Staatssekretär Marc Jan Eumann droht die Aberkennung des Doktortitels

02.08.2013 •

Dem nordrhein-westfälischen Medienstaatssekretär Marc Jan Eumann (SPD) droht sein Doktortitel aberkannt zu werden. Das Rektorat der Technischen Universität (TU) Dortmund stellte am 18. Juli fest, es liege in dem Fall ein „erhebliches wissenschaftliches Fehlverhalten des Herrn Dr. Eumann“ vor. Wie die Universität dazu am 19. Juli mitteilte, basiere diese Einschätzung auf einem Bericht der ‘Kommission zur Sicherstellung guter wissenschaftlicher Praxis’ der TU Dortmund und zudem auf einem externen Rechtsgutachten.

Woran das Rektorat die Einschätzung, bei der Promotion Eumanns habe es „erhebliches wissenschaftliche Fehlverhalten“ gegeben, konkret festmacht, dazu äußerte sich die Hochschule nicht. Der SPD-Politiker hatte 2011 mit einer Arbeit über die Geschichte des Deutschen Presse-Dienstes, einem Vorläufer der Nachrichtenagentur dpa, promoviert. Seine Magisterarbeit hatte Eumann 1991 an der Universität Köln ebenfalls über den Deutschen Presse-Dienst verfasst.

Bewusste Täuschung?

Das Rektorat der TU Dortmund beabsichtigt nun, den zuständigen Fakultätsrat der Fakultät Kulturwissenschaften einzuschalten, „damit dieser ein Verfahren zur Aberkennung des Doktorgrads einleitet“. Eumann kann sich dazu binnen vier Wochen schriftlich äußern. Wann genau die Frist endet, gibt die Universität nicht bekannt. Die Frist dürfte etwa Mitte August auslaufen. Auf Basis von Eumanns Stellungnahme wird sich das Rektorat nochmals mit dem Fall befassen und dann endgültig das weitere Procedere beschließen.

Sofern die beabsichtigte Maßnahme bestätigt wird, läge das weitere Verfahren in den Händen des Fakultätsrats. Das 18-köpfige Gremium wäre für das Aberkennungsverfahren zuständig. Laut der Promotionsordnung der Fakultät Kulturwissenschaften der Dortmunder Universität wird der Doktorgrad aberkannt, „wenn sich nachträglich herausstellt, dass er durch Täuschung erworben worden ist, oder wenn wesentliche Voraussetzungen für die Verleihung irrtümlich als gegeben angesehen worden sind“.

Die Prüfung der Promotion von Marc Jan Eumann an der TU Dortmund begann Ende 2012. Damals leitete die ‘Kommission zur Sicherstellung guter wissenschaftlicher Praxis’ ein Verfahren ein, um zu untersuchen, ob es sich bei Eumanns Dissertation um ein „Selbstplagiat“ handele. Eingeschaltet wurde die Kommission von Eumanns Doktorvater, dem Journalistik-Professor Horst Pöttker. Zu diesem Schritt sah sich der inzwischen emeritierte Professor aufgrund einer äußerst kritischen Rezension zu Eumanns Dissertation veranlasst. Pöttker erklärte in einem am 7. Juli in einem Beitrag des Magazins „Westpol“ (WDR Fernsehen), ihm sei damals sehr schnell bewusst gewesen, „dass hier ein Verfahren in Gang gesetzt werden muss, das eben die Legitimität dieses Doktortitels überprüfen muss“.

„Erhebliche Versäumnisse“ bei der Universität

Der Leipziger Medienhistoriker Arnulf Kutsch hatte in einer Rezension in der Fachzeitschrift „Publizistik“ (Nr. 4/2012) über Eumanns Dissertation geschrieben, dass sich „eine konzeptionelle oder methodische Erweiterung“ von dessen Magisterarbeit nicht erkennen lasse, „auch keine wirklich inhaltlich-substanzielle“. Kutsch kam zu dem Urteil: „Einstweilen mag es lehren, wie angenehm es sich in unserem Fach auf der Grundlage des Textkorpus’ einer Magisterarbeit promovieren lässt, selbst wenn sich über diese eine 20-jährige Patina gelegt hat.“ Als die an der TU Dortmund eingeleitete Prüfung Anfang 2013 öffentlich wurde, wies Eumann die erhobenen Vorwürfe zurück.

