Zapp. Medienmagazin (NDR Fernsehen)

Gestaltungsmöglichkeiten

11.04.2003 •

11.04.2003 • Magazinmoderatoren wagen es nur äußerst selten, eine Meinung in der ersten Person Singular zu formulieren, und insofern war es eine kleine Sensation, als Caren Miosga, die Gastgeberin des Medienmagazins „Zapp“, in der Sendung vom 6. April 2003 bekannte, sie könne die Phrase „Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst“ nicht mehr hören. Diese Äußerung ist nur eines von vielen Indizien dafür, dass diese wöchentliche Sendereihe des NDR Fernsehens noch an Format gewonnen hat, nachdem Miosga am 9. März die Moderation von Gerhard Delling übernommen hat (vgl. FK-Heft Nr. 11/03).

Seit dem Wechsel sind die Gespräche mit dem Studiogast kompakter und pointierter geworden, und Miosga weiß auch nonverbal geschickt zu kommunizieren: In ihrer Premierensendung mit ARD-Talker Michel Friedman fasste zuerst sie ihn an – und nicht umgekehrt – und schlug ihn damit sozusagen mit seiner eigenen Waffe. Zudem wirkt der Talk bei „Zapp“ nunmehr weniger statisch, weil die Redaktion ihn zuweilen mit spielerischen Elementen anreichert. Exemplarisch dafür war eine Art Rätsel mit Roger Willemsen (30. März), der zu vorgegebenen Stichworten seine Kriegsbilder im Kopf abrufen musste. Man merkt Miosga an, dass sie die Gestaltungsmöglichkeiten genießt, die ihr in ihrer anderen Sendung („Kulturjournal“, montags um 22.30 Uhr im NDR Fernsehen) verwehrt sind, weil diese in einem kleinen Studio produziert wird, wo sie mehr oder weniger bewegungslos vor einem Bild verharren muss.

Die Anforderungen an einen „Zapp“-Moderator sind formal recht hoch. Es gilt in drei Blöcken zu rund vier Minuten immer wieder aufs Neue eine vertrauliche Gesprächsatmosphäre zu schaffen, aufs Tempo zu drücken, ohne Hektik aufkommen zu lassen, die ums Gespräch gebauten Filmbeiträge einzuleiten und danach durch eine darauf bezogene Frage den Gesprächsfaden so wieder aufzunehmen, als habe es keine Unterbrechung gegeben. Das wissen durchschnittlich 100.000 Zuschauer zu würdigen (parallel laufen im Ersten auch die „Tagesthemen“, die sonntags in der Regel um 23.15 Uhr starten).

Die Studiogäste der ersten fünf Miosga-Sendungen waren gut gewählt: Mit „Monitor“-Moderatorin Sonia Mikich (16. März) ließ sich gut ein Bogen schlagen von der Kriegsberichterstattung – sie selbst war während des Tschetschenien-Krieges als Korrespondentin vor Ort – über die Lage der Politmagazine im allgemeinen hin zum „Stichflammen-Journalismus“ (SWR-Chefreporter Thomas Leif), dem die rund 50 derzeit jenseits des Irak tobenden Kriege gleichgültig sind. Eine Woche später war Bettina Lüscher zu Gast, die als ehemalige CNN-Moderatorin das US-Fernsehen zumindest teilweise von innen kennt und somit eine andere Sehweise auf dessen aktuelle Berichterstattung aus dem Irak liefern konnte. Teilweise wirkte Lüscher allerdings zu selbstgefällig.

In dieser Hinsicht unschlagbar ist allerdings immer noch Peter Kinn-Laden, pardon, Scholl-Latour. Den hatte „Zapp“ am 6. April nicht allein wegen des Krieges eingeladen, sondern weil er auch zu zwei anderen Themen passte: zum 20. Jahrestag des „Stern“-Debakels mit den gefälschten Hitler-Tagebüchern (Scholl-Latour übernahm nach dem Skandal die Chefredaktion bei der Illustrierten) sowie zum 40-jährigen Geburtstag des ARD-Auslandsmagazins „Weltspiegel“, für den er als Korrespondent berichtete. Wenn sich ein Medienmagazin in diesen Zeiten mit diesem Kollegen beschäftigt, muss man erwarten, dass es dem damit verbundenen Phänomen auf die Spur kommt: Warum ist Scholl-Latour seit Monaten omnipräsent auf dem Bildschirm? Wie kann es passieren, dass sich jemand durch anekdotisches und assoziatives, bestenfalls launiges Gebrabbel einen ehernen Expertenstatus erarbeitet? Was sagt das, nicht zuletzt, generell über den Zustand der politischen Diskussionskultur im Fernsehen aus?

