Der Geist von „Twin Peaks“

Das Festival und sein Herz: Die 25. Cologne Conference

Von Jörg Gerle

25 Jahre, ein Vierteljahrhundert Fernseh- und Filmkultur. Natürlich ist es da an der Zeit, zurückzublicken. Eine Veranstaltung, die 1991 im Kölner Museum Ludwig unter dem Titel „Cologne Conference“ einfach mit gutem Fernsehen begann und inzwischen komplex als „Internationales Film- und Fernsehfestival Köln“ gegen die großen Publikumsfestivals aus Hamburg und München anspielen will, kann auf ihre Geschichte mit Recht stolz sein. Damals galt man noch als Appendix des Medienforums NRW, man ahnte allenfalls, welche erzählerische Sprengkraft Serien noch bekommen sollten und dass man mit Fernsehen im Kino einen Nerv treffen könnte. Heute sitzen nicht nur wegen des Jubiläumsjahrs Rami Malek und Christian Slater auf den mit Samt gepolsterten Stufen unter der Leinwand des ausverkauften Kölner „Residenz“-Kinos und erzählen Anekdoten über ihre neue und zukünftige Hit-Serie „Mr. Robot“.

Bei der Cologne Conference 2015 (25. September bis 1. Oktober) war „Mr. Robot“ eine Produktion der „Top-Ten“-Reihe. In Amerika wurde die Serie im Juni dieses Jahres beim USA Network erstausgestrahlt, in Deutschland ist sie ab dem 20. November zunächst via Streaming bei Amazon Prime zu sehen. „Mr. Robot“ erzählt visionär von den Allmachts-, aber auch Robin-Hood-Fantasien eines von Rami Malek enigmatisch verkörperten IT-Sicherheitsexperten. Rami wer? Keine Sorge, in 25 Jahren werden künftige Chronisten zurückblicken und davon berichten, dass der Superstar zu Beginn seiner Karriere auch gleich auf der Cologne Conference war. So wie Lutz Hachmeister und Martina Richter, die Macher von einst und jetzt, zurückblicken und von sich behaupten können, Serien von „Twin Peaks“ über „House of Cards“, „Emergency Room“ und „Breaking Bad“ bis hin zu „Fargo“ entdeckt zu haben. Immerhin waren all diese Produktionen Teil in jener „Top Ten“, die seit Anfang an prägender Teil des Festivals ist. Jene inzwischen prestigeträchtige „Top Ten“ der besten Formate eines Fernsehjahrgangs. Jene „Top Ten“, die immer noch das Herz des Festivals ist, auch wenn sie inzwischen ein wenig in den Hintergrund gerät ob all der Kinoambitionen, die der Kölner Veranstaltung nun die nötige Presse und Aufmerksamkeit bei Entscheidungsträgern und Geldgebern bringt.

Die Hälfte der neuen Küche ist finanziert

Und als wäre es Mahnung und Wegweiser zugleich, schwebte der Geist von „Twin Peaks“ in diesem 25. Jahr erneut über dem Festival. Auch wenn es der Conférencier der Abschluss-Gala am 1. Oktober den geladenen Gästen glauben machen wollte: So neu ist die sechs Monate alte Nachricht nun nicht, dass David Lynch seine bahnbrechende Kultserie um eine dritte Staffel erweitert. 2016 sollen 18 neue Teile kommen und das Mysterium um den Tod von Laura Palmer „25 Years Later“ fortführen (der bisherige Arbeitstitel für Staffel 3 bezieht sich auf die 1991 produzierte zweite Staffel). Die Weichen und die Erwartungen für die Cologne Conference im nächsten Jahr sind also gestellt. Später noch etwas mehr vom Geist.

Derweil mag man die fehlende Nostalgie-Bereitschaft bei der Preisträger-Gala 2015 bedauern. Sei es, dass man ein Videogrußwort von David Lynch – immerhin Gewinner des Filmpreises Köln im Jahr 2010 – hätte einspielen können, was natürlich ein Paukenschlag gewesen wäre. Sei es, wenn man ein Best-of der zu Beginn des diesjährigen Festivals von Steve Blame moderierten „Kultnacht zum 25. Jubiläum“ auf die Leinwand im Kölner Gürzenich projiziert hätte. Eine Auflockerung des Redemarathons der Laudatoren wäre auf der Gala in jedem Fall wünschenswert gewesen. So war es denn ein wenig eine verpasste Chance, den im Zweifel kaum mit der Materie vertrauten Gala-Gästen nicht noch einmal vor Augen zu führen, was hier in den vergangenen 25 Jahren alles geleistet wurde.

