Joël Pommerat: Die Händler (SR 2 Kulturradio)

Stimmen-Hörspiel

11.04.2008 •

Im September 2007 übertrug der Saarländische Rundfunk (SR) live vom Festival „Primeurs“ in Saarbrücken die deutschsprachige Werkstatt-Inszenierung „Die Händler“ des französischen Autors und Dramatikers Joël Pommerat, der mit seiner Schauspielkompanie „Louis Brouillard“ bisher siebzehn seiner Stücke uraufgeführt hat. Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste wählte die Live-Produktion in der Regie Marguerite Gateaus zum „Hörspiel des Monats“ und schrieb zur Begründung unter anderem, „Die Händler“ sei „eine schlüssige, dichte Produktion mit einem durchweg glänzenden Ensemble“ (vgl. FK-Heft Nr. 42/07).

Dieses Urteil trifft auch auf die von Gateau erstellte und jetzt vom SR 2 Kulturradio ausgestrahlte kürzere Studiofassung zu, die das Stück als genuines Stimmen-Hörspiel präsentiert, in dem die Sprache dominiert und die namenlosen Sprach- und Handlungsträger entindividualisiert werden. Im Mittelpunkt stehen die Ich-Erzählerin und ihre „seltsame“ Freundin, die mit Toten spricht und das Leben nach dem Tod generell für „die wahre Realität“ hält. Dementsprechend erfindet sie für sich Lebensgeschichten, deren Wahrheitsgehalt bezweifelt wird. Die Mutter eines neunjährigen Sohnes ist auch ziemlich lebensuntüchtig: Bei Einstellungstests der örtlichen Waffenfabrik Norscilor, in der 20.000 Menschen aus der Region beschäftigt sind und in der auch die Ich-Erzählerin arbeitet, ist sie stets durchgefallen. Die Freundin ist arbeitslos, inzwischen hoch verschuldet, in ihrer Wohnung ist nicht einmal das Notwendigste vorhanden.

Dann geschieht etwas, das der Frau landesweite Aufmerksamkeit, Vorwürfe und dankbaren Zuspruch einbringt: Nach einer Explosion bei Norscilor mit 80 Toten wird das Werk vorübergehend geschlossen, den Menschen droht Arbeitslosigkeit, Armut und der Verlust des Lebenssinns: „Jeder Mensch braucht die Arbeit wie die Luft zum Atmen“, heißt es; eine andere Stimme sekundiert: „Wir verkaufen unsere Arbeit, wir sind die Händler unseres Lebens.“ Im Gespräch mit ihrer toten Mutter glaubt die arbeitslose Frau beauftragt worden zu sein, durch die Opferung ihres Sohnes die Öffentlichkeit für den Erhalt der Arbeitsplätze bei Norscilor zu mobilisieren: Sie wirft den Sohn aus dem Fenster vom 21. Stockwerk auf die Straße.

Der „grauenvolle Mord trägt Früchte“, das Werk und die Arbeitsplätze bleiben erhalten – ein Mord, ein Opfertod als Solidaritätsakt!? Die Frau steht zu ihrer Tat, auch weil sie ihren Sohn als Toten „glücklich“ wähnt. Radikaler als mit dieser Pervertierung der Rationalität ist das Thema wohl nicht darstellbar, doch die Regisseurin lässt die Relationen zwischen Text und Bedeutung, Traum und Wirklichkeit, Rätseln und Wundern, Fantastik und perverser Realität in einem gut austarierten Schwebezustand, der auch die Infragestellung alles Gesagten impliziert: Wahnsinn als Rettung, eine auf den Kopf gestellte Dialektik...

• Text aus Heft Nr. 15/2008 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

11.04.2008 – Norbert Schachtsiek-Freitag/FK