Diese Fragen wurden allerdings nicht einmal angerissen, und insofern war diese Sendung die bisher schwächste von Caren Miosga. Die anderen Makel sind geringfügigerer Natur: In der Folge mit Willemsen etwa fragte die Moderatorin ihn, was er davon halte, dass Thomas Gottschalk den US-Oberbefehlshaber Franks in die ZDF-Show „Wetten, dass..?“ einladen wolle. Doch da war die Redaktion auf eine satirisch gemeinte Nachricht auf der „Wahrheit“-Seite der „taz“ hereingefallen. Dass Redakteure eines Medienmagazins nicht in der Lage sind, diese Seite richtig zu lesen, obwohl sie doch auch in Medienressorts immer mal wieder für Schlagzeilen sorgt, ist wenig rühmlich. Souverän immerhin, wie in der darauf folgenden Sendung der Fehler eingestanden wurde.

Einen zwiespältigen Eindruck hinterließ Reporter Dieter Moor, dessen Einsatz man als historische Referenz verstehen kann: Er moderierte von Februar 1993 bis Sommer 1994 „Canale Grande“ auf Vox, neben „Parlazzo“ (1991 bis 1998 im WDR Fernsehen) und „Glashaus – TV intern“ (ARD, 1971 bis1983) einer der Vorläufer des NDR-Medienmagazins. Für „Zapp“ nahm er innerhalb einer Woche die Grand-Prix-Vorausscheidung und die Grimme-Preis-Gala auf die Schippe. Moor behandelte diese höchst unterschiedlichen Großevents quasi gleich, und das ist gewiss ein interessanter Ansatz, aber dass er seinen komödiantischen Stil in den letzten zehn Jahren weiterentwickelt hätte, lässt sich nun wirklich nicht behaupten.

Bliebe noch ein grundsätzlicher Einwand. Es gab zuletzt zwar, wie im Konzept der Sendung vorgesehen, in der Regel einen Filmbeitrag, der auf dem ersten Blick nicht zum Gast passt. Aber was dieser Gast zu dem Thema jenseits seines Fachgebiets zu sagen hat, erfährt der Zuschauer kaum oder gar nicht. So beraubt sich „Zapp“ selbst des einen oder anderen Überraschungseffekts.

Das NDR-Medienmagazin gibt es nun seit genau einem Jahr (Start war am 14. April 2002), und es lässt sich bilanzieren, dass es sich durchaus gelohnt hat, diese Sendereihe aufzubauen. Die „Zapp“-Macher bewältigen ihre Aufgabe unter den gegebenen Umständen gut, und es ist nicht so, dass etwa die ARD immer nur liebedienerisch behandelt würde. An allem hat auch Ex-Moderator Gerhard Delling sein Verdienst, dessen unaufgeregte Gesprächsführung für Interviews mit Kollegen gar nicht einmal so ungeeignet war. Delling entledigte sich dabei etwa der undankbaren Aufgabe eines Interviews mit NDR-Intendant Jobst Plog (ARD-Vorsitzender) sehr achtbar. Einmal war ARD-Talkerin Gabi Bauer sogar richtig böse, weil sie Dellings Fragen zu kritisch fand. So etwas würde man vielleicht gerne öfter sehen, aber dass Drahtseilakte die Ausnahmen bleiben, kann man akzeptieren. („Zapp“ wird montags um 11.00 Uhr im MDR Fernsehen und dienstags gegen 23.50 Uhr bei 3sat wiederholt.)

• Text aus Heft Nr. 15/2003 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

11.04.2003 – René Martens/FK

Print-Ausgabe 23/2019

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