Was bleibt, ist zumindest die Erkenntnis, dass gute Freunde von Preisträgern immer noch die besten Reden halten. Während Tom Tykwer versuchte, dem diesjährigen Filmpreis-Köln-Gewinner Paolo Sorrentino mit einer intellektuell überbordenden und dennoch verkrampften Lobrede zu schmeicheln, gelang es Stefan Bachmann, dem Schweizer Intendanten des Kölner Schauspiels, mit nonchalanter Leichtigkeit, klarzumachen, warum sein österreichischer Kumpel David Schalko den „TV-Spielfilm“-Preis für das bemerkenswerteste Format des Festivals mehr als verdient hatte: Nach „Braunschlag“ (2012) war seine im Rahmen der diesjährigen „Top Ten“ laufende Miniserie „Altes Geld“ erneut eines der Highlights der sieben Festivaltage. Ätzend und „ohne Empathie“ (Schalko) handelt sie von einem Patriarch, der demjenigen seiner illustren Familienschar mit dem Universalerbe beschenken will, der ihm flugs eine neue Leber besorgt. Schalko ist augenblicklich der bissigste Chronist im deutschsprachigen Fernsehen – und der ehrlichste. So bedankte er sich auch freimütig mit den Worten, dass mit den 10.000 Euro Preisgeld zumindest eine Hälfte seiner neuen Küche finanziert sei.

Filmpreis Köln für Paolo Sorrentino

Während ansonsten im Bereich der Darsteller die Findung der Preisträger (in diesem Jahr Nora von Waldstätten und Mathieu Amalric) in Köln traditionell ein Mysterium bleibt, standen zwei Ehrungen diesmal außer Frage. Den reinstallierten Phoenix-Dokumentarfilmpreis erhielt verdientermaßen Joshua Oppenheimer, dessen Kinofilm „Look of Silence“ bereits auf den Filmfesten in Venedig und Berlin begeisterte und sein 2012 fertiggestelltes Werk „The Act of Killing“, der die staatlich sanktionierten Gräueltaten indonesischer Todesschwadronen an der eigenen, politisch links verorteten Bevölkerung zum Thema hat, kongenial vervollständigt.

Der mit 25.000 Euro dotierte Filmpreis Köln als Hauptauszeichnung der Cologne Conference ging in diesem Jahr an den Italiener Paolo Sorrentino, dem das Festival eine vierteilige Retrospektive seiner wichtigsten Kinofilme und den Eröffnungsfilm „Ewige Jugend“ widmete. Ein würdiger Preisträger und großartiger Vertreter des europäischen Filmkunstkinos, das – wie in Italien Tradition – nicht nur Kunst, sondern auch bissige Seitenhiebe auf die Gesellschaft bietet. Sein Film „La Grande Belleza“ gewann 2014 den Oscar und „Ewige Jugend“ ist einfach ganz großes Darstellerkino über zwei alte Herren (mit Michael Caine als Musiker und Harvey Keitel als Filmregisseur), eine mitreißende Ode an das Leben, die Liebe und das Alter. Damit nicht genug, spielt der visuell originelle Bilderreigen mit auserlesenem Soundtrack gepflegt in einem Luxushotel in den Schweizer Alpen – was will man mehr?! Man hätte sich vielleicht gewünscht, dass in der Retrospektive auch die beiden von Sorrentino fürs Fernsehen produzierten Dramen gezeigt worden wären, die außerhalb Italiens sicher kaum einer kennt. Derzeit dreht Sorrentino übrigens seine erste Fernsehserie. Sie heißt „The Young Pope“ und behandelt das Leben von Lenny Belardo, des späteren Papstes Pius XIII.; die Hauptrolle spielt Jude Law. Die Serie entsteht als Koproduktion von Sky, Canal plus und HBO.

Zurück zum Fernsehen bei der Cologne Conference. Das Festival bietet neben der Sektion „Top Ten“ und der ominösen, weil nie ganz ausrechenbaren „Look“-Reihe auch noch den Work-in-Progress-Schmelztiegel „Showcases“. In der letztgenannten Sektion konnte der jung-dynamische ZDF-Ableger „Quantum“ (das Formatlabor der Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“) drei neue Projekte vorstellen, wobei das Comedy-Serienformat „Komm schon“, in dem es um eine Sextherapeutin geht, am vielversprechendsten erscheint. Des Weiteren durfte das ‘erwachsene’ ZDF zwei Fernsehfilme seiner bewährten Reihen „Friesland“ und „Marie Brand“ – Marke „Comedy trifft auf Crime“ – zum Besten geben. Punktsieger war hier eindeutig die „Friesland“-Folge „Klootschießen“, deren skurril norddeutsche Muffeligkeit, gepaart mit der Political Incorrectness eines kiffenden Totengräbers, mehr Laune macht als die zugegebenermaßen diesmal trefflich und nicht unspannend ermittelnden Kommissare Brand und Simmel aus dem frohrheinischen Köln in „Marie Brand und die Schatten der Vergangenheit“.

