Ein Check der ARD war das nicht – sondern Selbstlegitimation durch Smalltalk

Eine unfreiwillig komische Sendung: Im ARD-„Reisecheck“ am vergangenen Montag (19. Oktober), in dem es um den Zustand der deutschen Autobahnen ging, wurden die beiden Geschäftsführer der Autobahnraststätten-Kette öffentlich auf einem mit den Insignien der Firma geschmückten Parkplatz inmitten von Kunden durch eine Angestellte ihrer Firma befragt. Auch die Kunden durften Fragen stellen. Die einen wollten wissen, warum es an den deutschen Schnellstraßen keine Sterne-Gastronomie gebe, was der erste Geschäftsführer mit dem Kostendruck erklärte. Ein zweiter Kunde fragte dann, weshalb es denn keine asiatische Küche gäbe, was der andere Geschäftsführer mit dem Hinweis erklärte, dass sich das Gros der Kunden nur für deutsche bürgerliche Küche interessiere.

Eine dritte Person frug, warum das Essen in Raststätten wesentlich teurer als beispielsweise in Imbissbuden von Innenstädten sei, worauf beide Geschäftsführer unisono auf die enormen Kosten verwiesen, die durch das Heranschaffen von Waren und Personal an die meist fernab der Städte angesiedelten Autobahnraststätten entstünden. Als die zwei Manager dann noch auf ihre hohen Gehälter angesprochen wurden, fielen ihnen beiden zugleich viele andere Geschäftsführer ein, die noch viel mehr Geld verdienten und zudem nicht immer in Raststätten mit zahllosen Autofahrern zu Mittag essen müssten.

Das ist selbstverständlich keine Beschreibung, die auf die erwähnte Sendung zutrifft. Nein, in der ging es noch halbwegs kritisch zu. Es wurden dort Fachleute befragt, die sich mit dem Zustand der Straßen, der Verkehrstechnik und mit dem Zubreiten von Speisen in Großküchen auskannten. Und die Zustände wurden kritisch und von außen beäugt. Ja, die Moderatorin Susanne Gebhardt beklagte es mehrfach, dass man beispielsweise in manchen Raststätten gar nicht habe drehen dürfen. Man mag über diese Check-Manie von ARD und ZDF denken, was man will, aber Reklame für die Firmen, die Waren anbieten oder Dienstleistungen, leistet man hier nicht. Stattdessen wird der Konsument darüber informiert, was ihn erwartet – in Autobahnraststätten beispielsweise Brötchen mit alt wirkendem Mett oder überaltertem Rührei, das man besser nicht essen sollte.

Das Schauspiel mit den beiden Geschäftsführern fand also gar nicht im „Reisecheck“ statt, sondern in dem darauf folgenden „ARD-Check“ in Hamburg, wo Zuschauer unter der Moderation von ARD-Talkmoderatorin Sandra Maischberger live die Intendanten Lutz Marmor (NDR), zugleich Vorsitzender der ARD, und Tom Buhrow (WDR) befragen durften. Die ARD checkte sich also selbst. Was natürlich nicht geht, sondern nur das ergibt, was das imaginierte Gespräch mit den beiden Geschäftsführern der Raststätten ergeben hätte – einen netten Plausch.

Im ARD-Plausch schienen auch mal Momente der Selbstkritik auf, als etwa Lutz Marmor eingestand, dass es im Nachhinein falsch gewesen sei, Thomas Gottschalk für eine Talkshow im Vorabendprogramm zu engagieren. Nachher sei man immer schlauer, sagte der ARD-Vorsitzende sinngemäß und wirkte wie immer ein wenig schüchtern und also sympathisch. Jeder Fachmann, der sich mit Showkonzepten so auskennt wie mit den Gefahren von alten Mettbrötchen, hätte darauf mit dem Hinweis reagiert, dass Gottschalk der ARD seinerzeit ein Konzept angedreht hatte, das schon Jahre zuvor beim Privatsender RTL in der Nacht nicht funktionierte, und dass es doch wirklich absurd sei, wenn man bei der ARD geglaubt habe, mit dem zwar immer noch weizenblonden, aber doch sichtbar auf die Pensionsgrenze zurobbenden Moderator ein jugendliches Publikum zurückzugewinnen. Der Zuschauer, der die Frage hinsichtlich Gottschalk stellte, war kein Fachmann; zudem durfte er keine Nachfrage mehr stellen. Es sollten doch bei dem Plausch noch andere an die Reihe kommen, die beispielsweise deutsche Schlager in den Radioprogrammen vermissten oder im Fernsehen Handball oder die von der Darstellung von Soldaten in Fernsehfilmen wenig überzeugt waren.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Solche Gespräche mit Zuschauern sind durchaus sinnvoll, sollten auch regelmäßig stattfinden und nicht unbedingt als ein Hochamt zelebriert werden. (Der WDR hat in seinem Dritten Programm mittlerweile schon drei dieser Veranstaltungen über die Bühne gebracht, drei „WDR Checks“, weshalb Tom Buhrow bis in die Wortwahl der Fragen wusste – was er dummerweise auch noch eingestand –, was ihn da erwartete.) Indes, mit einer Prüfung von Programm, Struktur und Finanzen hat das alles selbstverständlich nichts zu tun.

So kam im „ARD-Check“ Kritik, die nicht gleich mit Hinweisen auf die Quoten („Das wollen die Zuschauer sehen“) oder auf die Teuerungsrate (die aber seit einigen Jahren knapp über null liegt) erledigt werden kann, nur an wenigen Stellen auf. Einmal, als mit Hans Hoff ein journalistischer Kritiker zu Wort kam, der aber leider zu eitel war, als dass er sich rasch auf das Wesentliche konzentrierte. Dann, als ARD-Fernsehkorrespondent Udo Lielischkies (WDR) selbstkritisch beschrieb, wie ihm bei der Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt ein Fehler unterlaufen war. Und schließlich, als die Schauspielerin Sabine Postel, Bremer „Tatort“-Kommissarin, auf den Kostendruck hinwies, der für eine Folge der Krimireihe die Anzahl der Drehtage auf mittlerweile nur noch 21 hat reduzieren lassen. Sie, deren Vater einst einer der Sprecher des WDR-Radios war, wolle – sagte sie – bei diesem „ARD-Check“ nicht nur die Petersilie, also die Garnierung, sein. Was sie mit ihrer Frage bewies, auf die sie eine eher ausweichende Antwort erhielt (die Kosten, die Gebühren etc. pp.).

Also, ein Check war das nicht, was man da an diesem Montagabend von 21.00 bis 22.30 Uhr im Ersten zu sehen und zu hören bekam. Es war eher eine Selbstlegitimation durch Smalltalk, und entsprechend ging es zu wie in Talkshows, von denen es in der ARD immer noch zu viele gibt, was in der Sendung keiner sagte, weil ja neben Sandra Maischberger auch noch Anne Will als Interview-Partnerin anwesend war.

1,62 Millionen Zuschauer hatte dieser „ARD-Check“ (Marktanteil: 5,3 Prozent). Und, ach, eine Neuigkeit gab es dann doch noch. Als Lutz Marmor auf die mittlerweile routinierte Frage nach deutschen Fernsehserien die Standardantwort „Babylon Berlin“ gab – ein Serien-Projekt, das Tom Tykwer entwickelt –, rutschte dem wie aufgekratzt wirkenden Tom Buhrow der Satz heraus, dass es zu dieser Serie vielleicht gar nicht komme, da ein Finanzierungsproblem aufgetreten sei. Und schon war die Antwort von Marmor irgendwie verpufft.

22.10.2015 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 14/2016

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