Die eingeschaltete Kommission der Hochschule beauftragte im Rahmen ihrer Prüfung den Bonner Rechtswissenschaftler Wolfgang Löwer, ein Gutachten zu erstellen. Die Zeitschrift „Focus“ berichtete am 29. Juli, Löwer sei in seiner Expertise zu dem Schluss gekommen, Eumann habe bei seiner Promotion bewusst getäuscht. Neben Horst Pöttker ist Ulrich Pätzold Eumanns zweiter Doktorvater. Pätzold war bis Ende August 2008 Journalistik-Professor an der TU Dortmund und ist seitdem emeritiert. Sowohl Pöttker als auch Pätzold haben am dortigen Institut für Journalistik gelehrt.

Die Meldung des „Focus“ veranlasste Marc Jan Eumann am 30. Juli zu einer umfangreichen Stellungnahme. Er kritisierte, dass die bei dem Prüfverfahren geltenden strikten Vertraulichkeitsregelungen missachtet worden seien, „da immer wieder Interna über das laufende Verfahren in die Öffentlichkeit getragen wurden“. Dies stehe „in keiner Weise mit den Grundsätzen eines fairen und geordneten Verfahrens in Einklang“. Sollte sich das Verfahren „in der bisherigen Art und Weise fortsetzen“, so Eumann, werde „im Zweifelsfall ein unabhängiges Gericht die Angelegenheit klären müssen, um die Hintergründe angemessen aufzuklären“.

Dissertation und Magisterarbeit

Der NRW-Medienstaatssekretär wies ferner den Vorwurf, er habe getäuscht, zurück und warf seinerseits der TU Dortmund „erhebliche Versäumnisse“ vor. Mit der seiner Dissertation zugrunde liegenden Magisterarbeit sei er offen umgegangen. Das habe sein Co-Doktorvater Ulrich Pätzold auch öffentlich erklärt. Der vollständige Titel seiner Magisterarbeit habe seinem Doktorvater, dem Promotionsausschuss und dem Dekanat der Fakultät vorgelegen. Dem Promotionsausschuss habe sein Antrag auf Zulassung zur Promotion fünf Monate lang vorgelegen, so Eumann weiter. In dem Antrag seien der Titel seiner Magisterarbeit und „der in wesentlichen Teilen wortidentische Titel seiner Dissertation“ enthalten gewesen. Die Zulassung habe der Ausschuss „ohne jegliche Anmerkung oder Auflage erteilt“, erklärte der SPD-Politiker. Auch sei er in einer „Vorbemerkung“ zu seiner Dissertation auf seine Magisterarbeit eingegangen. Diese Vorbemerkung sei seinem Doktorvater und dem Vorsitzenden des Promotionsausschusses ab Juni 2011 bekannt gewesen.

Ende 2011 wurde die Dissertation als Buch publiziert, wodurch das Promotionsverfahren offiziell beendet wurde. Eumanns Doktorvater Pöttker hatte im Vorwort der Buchveröffentlichung noch geschrieben, es sei „anzunehmen, dass seine [Eumanns; d.Red.] exemplarische Fallstudie zur Medienpolitik der britischen Besatzungsmacht zu einem Standardwerk wird, das für das Verständnis des Mediensystems und der journalistischen Kultur in der Bundesrepublik Deutschland unentbehrlich ist“.

Gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (Ausgabe vom 23. Juni 2013) sagte Pöttker nun, ihm sei nicht bekannt gewesen, dass Eumann seinen Magisterabschluss mit einer Arbeit über den Deutschen Presse-Dienst erworben habe. Auch in dem „Westpol“-Beitrag hatte Pöttker gesagt, er habe keine Hinweise auf die Magisterarbeit gehabt: „Ich konnte es auch nicht dem Quellenverzeichnis der eingereichten Dissertationsschrift entnehmen.“ Das Vorwort sei geschrieben worden, so Pöttker, „nachdem das Verfahren schon zu Ende war“.

Das Promotionsverfahren begann im Jahr 2009. Damals war Eumann noch nordrhein-westfälischer Landtagsabgeordneter. Nachdem er die Dissertationsschrift abgegeben hatte, fand am 16. Februar 2011 vor einer fünfköpfigen Kommission die mündliche Prüfung (Disputation) statt. Zu diesem Zeitpunkt war Eumann seit sieben Monaten NRW-Medienstaatssekretär.

• Text aus Ausgabe Nr. 31/2013 der Funkkorrespondenz (jetzt: Medienkorrespondenz)

02.08.2013 – FK