Bleibende Eindrücke

„24“ – eine der komplexesten Serienerzählungen der Fernsehgeschichte

Von Harald Keller

16.02.2007 • Dem Geheimagenten droht Gefahr. Jemand zielt auf ihn, doch er ist auf der Hut und reißt instinktiv die Frau, die er zärtlich im Arm hält, in die Schussrichtung. Der menschliche Schutzschild wird an seiner Statt getroffen, achtlos gleitet die Leiche zu Boden. Der Agent macht sich an die Verfolgung des Täters und stellt den Schützen hoch auf dem Dach. Hart an der Kante, fast schon im Fallen, greift der Mörder angstvoll nach der Krawatte des Helden. Der verharrt einen Moment, dann schlägt er den Binder beiseite, sein Gegner stürzt in die Tiefe. Der Geheimagent kommentiert verächtlich: „Ein hoffnungsloser Fall.“

Diese Sequenz mit Roger Moore aus dem James-Bond-Film „Der Spion, der mich liebte“ fällt nicht weiter auf innerhalb der Kinoreihe um den Geheimagenten Ihrer Majestät, in der mit Menschenleben nicht eben zimperlich umgesprungen wird. In „Diamantenfieber“ würgt Bond (Sean Connery) eine Frau mit ihrem Bikini, um sie zu einer Auskunft zu zwingen; seinen Erzwidersacher Blofeld versenkt er kalt lächelnd in brennend heißem Schlamm. Bekanntlich verfügt Agent 007 über die sprichwörtlich gewordene Lizenz zum Töten, und er macht weidlich von ihr Gebrauch. Es sind die Formelhaftigkeit der Filme, ihre spielerisch überzogene Wirklichkeitsferne und die stets spürbare ironische Distanz, die das Publikum über derartige Gewaltausbrüche hinwegsehen lassen.

Gewolltes Unbehagen

Die US-amerikanische Fernsehserie „24“, deren fünfte Staffel zur Zeit bei RTL 2 läuft, enthält ähnliche Vorgänge und verwandte Themen. Und doch fällt die Wirkung völlig anders aus. Es fährt einem in die Knochen, wenn die Hauptfigur Jack Bauer (Kiefer Sutherland) unvermittelt einen Zeugen erschießt, weil dessen Tod ihm Zugang zu einer Verbrecherbande ermöglichen wird. Es bereitet physisches Unbehagen, wenn Bauer Gewalt ausübt oder seinerseits mörderischen Torturen unterzogen wird. Vom makabren Witz der Bond-Autoren keine Spur.

Die „24“-Autoren machen Ernst und sind dabei erschreckend gut informiert. Was sie schildern, ist nicht aus der Luft gegriffen. Im vergangenen Jahr haben in den USA Republikaner und Demokraten einträchtig ein Gesetz gebilligt, das der CIA Verstöße gegen die Genfer Konvention gestattet und außerdem erlaubt, Nicht-US-Bürger zeitlich unbeschränkt gefangen zu halten. Manchmal werden Nicht-US-Bürger, wie der Fall des kanadischen Ingenieurs Maher Arar zeigte, von amerikanischen Behörden kurzerhand nach Syrien deportiert und dort unter Folteranwendung verhört (vgl. „Frankfurter Rundschau“ vom 29.1.07.) Auch in Deutschland stehen Grenzen in Frage: Einer Meldung der Nachrichtenagentur AP vom Dezember 2006 zufolge befürwortet der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Heinz Fromm, dass bei der Aufklärungsarbeit der Nachrichtendienste Informationen genutzt werden, die durch Folter erlangt worden sind.

„24“ zeigt in voller Härte, was im vorgeblichen oder echten Kampf gegen den Terror wirklich geschieht, und sorgt nicht nur dadurch für bleibende Eindrücke. Es ist der Held der Serie, der frühere Elitesoldat und spätere Anti-Terror-Agent Jack Bauer, der vor Marter und selbst vor Mord nicht zurückschreckt. Ein krasser Bruch mit der zivilisatorischen Übereinkunft, allenfalls in Notwehr zu töten. In unserer Fernsehkultur sind wir es gewohnt, die Helden filmischer Fiktion als positive Figuren dargeboten zu bekommen. Daher liegt die Versuchung nahe, das Gezeigte mit dem Gemeinten zu verwechseln. Aber Darstellen bedeutet nicht Gutheißen.

