Langstreckenqualitäten

Neue Programme, neue Methoden beim ZDF: Das Leben in der Baustelle

Von Thomas Bellut
17.04.2003 •

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Talking Heads“ des Verbandes der Fernseh-, Film-, Multimedia- und Videowirtschaft (VFFV Media) sprach der neue ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut am 7. April 2003 in Köln über die ersten 100 Tage seiner Amtszeit und gab einen Ausblick auf seine Programmpläne. Die FK publiziert im folgenden eine überarbeitete und erweiterte Fassung des Vortrags. Bellut, geb. am 8.3.1955 in Osnabrück, war im November vorigen Jahres vom Verwaltungsrat des ZDF zum Programmdirektor gewählt worden (vgl. FK-Meldung) und übernahm damit die frühere Position von Markus Schächter, inzwischen Intendant des Senders. Zuvor war Bellut Leiter der Hauptredaktion Innenpolitik des ZDF, für das er seit 1984 arbeitet. Der Verband VFFV Media vertritt die Interessen von kleinen und mittelständischen Produzenten und Dienstleistern der Branche. • FK

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Die gut 100 Tage im Amt haben mich vor allem eines gelehrt: Für Programmdirektoren zählen die Langstreckenqualitäten. Innovationen brauchen zumindest Monate, wirkliche Reformen sogar Jahre. Ruhephasen sind eigentlich nie in Sicht, zu zahlreich sind die zu lösenden Aufgaben: Event-Programme, Neugestaltung des Nachmittags, Serienformate, Nachtprogramm – kurzum: Das Leben als Programmdirektor ist eine Baustelle.

Natürlich vergleiche ich meine jetzige Tätigkeit immer noch mit den Erfahrungen als politischer Journalist. Dort waren deutlich schneller Erfolgserlebnisse zu erzielen, gelegentlich sogar, wie zum Beispiel bei einem „ZDF spezial“, in wenigen Stunden. Die Einschaltquoten haben natürlich mit dem neuen Job eine noch größere Bedeutung, und ich drücke mich nicht vor der Aussage, ein Verfechter des quantitativen Erfolges zu sein, der natürlich auch qualitative Höhepunkte ohne die unbedingte Pflicht zu hohen Quoten einschließt. Es muss aber eindeutig das Ziel des ZDF sein, in der Quote näher an ARD und RTL heranzukommen.

Verjüngung nicht zu Lasten der Gesamtakzeptanz

So wichtig die Verjüngung, die Auffrischung des ZDF-Programms ist, es darf nicht zu Lasten der Gesamtakzeptanz gehen. Sendungen wie „Bravo TV“, die quasi Pflöcke der Verjüngung in das ZDF-Programm schlagen, werden nicht der gängige Weg sein. Weit eher kommt es darauf an, Formate mit Anspruch – wie beispielsweise Wissenschaftssendungen – in die Primetime zu nehmen; allein dadurch wird ein Verjüngungseffekt erzielt. Zuschauer über 49 werden unverändert vom ZDF angesprochen, aber die Formate müssen auch jeweils danach überprüft werden, ob sie attraktiver für die Jüngeren gemacht werden können.

Wir müssen, so simpel es klingt, Aufbruchstimmung im Haus und auch außerhalb erzeugen. Wir im ZDF müssen uns wieder für uns selbst begeistern können. Die Stärke des Hauses, kurze Entscheidungswege, das kreative Potenzial müssen sich im Vergleich zu den Mitbewerbern stärker auszahlen. Die Regel für den Fortschritt ist denkbar einfach: Es darf kein Monat, kein Quartal vergehen, ohne dass unser Programm mit einem auffälligen Event aufwarten kann. Nur wer die Konkurrenz und die Zuschauer immer wieder aufmerken lässt, kann sein Image selbst bestimmen.

Im Herbst 2003 werden wir, das haben wir gerade beschlossen, zwei Auffälligkeiten in das Programm nehmen:

•   Im Bereich Pop werden Talente gegeneinander antreten. Es wird deutscher Pop sein, den wir am Donnerstag um 20.15 Uhr über sieben Wochen lang anbieten werden. Anders als bei RTL werden nicht Jugendliche einem Psychostress ausgesetzt, sondern Erwachsene werden in den Wettbewerb gehen. Auch in anderen Punkten wird der Unterschied zu den „Superstars“ deutlich werden.

•   Nach dem Vorbild des BBC-Formats „Great Britons“ werden wir ebenfalls im Herbst einen Wettbewerb um die wichtigsten Deutschen anbieten. Mehrere Abteilungen im ZDF von der „Kultur/Geschichte und Gesellschaft“ bis hin zur „Zeitgeschichte“ mit Guido Knopp werden zeigen, wen die Deutschen für wirklich wichtig halten. Der Titel: „Unsere Besten“.

Den Schädel nicht gerade an der dicksten Mauer einrennen

Jetzt auch einmal ein Satz zu dem, was ich nicht machen werde: Ich werde mich zunächst nicht am Samstagabend an die große zweite Show heranwagen. Man muss seinen Schädel nicht gerade an der dicksten Mauer einrennen. Dies ist ein Thema, das wir vermutlich erst in ein bis zwei Jahren werden angehen können. Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir uns auf die Klassiker „Wetten, dass ..?“ und die „Johannes B. Kerner Show“ stützen können. Ich bekenne mich hier auch eindeutig zur Volksmusik im ZDF. Allerdings muss es auch dort unser Bestreben sein, das beste Format unter den deutschen Sendern anzubieten. Auch hier werden wir versuchen, uns zu verstärken.

