ARD: Intendanten beschließen Reform für das Erste Programm und die Mediathek

27.10.2021 •

Die ARD hat eine umfangreiche Reform verabschiedet, die die Mediathek des Senderverbunds und das Erste Programm betrifft. Am 15. Oktober votierten die ARD-Intendanten nach vorheriger Beratung mit den ARD-Gremienvorsitzenden einstimmig für das Reformvorhaben, wie die ARD in einer Pressemitteilung bekannt gab. Die Änderungen werden nun ab Januar 2022 schrittweise umgesetzt. Die Intendanten haben damit das Reformprojekt gebilligt, das die neue ARD-Programmdirektorin Christine Strobl gemeinsam mit ihren beiden Stellvertretern Florian Hager und Oliver Köhr erstellt hat. Hager ist seit Januar 2020 Channel-Manager der ARD-Mediathek, Köhr seit Mai 2021 ARD-Chefredakteur.

Im Juni hatten Strobl, Hager und Köhr den ARD-Intendanten ein Papier für eine neue „Programm- und Flottenstrategie Video“ vorgelegt, das von den Senderchefs damals im Grundsatz bereits gebilligt worden war. Da aus den Plänen deutlich wurde, dass es auch Auswirkungen auf bestimmte Sendeformate im Ersten geben würde, darunter etwa auf die Politikmagazine und das Auslandsmagazin „Weltspiegel“, führte das in der Folge zu teilweise massiven Protesten aus den entsprechenden Redaktionen (vgl. diese MK-Meldung und diesen MK-Artikel). Den bereits in dem Strategiepapier von Strobls Team genannten einzelnen Reformmaßnahmen haben die Intendanten nun zum allergrößten Teil zugestimmt.

Kaum zusätzliches Geld

Mit ihrem Reformpaket verfolgt die ARD mehrere Ziele. Es geht darum, mit der Mediathek des Senderverbunds neue, vor allem jüngere Menschen zu erreichen. Dafür wird die Mediathek nun neben dem linearen Fernsehprogramm zu einem gleichwertigen Ausspielweg ausgebaut. Außerdem hat sich die ARD eine „Profilierung des Ersten Deutschen Fernsehens“ vorgenommen. Alle ARD-Gemeinschaftsangebote sollen künftig „so aufgestellt werden, dass sie sich ergänzen und zusammen an Jung und Alt richten“. Die Änderungen sollen nach Darstellung der ARD dazu führen, „ein attraktives mediales Angebot für die gesamte Bevölkerung zu schaffen“.

Der ARD-Vorsitzende Tom Buhrow (WDR-Intendant) und ARD-Programmdirektorin Christine Strobl erklärten am 15. Oktober in einem Online-Pressegespräch, dass es für die Umsetzung der Reformen kein zusätzliches Geld in größerer Höhe gebe. Die ARD-Programdirektion werde, wie Buhrow sagte, einen höheren einstelligen Millionenbetrag pro Jahr extra erhalten, um etwa geplante Innovationen finanzieren zu können. Dieses Geld werde der ARD-Programmdirektion durch Umschichtungen im Senderverbund bereitgestellt.

In ihrem Strategiepapier vom Juni hatten Strobl, Hager und Köhr bereits festgehalten, dass der digitale Umbau bei der ARD „aus den finanziellen Mitteln des Hauptabend- und Wochenendangebots des Gemeinschaftsprogramms erfolgen“ müsse. Das heißt, im Kern hat die ARD jetzt eine Reform beschlossen, die dazu führen soll, dass es bei etwa gleichbleibenden Budgets künftig attraktivere non-lineare Inhalte in der ARD-Mediathek gibt, ohne dadurch das Erste Programm zu schwächen.

„Weltspiegel“ nicht auf Montagabend verlegt

In der ARD-Mediathek wird es künftig „mindestens 25 Premieren von eigenproduzierten und internationalen fiktionalen Serien-Highlights“ geben, wie die ARD weiter mitteilte. Auch das Comedy-Segment soll ausgebaut werden. Darüber hinaus sind monatlich „exklusive Premieren von relevanten Doku-Serien“ geplant. Dabei handle es sich beispielsweise um Produktionen wie „Bastards“ über ein deutsch-iranisches Wrestling-Team oder „Auf dem Weg“ über acht Jugendliche mit Down-Syndrom. Zudem sind regelmäßige Dokumentationen aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Ausland, Geschichte, Religion, Kultur und Sport geplant. Unter dem Label „ARD investigativ“ sollen die Redaktionen der politischen Magazine künftig „einmal im Monat spannende Dokumentationen“ für die Mediathek herstellen.

