USA: Dokumentationen überfluten die Bildschirme

Dokumentationen lange zurückliegender Ereignisse, auch wenn diese im Gedächtnis des Publikums fest verankert sind, waren jahrzehntelang nicht so attraktiv wie fiktionale Kinofilme, Fernsehspiele und Serien. Das hat sich in jüngster Zeit geändert. Sowohl im Kino als auch im Fernsehen spielen Dokumentationen inzwischen eine nicht mehr wegzudenkende Rolle. Werden sie dann noch im äußerlichen Gewand eines TV-Dramas präsentiert wie unlängst die beim Abosender FX mit großem Publikumszuspruch ausgestrahlte Serie „The People vs. O.J. Simpson“, haben sie sogar beste Aussichten auf Emmys und Oscars.

Die Fernsehzuschauer in den USA sind allmählich des weitgehend repetitiven Serien-Angebots überdrüssig und flüchten sich als Folge dessen bereitwillig in andere Formate. Musikwettbewerbe werden immer beliebter, Natursendungen vom Schlage „Planet Earth“ (BBC America) finden ein beachtlich großes Publikum und vor allem an Gedenktagen festgemachte Dokumentarfilme erfreuen sich immer größeren Zuspruchs. Die Networks begrüßen den Trend, weil er ihnen eine Chance bietet, der mit gleichförmigen Programmen überfüllten Fernsehlandschaft etwas anderes entgegenzusetzen. Das Misstrauen früherer Jahre gegenüber Dokumentarsendungen ist nunmehr geradezu einer neuen Sucht gewichen, beim amerikanischen Publikum und dann auch bei den Sendern.

Gedenktage und Quoten

Die nächsten Wochen im US-Fernsehen geben ein gutes Beispiel dafür ab, wie jedes halbwegs attraktive Ereignis der Vergangenheit inzwischen Stoff für eine TV-Dokumentation oder einen dokumentarischen Fernsehfilm abgibt: Kein Gedenktag bleibt mehr unbeachtet, sei es die Erinnerung an den Tod von Prinzessin Diana, die Iran-Contra-Affäre, die FBI-Aktion gegen eine religiöse Sekte in Waco (Texas), der Aufstand der schwarzen Bevölkerung bei den „Los Angeles Riots“ Ende April/Anfang Mai 1992 oder Bill Clintons Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky, die im Januar 2018 genau 20 Jahre zurückliegt. All diese Ereignisse sind Gegenstand diverser Dokumentationen, von denen sich die amerikanischen Fernsehsender einen ähnlichen Erfolg versprechen wie sie die O.J.-Simpson-Serie hatte.

Besonders die „Los Angeles Riots“ haben alle Bestandteile für eine sogleich wieder in allen Medien heiß diskutierte Rückerinnerung. Die gesellschaftlichen Probleme, die damals in der kalifornischen Metropole zum gewalttätigen Ausbruch kamen, sind nämlich auch 25 Jahre später noch nicht wirklich bewältigt. Und es gibt zudem immer wieder neues oder neu ausgewertetes Filmmaterial zu solchen Ereignissen. Deshalb gab es nun auch gleich fünf Filme, die sich mit den „Los Angeles Riots“ beschäftigten: „LA 92“ bei National Geographic, „L.A. Burning: The Riots 25 Years Later“ bei A&E, „Let It Fall: Los Angeles 1982-1992“ bei ABC, „Burn, Motherf**cker, Burn“ bei Showtime und „The Lost Tapes: L.A. Riots“ beim Smithsonian Channel – alle waren im April zu sehen.

„Wir leben in einer zersplitterten Kultur“, sagte Rob Sharenow, der General Manager der Networks A&E und Lifetime, mit Blick auf die Dokumentationsflut jüngst zum „Wall Street Journal“, um fortzufahren: „Es gibt nur noch wenige Momente der Einheit und der gleichen Blickrichtung. Gedenktage aber zeigen uns einen Weg, um gemeinsame Erfahrungen zu vergleichen und uns zu erinnern.“ Dass es in Wirklichkeit vornehmlich um Quoten geht, lässt Sharenow lieber weg.

09.05.2017 – Ev/MK

Print-Ausgabe 10/2017

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