Dass die Darstellung von Gewalt bei „24“ in einem Rahmen stattfindet, der nach der größtmöglichen Zahl von Zuschauern verlangt, steht außer Frage. Aber die Gewaltszenen sind weder ästhetisiert noch werden sie, wie beispielsweise im Horror-Subgenre des Slasher-Films, genüsslich als Nervenprobe präsentiert. Im Zusammenhang betrachtet, sind Folterungen bei „24“ Verzweiflungstaten eines Menschen, der sich nicht mehr anders zu helfen weiß im Bemühen, eine Vielzahl von Leben zu retten. Sein Vorgehen bleibt nicht einmal ungestraft. In der vierten Staffel verlor Jack Bauer zunächst die Zuneigung seiner Freundin Audrey Raines (Kim Raver), nachdem die schockiert mitansehen muss, wie er einem Verdächtigen zusetzt. Am Ende dieses nervenaufreibenden Tages sieht er sich sogar gezwungen, sein ganzes bisheriges Leben dranzugeben. Er muss seinen Tod vorschützen und verschwindet, Familie und Freunde hinter sich lassend, in der Anonymität.

Irritationen

Bei „24“ kann sich der Zuschauer nicht gemütlich einrichten wie in den Idyllen deutscher Serienproduktionen mit ihren Traumschiffen und -hotels, wie im televisionären Neokolonialismus mit seinen deutsch beherrschten malerischen Exklaven in Afrika, wie in blitzblanken Kliniken unter tropischen Palmen oder auch in konventionellen Krimiserien mit ihren untadeligen Ermittlungsbeamten. Dieser Störfaktor erklärt vielleicht, warum „24“ neben viel Zuspruch auch massive Ablehnung erfährt. Wie bei jedem audiovisuellen Produkt bleiben in erster Linie die starken Reize haften und führen in der Nachbetrachtung zu formelhaften Reduktionen wie diesen: „In den neuesten ‘24‘-Folgen widmet sich Agent Jack Bauer erneut dem Kampf gegen arabische Terroristen“ („Netzeitung“, 14.6.05). – „Neuer Deal für ‘24‘: Jack darf weiter foltern“ („Netzeitung“, 10.4.06).

Diese auch anderweitig gern zitierten „arabischen Terroristen“ gab es freilich nur in einer einzigen der bislang in Deutschland gezeigten fünf Staffeln, in der vierten, die RTL 2 momentan montags im Nachtprogramm wiederholt. Diese vierte Staffel war anfangs von Schlagzeilen begleitet, nachdem das US-amerikanisch/kanadische „Council on American-Islamic Relations“ (CAIR) im Januar 2005 Einwände gegen die Darstellung einer muslimischen Familie geltend machte, die in terroristische Aktivitäten verstrickt ist. Deutsche Presseberichte erweckten später den Eindruck, als gelte diese Kritik der gesamten Staffel.

Die Einschätzungen basierten jedoch allein auf dem vorab gezeigten Trailer; bezeichnenderweise gingen die Proteste dem Ausstrahlungsbeginn voraus. Verantwortliche des Senders Fox und die Serienproduzenten trafen sich daraufhin mit Vertretern amerikanischer Muslime zum Gespräch. An einzelnen Folgen wurden daraufhin noch Änderungen vorgenommen. Zusätzlich drehte Hauptdarsteller Kiefer Sutherland einen an das „24“-Publikum adressierten, in die Werbepausen eingebetteten Spot, in welchem er bekräftigte, dass „die amerikanisch-muslimische Gemeinschaft eng an der Seite ihrer amerikanischen Landsleute steht und jeder Form von Terrorismus mit Ablehnung begegnet“. Seitens CAIR wurde anschließend folgende Mitteilung veröffentlicht: „Wir danken Fox für die Möglichkeit, die Bedenken der muslimischen Gemeinschaft anzusprechen, und für die Bereitschaft der Senderverantwortlichen, diese Bedenken in einem Klima der Kooperation und des wechselseitigen Respekts ernsthaft zu erörtern.“

Feindbilder

Entgegen der allgemeinen Wahrnehmung machen sich arabische Terroristen in „24“ eher rar. Als Attentäter traten unter anderem in Erscheinung: die Gebrüder Drazen, Kriegsverbrecher aus dem Kosovo, die den vermeintlichen Mord an ihrem Vater rächen wollten; mexikanische Drogenbarone sowie ein vergeltungssüchtiger britischer Ex-Agent; in der vierten Staffel dann tatsächlich ein religiös motivierter türkischer Terrorist namens Habib Marwan (Arnold Vosloo). Immer aber finden sich unter den diversen Helfershelfern zahlreiche US-Amerikaner, die anders als ihre vorwiegend ideell motivierten Auftraggeber auf Geld- oder Machtgewinn aus sind, Individuen ebenso wie ganze Korporationen, die an den Anschlägen auf ihre Landsleute verdienen.

