USA: Wenn das Publikum die TV-Pakete bestimmen könnte

Schon seit einiger Zeit ist bekannt, dass der typische US-amerikanische Fernsehzuschauer regelmäßig nicht mehr als 17 Sender braucht, um seinen TV-Bedarf zu decken. Doch um diese 17 Sender zu Hause empfangen zu können, muss er notgedrungen ein Paket mit oftmals Hunderten von Programmen bestellen. Das kostet ihn eine Menge Geld, es können über 100 Dollar im Monat sein. Kein Wunder, dass das Aufbegehren gegen diese Paketverträge immer stärker geworden ist und inzwischen mehr und mehr Amerikaner auf Pay-TV-Abonnements ganz verzichten. Im vorigen Jahr lag die Zahl der Kündigungen bei 800.000 und war damit nahezu doppelt so hoch wie im Jahr davor. Doch die Vorstellungen der Kabelindustrie und der Networks, wie die Zukunft aussehen soll, gehen mangels verlässlicher Anhaltspunkte nach wie vor weit auseinander. Jüngst hat TiVo, der in den USA am weitesten verbreitete Hersteller von Set-Top-Boxen, die Ergebnisse einer Umfrage unter seinen Kunden veröffentlicht, die einen Einblick in das Denken des amerikanischen Fernsehpublikums ermöglicht.

Die Ergebnisse der Befragung machen klar, dass die Fernsehzuschauer jede Art von Paketvertrag leid sind, bei dem sie nicht selbst bestimmen können, welche Sender darin enthalten sind. Mehr als drei Viertel wollen in Zukunft ‘À-la-carte-Verträge’, also Fernsehen, das ihren individuellen Bedürfnissen entspricht. Das allein freilich war keine Überraschung für die TV-Industrie. Die Überraschung kommt erst, wenn man sich genauer ansieht, welchen Sendern das Publikum den Vorzug geben würde, könnte es sich nach eigenem Gusto zwischen den vielen verfügbaren Angeboten entscheiden. Wer gedacht hatte, das seien HBO und der Sportsender ESPN oder vielleicht auch die Nachrichtenkanäle mit ihrer täglichen Berichterstattung aus aller Welt, der lernte beim Blick auf die TiVo-Umfrage rasch das Staunen.

ABC, CBS und NBC liegen vorn

Die Nummer 1 unter den 20 am häufigsten genannten Fernsehsendern war das Broadcast-Network ABC. 66 Prozent der Befragten wollen auf ABC nicht verzichten. Auch nicht auf CBS (64 Prozent) und NBC (61 Prozent): Die oft geringgeschätzten ältesten Networks des Landes scheinen sich auch im Zeitalter des Kabelfernsehens nach wie vor großer Beliebtheit zu erfreuen. Auch das Public Broadcasting System (PBS), das quasi öffentlich-rechtliche Angebot in den USA, dessen staatliche Förderung Donald Trump abschaffen möchte (vgl. MK-Meldung), platzierte sich sehr beachtlich auf Platz 8. Zwischen den Broadcast-Networks und PBS tummeln sich der Discovery Channel, der History Channel, Rupert Murdochs Network Fox und der Sender A&E (die Abkürzung steht für Arts and Entertainment). Bemerkenswerterweise sind das überwiegend Sender, die technisch etwas begabte Tüftler auch heute noch terrestrisch empfangen können. Und wo sind die besonders in Wahljahren angeblich so gern frequentierten Nachrichtensender? Sie haben es bei der TiVo-Umfrage nicht einmal unter die Top 20 geschafft.

Neben den Senderpräferenzen ist an der TiVo-Befragung auch interessant, was amerikanische Fernsehkunden denn für ihre Lieblingssender bezahlen würden. Für ABC, das Network ihrer ersten Wahl, wollen sie gerade einmal 1,25 Dollar pro Monat berappen. Ungefähr dasselbe für die anderen Sender der Spitzengruppe. Sogar ESPN kommt inmitten der Sportbegeisterung der meisten Amerikaner nur auf 1,82 Dollar. Selbst das viel gepriesene Kabelnetwork HBO bringt es nur auf 2,81 Dollar. Addiert man das alles zusammen, so halten die von TiVo Befragten einen Gesamtpreis von 28,87 Dollar für die Top 20 für angemessen. Man könnte vielleicht glauben, dass ein solcher monatlicher Preis utopisch und wahrscheinlich niemals zu verwirklichen ist, gäbe es nicht längst sogenannte „Skinny Bundles“, stark verkleinerte Paketverträge, die für mehr als 30 Kanäle schon bei 20 Dollar pro Monat beginnen. Ein solches Angebot ist beispielsweise Sling TV, das via Internet empfangbar ist und zum Satellitenfernsehunternehmen Dish Network gehört.

17.05.2017 – Ev/MK