Die Qualität eines Fernsehjahrgangs richtet sich selbstredend nicht nach Jubiläen. Von daher hat die Cologne Conference (auch in diesem Jahr) Glück gehabt. Von keinem geschmacklichen oder qualitativen Totalausfall ist heuer zu berichten. Man kann sich auf einiges freuen, was hoffentlich bald und prominent die Slots der deutschen Sender schmücken oder im Internet (wie „Mr. Robot“) versendet werden wird.

Ein Dokumentarfilm, zwei Fernsehfilme und sieben Serien in der „Top Ten“ – deutlicher kann sich der Abgesang an das abendfüllende Einzelwerk respektive die Angesagtheit des Mehrteilers nicht offenbaren. Und ist tatsächlich der Dokumentarfilm tot? Zerstört der penetrante Hang zum Reenactment die kreative Präsentation gut gemachter Recherche? Es scheint fast so. Oder ist die fiktionale Konkurrenz einfach so immens stark? Wenn ja, sollte man bei der Cologne Conference schleunigst die 2007 abgeschaffte Non-Fiction-„Top-Ten“ wieder einführen.

So blieb uns diesmal nur „Banksy Does New York“; ein vom US-amerikanischen Vorzeigesender HBO produziertes Doku-Schmankerl über die einmonatige New-York-Belagerung des legendären, weil immer noch unsichtbaren englischen Graffiti-Künstlers. Hier wird einmal mehr eklatant deutlich, wie sehr ein Dokumentarfilm vom Objekt der Betrachtung lebt. Die Aktionen von Banksy sind atemberaubend, originell und immens telegen. Wenn – wie in New York im Oktober 2013 – der Guerilla-Sprayer ankündigt, eine Metropole jeden Tag mit einem (Kunst-)Werk zu überraschen, kann eine tolle Schnitzeljagd dabei herauskommen, in dem sich Kunst-, Künstlerjäger und Zerstörer eine Hatz bieten. Dumm nur, dass das ansonsten brillante Dokument so schnell und hipp montiert ist, dass man als Betrachter des multimedialen Overkills zwangsläufig auf der Strecke bleibt. Wann entdecken Filmemacher wieder die Langsamkeit als Qualität?

„Unterm Radar“ und „Unter Verdacht“

Die Fernsehfilme in der „Top-Ten“-Reihe kamen beide, fast ausnahmsweise, aus Deutschland. Vom WDR war „Unterm Radar“ dabei. In diesem ARD-Mittwochsfilm (er lief inzwischen am 14. Oktober im Ersten) reißt ein Bombenanschlag auf einen Linienbus eine Richterin in einen Alptraum. Denn der Verdacht, dass ihre Tochter mit ihrem Freund an der Tat beteiligt war, provoziert ungeahnte gesellschaftliche und berufliche Konsequenzen. Doch die alleinerziehende Mutter glaubt an die Unschuld des verschwundenen Teenagers. Zusammen mit einem leitenden BKA-Beamten kommt sie ungeheuerlichen Vorgängen auf die Spur, die auch die Staatsgewalt in keinem guten Licht erscheinen lassen. „Unterm Radar“ ist ein klaustrophobischer Paranoia-Thriller, der sich, getragen von einer herausragenden Christiane Paul, visuell und dramaturgisch eher am unbequemen „New-Hollywood“-Kino der 1970er Jahre als an der wohligen Spannung herkömmlicher Fernsehunterhaltung orientiert. Glückwunsch!

Das ZDF war mit dem Film „Ein Richter“ vertreten. Diese Produktion ist noch ein wenig überraschender, weil eigentlich in einer der unendlich vielen öffentlich-rechtlichen Krimireihen versteckt, in diesem Fall „Unter Verdacht“. In der 24. Folge erregt der tätliche Angriff einer Ministeriumsangestellten auf einen Richter in der Gerichtskantine die Aufmerksamkeit der von Senta Berger dargestellten internen Ermittlerin Eva Maria Prohacek. Sie war Zeugin des Eklats und kennt das Opfer – einen Richter (Martin Brambach), der sich schon des Öfteren durch überharte Urteile gegen Frauen ‘ausgezeichnet’ hat. Gegen die Anweisung ihres Vorgesetzten findet sie Indizien, die auf eine psychische Störung des Juristen hinweisen. Doch Ermittlungen gegen einen unabhängigen Richter sind eine heikle Angelegenheit. Das nicht zuletzt dank Senta Berger und Martin Brambach fesselnde Psychodrama aus der bis in die Nebenrollen prominent besetzten Krimireihe bietet beste Unterhaltung und legt im Subtext die Schattenseiten des hohen Gutes unabhängig agierender Richter offen. Sehr mutig! „Unter Verdacht: Ein Richter“ wird am 23. Oktober zunächst auf Arte ausgestrahlt.