Im Bereich der Wissenschaft und Forschung liegen wir ausgezeichnet im Rennen. Der Sonntagstermin um 19.30 Uhr funktioniert hervorragend. Für mich zur Zeit die beste Form der Verjüngung des Programms. Wir erreichen dort Marktanteile, die gelegentlich bei den 14- bis 49-Jährigen höher sind als bei den Älteren. Auch der große Dokumentationstermin am Dienstag um 20.15 Uhr beginnt sich zu etablieren. Noch ohne konkretes Rezept will ich hier aber eine Wunschvorstellung äußern: ein wöchentlicher Wissenschaftsstandort vor 21.00 Uhr am Hauptabend. Als Verwerter wissenschaftlicher Programme sind wir die Nummer 1 am deutschen Fernsehmarkt. Dies gilt auch bei der Produktion von aufwändigen Dokumentationen.

Als Produzent in die internationale Spitzenklasse aufsteigen

Mein Ehrgeiz reicht jedoch dahin, auch als Produzent in die internationale Spitzenklasse aufzusteigen, die zur Zeit von der BBC beherrscht wird. Die großen Dokumentationen, die in die Preiskategorien von Fernsehfilmen eindringen, lohnen sich allein deshalb, weil sie auch im Kernprogramm um 20.15 Uhr platziert werden können. Der dritte Wissenschaftstermin am Mittwoch um 22.15 Uhr hat mit Wolf von Lojewski ein neues Gesicht bekommen.

Auch hier sind wir zuversichtlich, dass wir uns im zweistelligen Marktanteil fest etablieren können. Joachim Bublath wird neben seinen Dokumentationen am Sonntag und Mittwoch mit der „Knoff-hoff-Show“ in den Kernsendebereich zurückkehren.

Eine echte Stärke des Programms sind nach wie vor die Serien und Fernsehfilme im ZDF. Der Doppelkrimi am Freitag – ein großer Erfolg –, und der Fernsehfilm am Montag, zunehmend auch der Sendeplatz für „tiefe Gefühle“ am Sonntagabend. Das sind Stützen des Programms.

Am Vorabend ist ein Daily-Sendeplatz unvermeidlich

Am Sonntagabend werden wir neben den Rosamunde-Pilcher-Filmen eine zusätzliche Reihe aufbauen, die das Genre konsequent weiterschreibt. Auf Dauer wird im Vorabendprogramm ein Daily-Sendeplatz unvermeidlich werden. Diese Methode, Kosten zu sparen, ist sicherlich besser, als über die etablierten Serien mit dem Rasenmäher zu gehen. Die pauschalen Kürzungen schädigen die Repertoire-Fähigkeit der Serien, es rechnet sich auf Dauer also nicht. Damit bleibt nur der Weg über neue Ansätze zur Herstellung von seriellen Programmen. Ab dem Jahr 2005 müssen wir damit beginnen.

Dem Kinderprogramm im ZDF kann eigentlich nur das von der ZDF-Redaktion zur Hälfte produzierte Programm des öffentlich-rechtlichen Kinderkanals (Kika) gefährlich werden; der Kinderkanal ist überaus erfolgreich in seiner Zielgruppe. Eine Verlagerung hin zu Angeboten für ältere Kinder beim Kinderprogramm des ZDF wird unumgänglich sein. Nebenbei sei hier angemerkt, überaus erfolg­reiche Kinderprogramme im ZDF sind natürlich auch „Wetten, dass ..?“ und die Serien „Unser Charly“ und „Hallo Robbie“. In diesem Bereich müssen wir noch mehr machen.

Noch ein Wort zur gegenwärtigen Medienkrise: Sie wird sicher-lich nicht in ein bis zwei Jahren ausgestanden sein. Der Schrumpfungsprozess wird kennzeichnend für dieses Jahrzehnt sein. Bei den Produzenten ist der Konzentrationsprozess auf weniger Firmen unaufhaltsam, die „Kleinen“ werden sich noch weiter spezialisieren müssen. Mit Fernsehfilmen ist ja für Produzenten wenig zu verdienen, der Wettkampf um die lukrativen Serien wird härter.

Programmplätze intern und extern ausschreiben

Natürlich tragen ARD und ZDF durch ihr Gebührenprivileg eine besondere Verantwortung. Es gilt für das ZDF, die nächsten Jahre energisch zu nutzen: mit neuen Programmen in die Offensive gehen, sich verstärkt um junge Talente kümmern. Für mich wird es darauf ankommen, die Erbhöfe, die Stammplätze im Programmschema in den Wettbewerb einzubeziehen. Einer der Wege dazu wird sein, Programmplätze intern und extern gleichsam auszuschreiben. Der Wettbewerb wird also sowohl um die inhaltliche Qualität als auch um den Preis geführt.

Noch ist die organisatorische Entscheidung nicht gefällt. Aber unvermeidlich wird es sein, intensiv mit neuen Formaten zu experimentieren. So schön es ist, eine bewährte Idee vom Markt zu kaufen, so ist es doch weit erfreulicher, von den eigenen Mitarbeitern neue Ideen präsentiert zu bekommen, die dann Programmerfolge werden. Formatentwicklung – also auch das eines der Schlagworte dieses Jahrzehnts.

Text aus Heft Nr. 16-17/2003 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

17.04.2003/MK

Print-Ausgabe 1/2021

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