Der Manichäer

Wie Derrick in die Fernsehgeschichte schlich

Von Torsten Körner

23.10.1998 • In der allerletzten „Derrick“-Folge, die schon Wochen zuvor vom ZDF auf Kult getrimmt worden war, konnte man noch einmal all die Ingredienzen bestaunen (jetzt allerdings schon ironisch zugerichtet), die seit 1974 die unverwechselbare Physiognomie dieser Endlosserie ausmachen. Der von Horst Tappert verkörperte Stephan Derrick war in all den Jahren der öffentlich-rechtlich bestellte Manichäer von der Kripo München, der das lichte Reich des Guten gegen das finstere Reich des Bösen zu verteidigen hatte. Dort, wo Derrick wachte, mussten die Schurken wachsam sein, und dort, wo Derrick schlief (ob er jemals schlief?), konnten sich die Schurken auch kaum jemals einen Raubzug gestatten, weil Derrick natürlich auch im Traum ermittelte.

Die abgrundtiefen Augenringe und die prallvollen Tränensäcke gemahnten an den unaufhörlichen Einsatz. Die Besonderheit seines ethischen Weltentwurfs bestand aber nun darin, zu glauben, dass die beiden Reiche des Guten und des Bösen niemals gänzlich voneinander getrennt waren oder sind und dass man deshalb nie ganz für die eine Welt verloren oder gewonnen war. So galten in der Schlussfolge („Das Abschiedsgeschenk“) seine letzten Ermittlungen auch einem Mörder, der es noch werden sollte, einem Attentäter, zu dessen Ziel Tappert schließlich selbst geworden war. Schuld an dem finalen Schlamassel war ein Mann namens Kaschonnick (klingt wie Kashoggi oder Kalaschnikoff, zumindest östlich bedrohlich), den Derrick einst hinter Gitter gebracht hatte.

Die Reinecker-Schöpfung

Kaschonnick (Uwe Friedrichsen) hatte nun aus dem Knast heraus einen Killer auf den tapferen Kriminalen angesetzt. Und was macht Derrick? Flieht er? Beantragt er Personenschutz? Legt er eine Bleiweste an? Schlottern ihm die Knie? Nein! Er besucht reihum die zwielichtigen Familienmitglieder der Unterweltsippe Kaschonnick und redet den potentiellen Mördern und Mörderinnen ins Gewissen. Wie er sich nun in diesem finsteren Reich bewegt, wie er die Bewohner dieser kriminellen Gegenwelt moralisch anrührt, aufrüttelt und ihnen ein Gewissen implantiert, wo vorher noch Hass und Skrupellosigkeit herrschten, ist schon eine typische Derrick-Leistung. Für Derrick waren moralische Sentenzen immer mindestens genauso wichtig wie unerschütterbare Indizien. Der Weltenschöpfer dieses trivialen Reichs der wohlmeinenden Ratschläge, der tapferen Sprüchlein, die das Böse stets noch in die reumütige Ecke drängten, war Herbert Reinecker. Dieser rastlose Zimmermann edelkitschiger Dialoge, allermenschlichster Handlungen und aufwühlender Biografien steht maßgeblich für die Homogenität und Identität des „Derrick“-Universums.

Wie aber sah nun die Unterwelt aus, in die Stephan D. so aufrecht hinabstieg? Ganz klar, es musste ein Nachtclub sein, eine Bar, ein Etablissement, wo die Damen den Gästen nicht nur schöne Augen machen. Günther Kaufmann, der einst für Fassbinder den schwarzen Besatzungssoldaten gespielt hatte, musste nun als eine Art grimmiger Zerberus seine Muskeln spielen lassen und seinen umfänglichen Bauch immerzu drohend an Derrick vorbeischieben.

Wie verdorben und verrucht, wie hemmungslos es in diesem Milieu zuging, musste dann wieder Karl Lieffen (eine vertraute „Derrick“-Charge) demonstrieren, der als strenger und kahlköpfiger Choreograph mit dem schönen Namen Lagusta eine Erotikshow (ohlala!) in Szene zu setzen versuchte. Goldbesprühte nackte Männer und Frauen, so wie griechische Statuen zurechtgemacht, bogen und verrenkten sich im kühnen Körperschwung, schmiegten sich ausdrucksvoll aneinander und simulierten eine altvordere Orgie. Einige Akteure hatten sogar Efeu im Haar!

