Sibylle Berg: Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot (NDR 4 Info)

Verzweiflung light

27.07.2001 •

Es gibt Romane, die sind so sperrig, massiv und vielschichtig, dass jede Adaption, sei sie für das Theater, das Kino oder das Hörspiel, aberwitzig erschiene. Ganz anders verhält es sich mit den Romanen von Sibylle Berg, die gerade danach zu verlangen scheinen, zur Hörspielfassung eingestrichen zu werden. Wer ihren Erstlingsroman „Ein Paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ (1997) oder den Nachfolger „Sex II“ (1998) kennt, der ist dankbar für dieses Hörspiel, das den Texten ihre Qualitäten lässt und ihre Schwächen gnädig übergeht. In diesen Büchern treibt sich die „Generation der Beschissenen“ herum, weint, kotzt und klagt sich aus, hockt herum, verdient Geld, treibt hier und da Beischlaf und ist dabei todunglücklich. Also eine ebenso abwechslungsreiche wie monotone Mischung. Da kann noch so viel zwischen den Figuren geschehen, es geschieht nichts. Alles kann sich ändern, nichts ändert sich. Jede Bewegung, Verwandlung, jeder Gedanke und jede Tat ist umschlossen vom Gefühl der Leere, der Sinnlosigkeit und Verlorenheit.

In dem Hörspiel „Ein Paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ (einer NDR/HR-Koproduktion) gehen fast alle vor die Hunde, obwohl oder gerade weil sie als Sinnsucher ausgezogen sind. Helge ersäuft in Venedig, Tom und Bettina werden bei einem Autounfall von Metallteilen durchbohrt und zerrissen, Nora verbrennt sich, Pit wird in Amerika von einer durchgeknallten Indianerin bei lebendigem Leib skalpiert. Kläglich lebten die Helden, kläglich enden sie. Trash-Todesarten, Auslöschungsphantasien einer angebeutelten Generation. Lieben wollten sie alle irgendwie, aber geklappt hat es nie. Ja, diese Figuren sind der fleischgewordene Horror vacui und ihre Sätze zielen immer ins Vage, ins Leere: „Irgendwie“, „mal“, „und so“ sind die Floskeln ihrer Richtungslosigkeit.

Beate Andres (Bearbeitung und Regie) hat den Text kongenial übertragen und in Szene gesetzt. Es macht oft „Plop“ oder „Blup“ in ihrer Realisation – akustische Zeichen der Langeweile und müffelnder Ungewissheit. So sprechen auch die Schauspieler, quengelnd, gedehnt, still verzweifelnd, sie sprechen in sich hinein oder vor sich hin, greinend und betäubt, zum Dialog langt es nie wirklich, alle bleiben monadisch bei sich. Der akustische Minimalismus ist den kurzen, knappen Sätzen und den darin beschworenen Atmosphären angemessen. Die kalte Komik dieser individuellen Katastrophen wird nicht – das wäre der coolen Erzählhaltung auch durchaus nicht zuträglich – durch Musik emotional aufgeladen und sentimentalisiert. So wirkt der Text als Hörspiel sehr viel prägnanter und die notwendigen Streichungen rauben den Geschichten nichts an Substanz oder Entwicklungsschritten. Ganz im Gegenteil: Durch den Verdichtungsprozess verliert der Roman seine breiige Flächigkeit und sein weitgehend formloses Fließen.

Und woran leiden die Figuren in diesem Generationenporträt nun? Da Sibylle Berg nur die Phänomene der Verzweiflung beschreibt, die Analyse jedoch schuldig bleibt, kann man getrost auf Siegfried Kracauer zurückgreifen, der bereits 1922 in einem Essay mit dem Titel „Die Wartenden“ eine Diagnose auch dieser Generation stellte: Sie – die Wartenden – leiden „an dem Mangel eines hohen Sinnes“, am „Fluch der Vereinzelung“ und an „einem auf die Spitze getriebenen Relativismus“. Und was tun? Sibylle Berg lässt einen ihrer Verzweiflungsmenschen überleben. Vera sagt, worum es geht: „Worum es geht, ist doch nur, etwas zu lieben. Und wenn es Milchkaffee und Zigaretten sind.“ Ein ebenso bescheidenes wie ambitioniertes Programm, sehr kitschige und sehr kalte Sätze, ebenso armselig wie reichhaltig, idealistisches Handgepäck für das 21. Jahrhundert.

• Text aus Heft Nr. 30-31/2001 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

27.07.2001 – Torsten Körner/FK

` `