Fast alle Magazinredaktionen des Ersten Programms würden, wie ARD-Chefredakteur Oliver Köhr im Pressegespräch sagte, künftig Dokumentationen für die Mediathek produzieren, die dann auch auf den linearen Sendeplätzen der Magazine im Ersten ausgestrahlt würden. Das neue Programmkonzept besagt, dass die Magazinredaktionen pro Jahr einen bestimmten Anteil von Dokumentationen für die Mediathek zuliefern müssen. Das hat zur Folge, dass auf den Sendeplätzen der Magazine dann künftig nicht nur die klassischen Ausgaben mit mehreren Einzelbeträgen ausgestrahlt werden, sondern auch längere Dokumentationen (30 bzw. bis zu 45 Minuten).

Im Ersten Programm führt die Reform zu zahlreichen programmlichen Änderungen. Am Sonntag beispielsweise läuft künftig ab 19.15 Uhr die „Sportschau“, die damit direkt vor der 20.00-Uhr-„Tagesschau“ zu sehen ist. Das bisher auf diesem Sendeplatz ausgestrahlte Auslandsmagazin „Weltspiegel“ ist dann sonntags von 18.30 bis 19.15 Uhr zu sehen und erhält dadurch fünf Minuten mehr Sendezeit als bisher (derzeitiger Sendeplatz: Sonntag 19.20 bis 20.00 Uhr). Damit tauschen de facto die „Sportschau“ und der „Weltspiegel“ ihren Sendeplatz. Der halbstündige „Bericht aus Berlin“ startet künftig sonntags um 18.00 Uhr, direkt vor dem „Weltspiegel“.

Laut ihren Plänen vom Juni hatten Strobl und ihr Team vorgesehen, den „Weltspiegel“ auf den Montagabend (22.50 Uhr) zu verlegen, nach den ARD-„Tagesthemen“. An dieser Verlegung gab es deutliche Kritik, da von der „Weltspiegel“-Redaktion infolgedessen ein großer Zuschauerverlust für das Auslandsmagazin befürchtet wurde. Dass der „Weltspiegel“ nun am Sonntagabend mit einer etwas früheren Sendezeit bleibt, darf als Kompromiss betrachtet werden, der zudem mit den fünf Minuten mehr Sendezeit für den „Weltspiegel“ belohnt wurde. Entscheidend war für die ARD-Manager wohl, dass am Sonntag die „Sportschau“ den attraktiven Sendeplatz vor der „Tagesschau“ erhält, damit dann – auch ganz im Sinne der Deutschen Fußball-Liga (DFL) – zuschauerwirksamer über die Spiele der zweiten Bundesliga berichtet werden kann. Über die entsprechenden TV-Rechte verfügt die ARD bereits. 2019 war der damalige ARD-Programmdirektor Volker Herres noch an einer solchen Verlegung der ARD-„Sportschau“ gescheitert (vgl. diesen MK-Artikel und diese MK-Meldung).

Neues Gesprächsformat für Sandra Maischberger

Den Montagabend hat die ARD nun zum „neuen Informationstag im Ersten“ ausgerufen; bereits im Jahr 2015 hatte die ARD erklärt, der Montagabend bleibe „der Informationstag im Ersten“, worauf der Medienjournalist Stefan Niggemeier jetzt auf Twitter hinwies. Auf dem Sendeplatz am Montag um 20.15 Uhr soll es demnächst neben Naturfilmen auch „hochwertige Dokumentationen und Reportagen aus den Bereichen Politik, Kultur, Wirtschaft, Religion, Geschichte und Sport“ geben. Im Anschluss laufen weiter der Polittalk „Hart aber fair“ (21.00 Uhr) und die „Tagesthemen“ (22.15 Uhr), gefolgt von einem neuen Wissensformat (22.50 Uhr). Doch das Wissensformat wird auf diesem Sendeplatz nicht das ganze Jahr zu sehen sein, auf diesem Termin sollen auch Dokumentationen aus den „Weltspiegel“-Redaktionen ausgestrahlt werden. Außerdem soll das multimediale Reportageformat „Rabiat“ ausgebaut werden.

Für Sandra Maischberger wird es im Ersten ein neues Gesprächsformat geben, das künftig dienstag- und mittwochabends läuft; ihre bisherige Sendung „Maischberger. Die Woche“ wird dann beendet. Laut ARD-Chefredakteur Oliver Köhr soll Maischberger in ihrer neuen Sendung verstärkt Einzelgespräche etwa mit Politikern oder Persönlichkeiten aus anderen gesellschaftlichen Bereichen führen. Am Freitagabend gibt es im Ersten demnächst um 21.45 Uhr ein neuen halbstündigen Sendeplatz, so dass die „Tagesthemen“ freitags auch zum Regeltermin 22.15 Uhr starten (derzeit laufen die „Tagesthemen“ am Freitag um 21.45 Uhr). Freitags ab 21.45 Uhr sind dann im Ersten ein neues Comedy-Format und eine neue Reportage-Reihe zu sehen (in welchem Wechsel die beiden Sendungen laufen werden, ist noch nicht bekannt).

27.10.2021 – Volker Nünning/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

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