Das Museale

Solche Bilder kennt man von antiker Vasenmalerei, nur kommen die Körper dort eindeutiger miteinander in Berührung als hier. Wie artig, anständig und schamig hier zur Sache gegangen wurde, war wirklich eine Augenweide. Diese Inszenierung einer Erotikshow bewies nachhaltig auch Derricks Qualitäten als Zeitmaschine, denn ohne weiteres hätte man so ein Arrangement auch schon im deutschen Film der 50er Jahre finden können. Schließlich war es auch dieser anachronistische Charme der Serie, der im Lauf der Jahre zunahm und bei vielen Zuschauern den Erfolg garantierte. Der Eindruck drängte sich ja geradezu auf, als ob sich Derrick im Lauf der Zeit zu seiner eigenen Wachsfigur im Kabinett der Madame Tussaud verwandelt hätte; der Mann war mit seiner Serie schließlich sein eigenes Museum geworden. (Schon deshalb zahle ich gerne Gebühren.)

Mit solchen nostalgischen Genre-Bildchen aus der hausbackenen Unterwelt garnierte man also Derrick den Abschied. Und weil Derrick in dieser allerletzten Folge am 16. Oktober (10,32 Mio Zuschauer) als Prophylaxe-Kommissar unterwegs war, der die Kaschonnick-Clique aus ihrer passiven Zuschauerrolle reißen und moralisch herausrütteln wollte, damit sie nicht durch ihr bloßes Zuschauen selbst zu Mittätern würden, wandelte der Manichäer vom Lerchenberg seine Botschaft gleich in einen medienkritischen Appell um, den die Zuschauer vor den Fernsehgeräten dankbar auf sich selbst beziehen durften. So rief der Mann bei der feierlichen Verabschiedungsfeier den Kaschonnicks, den Gästen und dem Fernsehpublikum zu: „Der Zuschauer spricht sich selber frei von jeder Mitschuld, denn er hat ja auch selber nichts damit zu tun. Die Welt wird als Spektakel begriffen, in der die Zuschauer in Spannung und Atem gehalten werden.“ Gerne hätte man jetzt wie einst beim Kaperletheater gerufen „Pass auf, Derrick, das Krokodil!“, nur um zu beweisen, dass man die Hände nicht in den Schoß gelegt hatte, nur um zu zeigen, dass man nicht der gleichgültige und passivierte Zuschauer war, den „Derrick“ uns die ganze Zeit als Spiegelbild vorhielt... Vergebens! Er hörte uns nicht. Wozu auch? Harry hatte ja ein Handy!

Die Musik

Ganz wesentlich zur Atmosphäre und Wirkung jeder „Derrick“-Folge gehörte die unvergessliche Titelmusik von Les Humphries. Ihre ganze Kraft und Schönheit entfaltete sie immer dann, wenn der Oberinspektor den Fall gelöst hatte und das Schlussbild einfror. Dann sah man meist das erstarrte Gesicht eines überführten Mörders, das betroffene Gesicht eines Angehörigen (des Täters oder des Opfers) oder das verblüffte Gesicht des entscheidenden Zeugen. Am Bildrand stand dann der nachdenklich oder streng blickende Derrick, der soeben einen Schlussstrich unter den Fall gezogen hatte. Und dann die Musik: Zuerst ein paar forsche und schmissige Takte, nur kurz, dann setzte dieses melodiöse Leiern und Schunkeln ein, ein melancholisches Gesäusel, das allerhand Botschaften ausstreute. Da man ohnehin von dem ausgerollten Menschenschicksal ganz zerknirscht war und aufgewühlt, fiel das wehende Schmachten der Musik auf fruchtbaren Boden.

Die Musik konnte resümieren, dramatisieren, fatalisieren, dozieren oder lamentieren. Sie sagte Sätze wie ‘So ist das Leben halt!’ oder ‘Verbrechen lohnt sich nicht!’ oder ‘Was für eine furchtbare Geschichte!’ oder ‘Wärst du bloß nicht auf die schiefe Bahn geraten!’ oder ‘Hättest du dich bloß nicht mit der großen Blonden eingelassen!’ oder ‘Geld allein macht auch nicht glücklich!’ oder ‘Wie lange muss ich hinter Gittern seufzen?’. Selbst im hitzigsten Hochsommer musste man bei dieser Musik ein bisschen an Weihnachten denken, an Zimbel und Zimt, aber auch ein bisschen an Griechenland (Busuki) – und immer an „Derrick“. Die Titelmusik vom „Kommissar“ beispielsweise zerrte mit ihren energischen Paukenschlägen auch noch an den Nerven der Zuschauer, wenn der Fall erledigt war. Les Humphries dagegen hatte beim Komponieren seiner Musik wohl eher an Seelenbalsam und Baldrian gedacht.

