Eco über Derrick

15.09.1995 •

15.09.1995 • Über 250 Folgen, immer wieder Spitzenquoten, der Exportschlager des deutschen Fernsehens: Das ist die ZDF-Krimiserie „Derrick“. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Aber warum nicht? Was ist dran am Dauerbrenner „Derrick“? Denn „wer auch nur einen Funken kritischen Verstand hat, kann eigentlich keine Gründe finden, weshalb ‘Derrick’ so beliebt ist“, schreibt Umberto Eco in seiner Kolumne im italienischen Wochenmagazin „L’Espresso“ (Nr. 37 vom 17. September 1995). „Derrick“ läuft in Italien zur Zeit jeden Montagabend zur Primetime im Programm von „RAI due“ und beschert auch diesem Sender gute Einschaltquoten. Mitte des Jahres hatte Horst Tappert für die Darstellung des Oberinspektors Derrick den italienischen Fernseh-Oscar erhalten. Jüngst ist in Italien ein Buch erschienen (Titel: „Le passioni del serial Tv“), in dem diverse Autoren die Serie „Beautiful“, „Twin Peaks“ und „Derrick“ analysieren.

Anlässlich des Erscheinens dieser Publikation hat sich jetzt auch Umberto Eco speziell mit dem „Helden unserer Zeit“ (Eco über Derrick) befasst. Der „Protagonist hat einen wässrigen Blick, das traurige Lächeln eines Witwers von Geburt, er trägt Anzüge von der Stange mit schaurigen Krawatten und seine Assistenten laufen stets in teuren Lederjacken herum und Jeans, die nicht einmal verwaschen sind. Die Innenaufnahmen“, so Eco weiter über die Serie, „hätten den verstorbenen Aiazzone [italienischer Möbelhersteller; d.Red.] in unheilbaren Kummer gestürzt und die Außenaufnahmen sind vom Schlechtesten, was Bayern zu bieten hat (selbst wenn es Besseres hätte).“ In „Derrick“, stellt Eco fest, „erscheinen die Schuldigen so unverschämt schuldig, dass ihnen für gewöhnlich sogar Harry (der offensichtlich versehentlich zur bayerischen Polizei gekommen ist, ohne auch nur einen Intelligenztest bestehen zu müssen) auf die Schliche kommt.“ Die Täter brächen praktisch immer sofort zusammen, so, als könnten sie es kaum erwarten, gestehen zu dürfen. „Warum also ist ‘Derrick’ so beliebt?“, fragt Umberto Eco mit Nachdruck. Die Geschichten seien doch nie außergewöhnlich, sondern handelten stets von Fällen, wie sie auch auf den „Aus-aller-Welt“-Seiten der Tageszeitungen nachzulesen seien, wie sie dir und mir passieren könnten oder unseren Nachbarn. Zudem seien die handelnden Personen weder echte Helden noch wirkliche Fieslinge.

Alles total normal?! Genau das ist das Geheimnis, findet Eco und zitiert seinen Kollegen Omar Calabrese, der es im Buch „Le passioni del serial Tv“ so auf den Punkt bringt: „Derrick“ sei ein Mittler zwischen Realität und Phantasie, weil die Serie das dramatische Geschehen als „normal“ darstelle und gleichzeitig bei den Zuschauern das Gefühl hervorrufe, dass sie sich auf derselben Ebene der Normalität befänden. Es sei „der Triumph der mediocritas“, im Sinne des ständigen „Sich-in-der-Mitte-Haltens“, das zu einer Tugend geworden sei, anstatt unterzugehen. Daraus ergibt sich für Umberto Eco: „Derrick“ habe Erfolg, weil die Serie die Quintessenz jeder Fernsehunterhaltung sei, auch jener Sendungen mit realen Personen, „die nur beliebt sind, wenn sie sich auf triumphale Weise noch mittelmäßiger zeigen als die mittelmäßigsten unter den Fernsehzuschauern“. Und es sei sinnlos, den Snob zu spielen: „‘Derrick’ sorgt dafür, dass sich alle gut fühlen, auch die, die sich für etwas Besseres halten.“ Denn die Serie lasse in jedem von uns jene Mittelmäßigkeit wiedererblühen, die man schon überwunden zu haben glaubte. Dieses Phänomen bezeichnet Eco im Titel seines Textes als „Die unwiderstehliche Leidenschaft für die Mittelmäßigkeit“. Im Leben ist es halt wie im richtigen Krimi: „Derrick“ kann keiner entkommen.

• Text aus Heft Nr. 35/1995 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

15.09.1995 – da/MK

Wässrige Augen: Auch die Italiener lieben den deutschen Oberinspektor Stephan Derrick (dargestellt von Horst Tappert)

Foto: Screenshot


Print-Ausgabe 20-21/2019

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