Umgekehrt erhielt Jack Bauer in der vierten Staffel Unterstützung von zwei Amerikanern arabischer Abkunft, die ihm in einer lebensgefährlichen Situation uneigennützig zur Seite standen. Und in der Beziehung der in die Terrorhandlung verwickelten Türkin Dina Araz (Shohreh Aghdashloo) zu ihrem halbwüchsigen Sohn spiegelte sich das Verhältnis von Jack Bauer zu seiner Tochter Kim (Elisha Cuthbert). Beide Eltern, hier die Mutter, dort der Vater, waren jeweils voll der Sorge um das Leben ihres Kindes – die zum Selbstopfer bereite Attentäterin ebenso wie der mit radikalen Methoden operierende Anti-Terroragent.

Ethische Fragen

Neben den jeweiligen großen Handlungsbögen, die bislang immer einen auf hohe Opferzahlen ausgelegten Anschlag auf US-amerikanischem Boden betrafen, gibt es eine Vielzahl von kleinen. Trotz des schnellen Erzähltempos verwenden die Autoren verblüffend viel Aufmerksamkeit auf die sozialen Beziehungen innerhalb der meist nur über Telekommunikation verbundenen handelnden Gruppen. Da gibt es Amouren und Animositäten, persönliche Krisen und Konkurrenzneid, Eifersucht und Führungskämpfe. Von besonderem Gewicht ist dabei, dass das Geschehen mit den höchsten politischen Ämtern verknüpft ist.

Ab der zweiten Staffel ist David Palmer (Dennis Haysbert) der erste afroamerikanische Präsident der USA. Eingeführt wurde er als liberaler und integrer Politiker, und dabei bleibt es auch. Doch die Autoren zeigen plausibel auf, wie selbst ein Mann honorigen Charakters in Versuchung geraten kann, die ihm übertragene Macht zu eigenen Gunsten zu missbrauchen. Bedeutsam sind die Gewissenskonflikte, die Palmer auszustehen hat, wenn er das Leben Einzelner gegen das einer gefährdeten Gemeinschaft aufwiegen und unter Umständen gegen seine Überzeugung, aber für das Gemeinwohl entscheiden muss. Über derartige Beschlüsse gehen die Autoren nicht leichtfertig hinweg. Der Zuschauer ist zum Mitdenken aufgefordert – Befürworter und Gegner kommen zu Wort, zentrale ethische Fragen werden in einen Diskurs eingebracht, aus dem ein Resultat hervorgeht, das nicht zwangsläufig das richtige sein muss.

Die Intrigen im politischen Apparat sind ein Thema für sich. Nicht einmal der mächtigste Mann der Supermacht USA ist gegen Einflussnahmen und Täuschungsmanöver gefeit. In der politisch hochbrisanten zweiten Staffel wird ein terroristischer Angriff auf die Vereinigten Staaten unternommen, um das Land in einen Krieg mit dem vermeintlichen Verursacher, einem ‘Schurkenstaat‘ im Nahen Osten, zu lotsen. Buchstäblich in letzter Minute gelingt der Beweis, dass ein europäisch-amerikanisches Konsortium die Machenschaften initiierte, das darauf aus war, vom kriegsbedingt steigenden Ölpreis zu profitieren. Pikanterweise wurden diese Episoden ausgestrahlt, kurz bevor der reale US-Präsident George W. Bush amerikanische Truppen in den Irak einmarschieren ließ. Ein Feldzug, bei dem das arabische Öl bekanntermaßen von größerer Bedeutung war als Saddam Husseins angebliche Massenvernichtungswaffen.

Der Schuldkomplex

„24“ bedient sich nicht anonymer Täterpersönlichkeiten, die in manchen Filmen oder Videospielen wie Art lästiges Ungeziefer brutal ausgemerzt werden, sondern zeigt sie als Subjekte, deren nicht zu leugnende Verblendung auf bestimmte Ursachen zurückgeht. Die Figur Jack Bauers wurde so entworfen, dass die Mitverantwortung der USA deutlich wird: In Staffel 1 und 3 fällt Bauers Vergangenheit als Elitesoldat, der im Ausland an Mordkommandos beteiligt war, auf ihn zurück. Bauer trägt Mitschuld; seine Strafe: ein ruheloses Dasein als über die Schlachtfelder der modernen asymmetrischen Kriege irrender Ahasver, dem kein (familiärer) Friede vergönnt ist, der wieder und wieder durchs Fegefeuer gejagt wird.