Die Mäntel

Beeindruckt haben mich immer die Mäntel. Derrick trug immerzu den hellen Trenchcoat, der so steif auf dem Mann saß, als hätte die Kostümabteilung den Stoff mit Blech verstärkt. Der Trench ersetzte zudem die Waffe, den Revolver; denn was alles unter diesem Mantel verborgen sein konnte, wussten weder die Zuschauer noch die Verbrecher. Ein Athletenkörper, Granaten, ein Arsenal von Handfeuerwaffen? Alles hätte darunter zum Vorschein kommen können. Zum Vorschein kamen aber schließlich nur ein braunes Sakko, ein gestärktes Hemd und eine prahlerisch funkelnde Krawattennadel.

Im Winter lösten schwere Mäntel aus Wolle den leichteren Stoff ab. Sie wussten vor allem durch den Schnitt und das seidige Innenfutter zu beeindrucken. Immer wenn Derrick in eine dieser Grünwald-Villen ging, glänzte das Innenfutter gediegen, wenn ihm die Dame oder die Hausdame den Mantel abnahm. Wahrscheinlich sollten die Derrick-Mäntel Verwegenheit signalisieren, tatsächlich ging von ihnen nur Gediegenheit aus, die sich auch in noblen Wohngebieten sehen lassen konnte. Mit diesen Mänteln war der Oberinspektor nicht nur jedem Verbrechen gewachsen, er war auch gegen den wuchernden Luxus der Industriellen, Kaufleute und Manager aus München-Grünwald immun.

Das Freitagabend-Sedativum

Sicherlich hat auch der Sendeplatz zur Primetime am Freitagabend (20.15 bis 21.15 Uhr) geholfen, diese ZDF-Serie über die Jahre zu hieven. Der unverrückbare Platz zur besten Sendezeit war für viele das Signal, dass die Aufregungen der Arbeitswoche abgetan waren und jetzt ein Kitzel bevorstand, der eben noch ausreichte, um nicht einzuschlafen, aber andererseits auch nicht so mitreißend war, dass man befürchten musste, hinterher nicht einschlafen zu können. Die Wiederkehr des Immergleichen signalisierte Kontinuität und flößte dem Zuschauer eine bekömmliche Portion Fatalismus ein, der aber immer positiv grundiert war. Zwar kommt es so, wie es kommen muss, aber Derrick passt auf, dass auch alles Unrechte erkannt wird und alle Übeltäter gefasst werden. Die Biederkeit der Ermittlungen passte sich den Tätern an, die selbst dann, wenn sie ganz böse zu sein hatten, immer noch irgendwie harmlos, versöhnlich und friedfertig wirkten. Die gezeigte Gewalt blieb immer gedämpft, unspektakuär, beiläufig oder banal.

Für einen Psychologen und Therapeuten, der sich auf Farben versteht, wäre es eine überaus spannende Aufgabe, herauszufinden, ob nicht beruhigende oder ganz vorsichtig stimulierende Töne die Interieurs, die Kulissen, Tapeten und Garderoben überwiegend geprägt haben. Hatte eine „Derrick“-Folge nicht in etwa die Wirkung eines Entspannungsbades mit Wacholderöl und Eichenrinde?

Die Dienstwagen

Um seine Dienstwagen musste man Derrick immer beneiden. Wie makellos und elegant sie immer herbeischnurrten, wenn er sie denn brauchte. Und außerdem hatten es die blitzenden BMWs nur selten nötig, zu zeigen, dass man in ihnen auch Verbrecher hetzten konnte. Sie standen ja meistens vor einem Haus oder zuckelten gemächlich durch den trägen Verkehr oder ließen den Kies einer noblen Hofeinfahrt bedeutungsvoll knirschen.

Man wusste: Wenn der Kies so seufzend und ergeben knirschte, war Derrick am Hauptschauplatz eingetroffen. Irgendwie waren die Wagen für Derrick nicht vielmehr als bequeme Ledersessel, in denen er sich niederlassen konnte, oder eine zweite metallische Haut, die wie die Mäntel Gediegenheit verliehen.

