Jörg Buttgereit: Sexy Sushi (WDR 1Live)

Etwas ratlos

08.06.2001 •

Als „subversiver Romantiker im deutschen Horrorfilm“ hat Alexander Kluge den Regisseur Jörg Buttgereit porträtiert, in dessen Filmen „Nekromantik 1 + 2“, „Der Todesking“ und „Schramm“ ziemlich detailliert verstümmelt und gemordet wird. Nach Christoph Schlingensief („Rocky Dutschke '68“; vgl. FK-Kritik) ist Buttgereit nun der zweite Low-Budget-Filmemacher, der auf WDR 1Live sein Hörspieldebüt gab.

Anstatt nun seine Splatterorgien akustisch umzusetzen, füllt Buttgereit mit „Sexy Sushi“ den Krimi-Termin am Donnerstagabend mit einem ruhigen, wenn auch drastischem Stück. Hartmut Gerber (Axel Milberg) hält in einer engen Kiste eine Japanerin gefangen, die er offensichtlich sexuell misshandelt. Als die Feuerwehr wegen eines Wasserschadens die Wohnung aufbrechen muss, befreit sie im letzten Moment die Frau aus der Kiste, die mittels eines Wasserschlauchs geflutet wurde. Die betont kühl und unaufgeregt geführten Verhöre von Hartmut und seiner Frau („die Heike“, nur echt mit dem bestimmtem Artikel) enthüllen nach und nach eine schwarze Liebesgeschichte zwischen Hartmut und seiner Yuki aus der Kiste (Akiko Fujino). Die kann allerdings nichts dazu sagen, denn sie liegt – ganz auf ihre Innenwelt beschränkt – im Koma und erwacht erst am Ende des gut 40-minütigen Hörspiels.

Darin eingeschoben sind Werbespots für eine neue Reality-Show („Big Box“), bei der es 250.000 DM zu gewinnen gibt, und für einen schnell produzierten Fernsehschocker mit dem Titel „Die Folterkiste der gefangenen Frauen“. Das ist als Medienkritik trivial und als Parodie wenig überzeugend. Und das gar nicht einmal, weil es ungenau getextet wäre oder überzogen gesprochen wird, sondern vor allem deshalb, weil öffentlich-rechtliche Tontechniker regelmäßig daran scheitern, die Spots so zu timen, zu pitchen, zu komprimieren, bis zum 0-Dezibel-Anschlag auszureizen – und was der akustischen Tricks mehr sein mögen –, dass es glaubwürdig nach Privatfernsehen klingt.

Dass die Welt eine Kiste (ein Container) sein kann, in der (dem) es nicht immer gemütlich zugeht, hat der Philosoph Peter Sloterdijk schon vor Jahren erkannt, als er meinte, in dem Roman „Shogun“ eine Metapher für die Welt gefunden zu haben. Dort werden in einem Kessel holländische Gefangene langsam zu Tode gesotten. Der Unterschied zu unserer Welt bestehe lediglich in der Temperatur und im Durchmesser, meint Sloterdijk. Wer diese Ansicht nicht teilt, wird auch bei Buttgereit vermutlich etwas ratlos vor der Kiste (nämlich dem Radio) sitzen und sich lediglich über die merkwürdigen japanischen Vorstellungen von Liebe und Hingabe wundern.

• Text aus Heft Nr. 23/2001 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

08.06.2001 – Jochen Meißner/FK

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