Aus Großbritannien waren in der „Top-Ten“-Sektion gleich drei Serien-Formate dabei, die unterschiedlicher, aber besser nicht hätten sein können: Mit „Cucumber“/„Banana“ produzierten Channel 4 und seine Schwestersender eine pro Folge 45-minütige Sitcom und eine 25-minütige Sitcom zur Sitcom, in der eine mehr oder minder schwule Community in Manchester und dort in einer Kneipe ihr Alltags­seelenheil sucht. Zusammen mit der dazugehörigen Doku-Serie „Tofu“ bilden sie ein bahnbrechendes, zusammen ausgezeichnetes interagierendes Format-Trio, über das zu reden sein sollte, so es denn ins deutsche Fernsehen käme.

Mit „Safe House“ (ITV) war ein brillanter Vierteiler über einen Ex-Polizisten zu sehen, der sich überreden lässt, sein Haus als geheimen Unterschlupf für eine bedrohte Familie eines Gefängniswärters zu Verfügung zu stellen. Der klaustrophobische Vierstunden-Thriller geht in England bereits in die zweite Staffel und wurde in Köln einem begeisterten Testpublikum komplett präsentiert. Das Ereignis soll 2016 auch auf ZDFneo zu sehen sein. Literatur und Historie sind nirgendwo besser aufgehoben als bei der BBC. Kein Wunder, dass dort Hilary Mantels Romane über die Karriere Thomas Cromwells am Hofe Heinrichs VIII. ebenso gepflegt wie atmosphärisch dicht und dialogreich in einen epischen Geschichtskrimi umgesetzt werden. Der in diesem Zusammenhang entstanden Sechsteiler „Wolf Hall“, von dem zwei Teile in Köln gezeigt wurden, soll im Frühjahr 2016 bei Arte laufen.

Wenn ein deutscher Sender den Mut hätte…

Und dann erschien er wieder, der Geist von „Twin Peaks“. Zumindest haben sich zwei der „Top-Ten“-Erlauchten die Serie von David Lynch genau angeschaut. Das Regieduo Till Franzen und Jan Martin Scharf nämlich. Ihre deutsche Serie „Weinberg – Im Nebel des Schweigens“ feierte mit hoher Bugwelle auf der Cologne Conference 2015 Premiere. Zumindest die erste Folge bekamen die Zuschauer auf dem Festival zu sehen. Weiter geht es nun seit dem 6. Oktober auf dem kleinen deutschen Pay-TV-Sender TNT Serie, der etwa über die Plattform von Sky zu empfangen ist. Die Ingredienzien von „Weinberg“: eine tote Weinkönigin, die (zunächst) doch nicht tot ist; ein Fremder im dunstigen Weinbergdorf, der versucht, mit seinem Gedächtnis ins Reine zu kommen; die Dörfler, einer seltsamer als der andere – und alle haben Leichen im Keller. Eigentümlich statisch und gestelzt ist diese Exposition, eigentümlich unskurril und pointenlos kommt dieses Mystery-Schauspiel daher. Gediegen, aber unispiriert. Lynch gesehen, aber nicht durchdrungen.

Ganz im Gegensatz zu „Jordskott“. Der schwedische Regisseur und Drehbuchautor Henrik Björn hat es verstanden: Mehr Mut zeigen zum realen Unerklärlichen! Die bislang zehnteilige Serie spielt in den Wäldern, wo einst die Tochter einer fortan traumatisierten Kommissarin verschwand. Sieben Jahre später stirbt der Vater der Kommissarin und die vom Schicksal geschlagene Beamtin kehrt zurück in die Wälder. Dort geschehen unerklärliche Dinge. Neue Kinder verschwinden und alte tauchen auf. „Jordskott“ atmet wirklich den Geist von David Lynch. Verstörend ist das und wahrlich unheimlich. Wenn ein deutscher Sender heute den Mut hätte, diese skandinavisch-britische Koproduktion gut beworben zur Primetime ins Programm zu hieven und ihr Zeit zu lassen, er könnte wieder ein Tagesgespräch produzieren. Ganz wie einst bei „Twin Peaks“ vor 25 Jahren.

16.10.2015/MK