Zur Erinnerung: Von Anfang an war dieser Jack Bauer ein gebrochener Held. Seine Kriegserfahrungen, später die Arbeit als verdeckter Ermittler und insbesondere ein Einsatz gegen korrupte Kollegen hatten ihn zum Einzelgänger gemacht und ihn seiner Familie entfremdet. Bauer hatte eine Affäre mit seiner Kollegin Nina Myers (Sarah Clarke) beendet und bemühte sich um die Aussöhnung mit seiner Frau Teri (Leslie Hope), als die Handlung der ersten Staffel einsetzte. Teri Bauer und Tochter Kim werden entführt, um Jack zu einem Attentat auf den schwarzen Präsidentschaftskandidaten David Palmer zu zwingen. Die Rettung seiner Familie, eben noch ein soziales Anliegen, wird nun zu einem Ereignis um Leben und Tod. Später macht er desillusionierende Erfahrungen mit Regierungspolitikern und verliert in der jetzt jeweils mittwochs abends auf RTL 2 gezeigten fünften Staffel mit David Palmer, Tony Almeida (Carlos Bernard) und Michelle Dessler (Reiko Aylesworth) durch politisch bedingten Mord drei der wenigen Personen, denen er rückhaltlos vertraute.

„24“ so viel steht fest, hat sich inzwischen als eine der komplexesten Serienerzählungen der Fernsehgeschichte erwiesen. Und Jack Bauer ist nicht der einzige Schuldige. Wie unkonventionell sich bei „24“ Gut und Böse mischen, bewies die fünfte Staffel in seltener Extremität: Da ist der so egozentrische wie notorisch wankelmütige, am Rande des Wahns agierende und von unbekannten Hintermännern gesteuerte US-Präsident Charles Logan – Darsteller Gregory Itzin verlieh ihm gewisse Züge Richard Nixons – selbst Anstifter eines terroristischen Aktes gegen die USA. Die „Chicago Sun-Times“ schrieb dazu im Mai 2006 in ihrem Resümee zu dieser Staffel: „In diesem Jahr, in welchem dem echten Präsidenten Skandale und Umfrageeinbrüche nixonianischen Ausmaßes zu schaffen machten, fesselte uns ein TV-Drama, in dem eine feige Marionette von Präsident die Schurkenrolle einnahm und beinahe Opfer einer Folterung geworden wäre – ein Kommentar zu US-amerikanischen Verhörpraktiken?“

Mut zu zeitgenössischen Themen

Eine einfache Übertragung macht deutlich, was das Produktionsteam von „24“ seit 2001 alljährlich leistet: Gäbe es Ähnliches in Deutschland, wäre die Affäre um den unschuldig und widerrechtlich einsitzenden Guantánamo-Häftling Murat Kurnaz zeitnah Thema einer Thrillerserie gewesen, mit einem windigen Kanzleramtsminister in einer der Hauptrollen, der allerlei Schliche unternimmt, sein Mitwissertum zu verschleiern. Keine kongruente Abbildung der Realität, sondern eine extrapolierte Version, die gleichwohl zum Verständnis beitragen kann, zumindest aber zum Nachdenken reizt.

Einige begrüßenswerte Tendenzen gibt es immerhin. Im jüngst für einen Adolf-Grimme-Preis nominierten ZDF-Krimi „Kommissarin Lucas: Das Verhör“ (Erstausstrahlung am 21.10.06) wurde die Frage nach der Legitimation polizeilicher Gewalt kritisch thematisiert. Der Sat-1-Achtteiler „Blackout – Die Erinnerung ist tödlich“ (Oktober/November 2006) zeigte Verbrecher wie Ermittler in für deutsche Verhältnisse ungewohnt ambivalenter Manier. Auch der Pro-Sieben-Zweiteiler „Verschleppt – Kein Weg zurück“ (Erst­ausstrahlung: 3.1.07) war trotz einiger Schwächen mit seinem die Osthoff-Entführung knapp vorwegnehmenden Thema eine wohltuende Abwechslung von all den retrospektiven, pathosschwangeren Großproduktionen der letzten Jahre.

Noch honorieren die Zuschauer dergleichen kaum. Lieber suchen sie Zuflucht in telegenen Heile-Welt-Reservaten. Aber man kann, darf und sollte – gerade auf öffentlich-rechtlicher Seite – sein Publikum auch ein wenig zum Besseren erziehen.

• Text aus Heft Nr. 7/2007 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

16.02.2007/MK

Print-Ausgabe 23/2018

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren