Ein zorniger Jack Bauer

Die US-Erfolgsserie „24“ ist auf den Bildschirm zurückgekehrt

Von Franz Everschor

16.05.2014 • 24, die Stundenzahl eines Tages, hat seit dem Jahr 2001 noch eine andere, ikonische Bedeutung: Sie erinnert an eine Fernsehserie, die Amerika – und in reduziertem Maß auch den Rest der Welt – fasziniert hat wie nur wenige Serien zuvor. Die acht „24“-Staffeln und ihr Held Jack Bauer sind zu Spiegelbildern der politischen Realität und der von ihnen profitierenden Unterhaltungsindustrie geworden. Jack Bauer kämpfte gegen Terroranschläge schon in einer Episode, die Monate vor der Tragödie des 11. September 2001 gefilmt worden war; die Serie thematisierte Foltermethoden im Kampf gegen die Feinde der Nation, wie sie dann ähnlich aus Abu Ghuraib die Weltöffentlichkeit in Aufregung versetzten; sie bereitete sogar das amerikanische Volk auf die Denkmöglichkeit eines afroamerikanischen Präsidenten vor.

Nicht genug damit, revolutionierte „24“ auch die Konventionen des Fernsehgeschäfts: Zum ersten Mal sah sich ein Produzent veranlasst, die erste Saison eines TV-Dramas bereits auf DVD zu veröffentlichen, bevor die nächste Staffel das Licht der Bildschirme erblickte. „24“ war auch die erste Serie, die das „Binge Viewing“, jene gleichsam süchtig machende Form des Massenkonsums gleich mehrerer Episoden, populär machte.

Gegen die Aversionen der Kritiker

Vom Publikum geliebt und angefeindet zugleich, von der Kritik in den Himmel gehoben oder mit ätzender Verachtung bedacht, spiegelte diese Serie die USA der Bush-Jahre und die Anpassung der Fernsehindustrie ans Computer-Zeitalter wie kaum ein anderes Bildschirmangebot wider. Die Jack-Bauer-Mythologie hat sich in die amerikanische Populärkultur eingenistet und selbst einen so unerwarteten Verteidiger wie Antonin Scalia, Richter am Oberstem Gerichtshof der USA, zu dem Ausspruch veranlasst: „Wird sich irgendeine Jury bereitfinden, Jack Bauer zu verurteilen? Ich kann es mir nicht vorstellen.“

Seit dem 5. Mai ist der von Kiefer Sutherland charismatisch verkörperte Jack Bauer in „24: Live Another Day“, wie die Neuauflage offiziell heißt, nach vierjähriger Pause nun wieder auf dem Bildschirm. Er sieht zorniger und finsterer aus als zuvor. Nach allem, was ihm in der achten Staffel angetan wurde, lässt sich das verstehen. Ansonsten ist er in Nummer 9 der Alte. Er weiß, was selbst die CIA nicht weiß, dass nämlich der amerikanische Präsident bei einem Besuch in London in Lebensgefahr schwebt; er kennt die Zusammenhänge und begibt sich sogar freiwillig in Gefangenschaft, um etwas dagegen unternehmen zu können. Computer-Hacker und Drohneneinsätze demonstrieren, dass die Autoren der Serie ihre Orientierung an der politischen Gegenwart nicht aufgegeben haben. Beibehalten haben sie auch den hektischen Stil bis hin zur häufigen Verwendung des Splitscreens. Anders ist diesmal nur die Konzentration auf zwölf (Echtzeit-)Folgen statt der früheren 24.

Die amerikanische Kritik hat die Serie „24“ über die Jahre hin mit ungewöhnlich großer Aufmerksamkeit verfolgt. Zu Beginn war sie überwiegend als etwas Neues und Aufregendes im Einerlei des TV-Angebots begrüßt worden. Es hatte großes Lob gegeben für die Machart und für die Besetzung der Hauptrollen. Erst mit der Zeit kühlte sich der Enthusiasmus der Kritiker etwas ab und wich schließlich harten Auseinandersetzungen mit den immer häufigeren Folterszenen, deren Legitimität im Programm der Broadcast-Networks von vielen bezweifelt wurde.

8 Mio Zuschauer sehen Pilotfilm

„24: Live Another Day“ hat ganz offensichtlich gegen die Aversionen anzukämpfen, die sich bei manchen Kritikern in den letzten Jahren der Originalserie eingeschlichen haben. Die amerikanische Website Metacritic, die kritische Reaktionen auf Film- und TV-Angebote analysiert, verzeichnet zwar nach wie vor „überwiegend positive Beurteilungen“, doch der ermittelte Durchschnittswert aller Kritiken sank von 88 (aus bestmöglichen 100) auf 70 ab. Während zum Beispiel die „New York Post“ dem Zuschauer nahelegt, nur ja keine Minute zu verpassen, glaubt das Fachblatt „Variety“ eine unübersehbare kreative Maläse entdeckt zu haben. „Entertainment Weekly“ hält die Machart für oberflächlich und sensationsheischend, während der „Boston Herald“ denselben Nervenkitzel wie früher gefunden hat. Einigen kann man sich wohl am ehesten darauf, dass Nostalgie eine entscheidende Rolle dabei spielt, wie einem die neunte Staffel gefällt (so der Tenor der „Los Angeles Times“).

Die Spannung in den USA war groß, ob „24: Live Another Day“, das beim Fox-Network läuft, eine ähnliche Resonanz beim Publikum auslösen würde wie die ersten acht Jahrgänge. Die Ausstrahlung des zweistündigen Pilotfilms erreichte im amerikanischen Fernsehen rund 8 Mio Zuschauer. Das ist weniger als die 10,4 Mio, die das Finale der achten Saison sahen, aber die Konkurrenzsituation ist heute auch eine andere. Verglichen mit den Resultaten desselben Sendeplatzes, als dort zwei Wochen zuvor die Serien „Bones“ und „The Following“ ausgestrahlt worden waren, lag „24“ bei der von der Werbung favorisierten Altersgruppe der 18- bis 49-Jährigen um 70 Prozent und beim Gesamtpublikum um 50 Prozent besser im Rennen.

Verlässlich ist nichts in den Geschichten, die „24“ erzählt – außer dass Jack Bauer auch die hanebüchensten Ereignisse überlebt. Verlässlich ist im Zeitalter von Blu-ray, Video-on-Demand und Videostreaming auch nichts mehr bei der Zuschauerprojektion. Es wird sich bald herausstellen, ob das etwas angestaubte Konzept und der zornigere Jack Bauer die Sympathien des Publikums eine weitere Saison lang bewahren können. (In Deutschland ist „24: Live Another Day“ auch bereits seit dem 6. Mai zu sehen, allerdings zunächst nur im Pay-TV bei Sky Atlantic HD. Wann die Serie hierzulande im Free-TV zu sehen ist, steht bisher noch nicht fest.)

• Text aus Heft Nr. 20/2014 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

16.05.2014/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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