Maria Simon spielt Silvia Schubert, eine Hausfrau, die aber eigentlich eine kreative Persönlichkeit ist. Ihr Architekturstudium hat sie mit Auszeichnung absolviert, doch sie stieg dann aufgrund ihrer Schwangerschaft nicht in den Beruf ein. Nachdem ihre Tochter Laura (Paula Hartmann) herangewachsen ist, bittet Silvia ihre Schwester Uta (Sophie von Kessel), die das Architekturbüro ihres Vaters erfolgreich weiterführt, um eine Chance. Sie kann dort anfangen, macht sich mit wahrem Feuereifer ans Werk und blüht dabei richtig auf. Doch bei einer Präsentation kommt es zum denkwürdigen Eklat: Statt lediglich das Design für einen bescheidenen Eingangsraum zu gestalten, wie es der Auftrag war, hat Silvia einfach ungefragt einen pompösen Hotelbau entworfen und düpiert damit alle.

Immer wieder zeigt der Film, wie diese junge Mutter sich in einem Anflug von Größenwahn überschätzt und dabei die Realität sukzessive aus den Augen verliert. Regisseur Friedemann Fromm gelingen starke Szenen, die zeigen, wie Silvia sich in ganz alltäglichen Situationen überfordert fühlt, ohne dass ihre Mitmenschen davon etwas bemerken. Auf filmische Weise werden Aussetzer gezeigt, in denen Wunsch und Wirklichkeit bei dieser Frau auseinanderklaffen. Das bekommt vor allem die Tochter Laura zu spüren, an die Silvia sich mit infantiler Affenliebe klammert, ohne sie als eigenständige Person wahrzunehmen. Überzeugend gezeichnet ist auch die ins Ungesunde übersteigerte Konkurrenz Silvias zu ihrer Schwester Uta, die von Sophie von Kessel wirklich gut verkörpert wird. Mit Ulrike Kriener als ebenso blasierter wie verständnisloser Mutter wird das nuanciert gezeichnete Familienbild rund. Von Florian Lukas als allzu duldsamem Ehemann hätte man einige Akzente mehr erwartet.

Das psychologische Drama leuchtet die sich anbahnende Katastrophe mit einer gewissen Tiefenschärfe aus. Das Thema ist faszinierend und die Umsetzung weit über dem Durchschnitt. Man erlebt eine Protagonistin, die den Spagat zwischen ihrer Rolle als Hausfrau und dem Versuch einer Rückkehr in den Beruf nicht hinbekommt. Dabei wird aber unmissverständlich klar, dass die Gründe für Silvias schleichenden psychischen Zusammenbruch nicht ausschließlich in ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter zu suchen sind.

Es geht um weit tiefer liegende psychische Deformationen, von denen man hier und da eine Ahnung bekommt. Wie diese Frau sich beim Sex verhält, wie sie von einer Sekunde zur anderen umschaltet und zur kühl berechnenden Furie wird und wie sie sich die Ellbogen blutig kratzt – das ist zuweilen gespenstisch. Oder wie sie ihrer etwa 14-jährigen Tochter ein bonbonfarbenes Kleinkindzimmer einrichtet. All das sind umsichtig recherchierte Details aus dem Leben einer Borderline-Persönlichkeit, einem Charaktertyp, bei dem die Grenze zum psychologisch auffälligen Verhalten schwer zu ziehen ist.

Dennoch erzeugt diese Chronik eines angekündigten Amoklaufs Spannung nur bedingt. Und das liegt daran, dass der Film die Tonart nur selten variiert. Der Zuschauer erlebt die herannahende Katastrophe aus Silvias Perspektive. Dabei macht sich der Film aber nie ihren Tunnelblick zu eigen; der Betrachter wird nie in trügerischer Sicherheit gewogen. Durch die Art der Darstellung ist immer klar, dass Silvia sich verzweifelt bemüht, letztlich jedoch scheitern wird. Diese Eindeutigkeit erscheint in einigen Szenen auch etwas hölzern. Wenn die hochnäsige Mutter an ihrem Geburtstag mit ihrer erfolgreichen Lieblingstochter zur Rauchpause vor die Türe geht und Silvia sich unsicher dazugesellt, dann wird die Botschaft überdeutlich vermittelt. Was aber nicht durchweg so ist.

Man hätte sich gewünscht, dass der insgesamt lobenswerte Film in gewissen Details etwas mehr Subtilität gezeigt hätte. Denn diese filmische Aufarbeitung eines weiblichen Amoklaufs ist schon eine Ausnahmeproduktion.

02.11.2015 – Manfred Riepe/MK