Stephan und Harry

Man muss nicht unbedingt Hegels Modellbeziehung vom Herrn und seinem Knecht aus der „Phänomenologie des Geistes“ bemühen, um das Verhältnis des Oberinspektors zu seinem Assistenten zu analysieren. Tatsächlich hatte Stephan die Hosen an, Harry (Fritz Wepper) hingegen durfte ihm dann in dieselben hineinhelfen. Auf diese Weise verhalfen sich beide zu einer stabilen Identität im Austausch von Dienstbarkeit und herrschaftlichem Schutz. Ganz unzweifelhaft ist indessen, an wen der Endlos-Autor Reinecker und der Endlos-Produzent Ringelmann dabei gedacht haben, als sie dieses Schreibtisch- und Handschellen-Pärchen fürs Serienleben zusammenbanden: Die Vorbilder waren Hans Albers und Heinz Rühmann in „Der Mann, der Sherlock Holmes war“ (1937).

Abgesehen von den entfernten physiognomischen Verwandtschaften und dem entsprechenden Größenunterschied, waren die Nachfahren Tappert/Wepper mit ihren berühmten Vorbildern auch durch Übereinstimmungen im Rollenprofil verbunden: Wepper lieferte von Anfang an eine Spielart der treuherzigen Komik ab, eine jungenhafte Unbekümmertheit, die sich auch dann nicht verlor, wenn es um Mord und Totschlag ging. Tappert hingegen versuchte, weil ihm ganz und gar der blau bohrende und stechende Adlerblick von Albers abging, seine Gegner mit seinen moralisch aufgequollenen Augen so lange zu fixieren, bis sie unter dem braunäugigen Dackelblick zu bemitleidenswerten Kreaturen zusammenschrumpften. Lieber gestehen, als noch länger diesem sanften Folterblick ausgeliefert zu sein, mag sich mancher von ihnen gedacht haben.

Ganz zum Schluss

Ganz zum Schluss wurde Derrick plötzlich von jenen gefeiert und kultisch verehrt, die jahrzehntelang unter ihm gelitten hatten, weil diese Sendereihe zum festen und unumstößlichen Bestandteil des elterlichen Wochenendprogramms gehörte. Umschalten verboten! Welche Familie hatte in den mittleren 70er und frühen 80er Jahren schon zwei Fernseher?

Zwar konnte ich Derrick nie so recht leiden, blieb aber dennoch oft in einer dieser Folgen stecken, weil es für die Disco noch zu früh war und ich den richtigen Zeitpunkt abpassen wollte, um meine Eltern nach dem Wagen zu fragen. Wenn die Eltern sich auf „Derrick“ eingelassen hatten, wenn sie von Les Humphries‘ Musik gerade noch melancholisiert und betäubt wurden und schon nicht mehr die Kraft und den Willen aufbringen konnten, irgendetwas zu unternehmen, konnte man die Frage am besten und wirkungsvollsten stellen: Kann ich den Wagen heute Abend haben? Und so war „Derrick“ nicht nur eine Serie, die die Jahrzehnte miteinander verklammerte, sondern auch die Generationen auf je verschiedene Art und Weise aneinander fesselte.

Das letzte Bild

Dann blickte der Oberinspektor seinen Assistenten mit einem Traurigkeitsgesicht an, das es in sich hatte – feucht glänzten die glasigen Augen hinter den schweren Brillengläsern –, dann drehte er sich um, stellte den Mantelkragen hoch wie einst Bogart und ging langsam die Gasse entlang, immer kleiner werdend, bis er nur noch ein dunkler Punkt im Schlussbild war, ein Fleck, der mit müdem Schritt hinaus aus dem Derrick-Universum und hinein in die Fernsehgeschichte ging.

Nein, so sieht keiner aus, der zum hochbezahlten Eurocop beförderte wurde, so sieht keiner aus, der eine europäische Zukunft hat (so wollte das Drehbuch den Zuschauer trösten). Der, der da so bedächtig aus der Geschichte schlich, sah aus wie ein uralter grauer Elefant, der sich zum Sterben in eine Höhle zurückzieht, damit ihn niemand mehr auf seiner letzten Reise stört. Goodbye, Derrick!

• Text aus Heft Nr. 43/1998 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz

23.10.1998/MK
Horst Tappert alias Derrick Foto: ZDF

Print-Ausgabe 23/2018

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