„Publizistische Relevanz“: NDR startet Medienmagazin in seinem Dritten Fernsehprogramm

12.04.2002 •

Als am Montag, den 8. April 2002, die Kirch Media AG Insolvenz anmeldete und damit der zwischenzeitliche Höhepunkt der Krise um den bayerischen Konzern aus Unterföhring bei München erreicht war, dürften sich die Redakteure der NDR-Sendereihe „Zapp“ ein bisschen geärgert haben. Hätte das Unternehmen doch noch knapp eine Woche gewartet – es wäre ideal gewesen für dieses neue Medienmagazin, das ab dem 14. April jeden Sonntag um 23.15 Uhr im Dritten Programm NDR Fernsehen zu sehen sein wird (vgl. auch FK-Heft Nr. 9/02).

Trotz allem soll – natürlich – auch Leo Kirch ein Thema sein in der Premieren-Sendung, für die Moderator und Grimme-Preisträger Gerhard Delling als Gäste das einst beliebte Politkomiker-Duo Bodo Hauser und Ulrich Kienzle eingeladen hat. Das gesamte Spektrum des neuen Formats, das der NDR am 9. April in Hamburg vorstellte, reiche allerdings „von Kirch bis Yvonne Wussow“, betonte Chefredakteur Volker Herres. Trotz „Zapp“, das nach dem Willen von NDR-Intendant Jobst Plog – der nächstes Jahr auch ARD-Vorsitzender sein wird – „publizistische Relevanz“ erlangen soll, werde der Norddeutsche Rundfunk auch in „klassischen Regelsendungen“ wie „Panorama“ im Ersten Programm weiterhin über Medienthemen berichten, ergänzte Herres.

Fernsehen als sexy Sujet

Was die Medien-Genres betreffe, mit denen sich „Zapp“ beschäftigt, stehe es „außer Frage“, dass Fernsehen den „Löwenanteil“ in der Sendung ausmache, sagte Redaktionsleiter Burkhard Nagel, früher Redakteur beim ARD-„Brennpunkt“. Das sei „vom Sujet her am ehesten sexy“. Als feste Rubrik ist beispielsweise das „Zapp-Archiv“ eingeplant, wo die Redaktion tatsächliche oder vermeintliche Höhepunkte der TV-Geschichte Revue passieren lassen will.

Von den bisher im Fernsehen erprobten Medienmagazin-Formaten will sich „Zapp“ deutlich abgrenzen. Im Unterschied zu „Parlazzo“ (1992 bis 1998 im WDR Fernsehen) werde es „kein Studiopublikum und keine Show-Einlagen“ geben, kündigte Burkhard Nagel an, und anders als bei „Canale Grande“ (1993 bis 1994 bei Vox) wolle man „nicht nur das Fachpublikum“ erreichen, sagte NDR-Kulturchef Thomas Schreiber, der die Sendung gemeinsam mit Volker Herres verantwortet. Über das am 3. März im Bayerischen Fernsehen gestartete Medienmagazin „Einblick“ verlor dagegen niemand ein Wort; diese Sendung gilt branchenintern ohnehin als profillos.

Überraschend hatte im übrigen am 20. März Gabriel Heim, der Wellenchef des WDR Fernsehens, auf einer Pressekonferenz inKöln angekündigt, dass man zur Zeit beim Westdeutschen Rundfunk darüber nachdenke, im Dritten Programm ein neues Medienmagazin aufzulegen. Möglicher Starttermin könne im Herbst 2002 sein. Es sei aber noch unsicher, ob dieses Projekt tatsächlich realisiert werde.

Begrenzter Selbstvernichtungstrieb

Was „Zapp“ angeht, hatten sich die NDR-Hierarchen für zwei im Vorfeld schon oft gestellte Fragen launige Antworten zurechtgelegt. Dazu, wie man es mit der Kritik an Entwicklungen im eigenen Haus halten werde, sagte Jobst Plog auf der Pressekonferenz in Hamburg: „Bei aller Neigung, uns kritisch zu betrachten – unser Selbstvernichtungstrieb ist auch nicht größer als bei anderen.“ Und NDR-Programmdirektor Jürgen Kellermeier erläuterte die Entscheidung für die vermeintlich abseitige Sendezeit mit den Worten, diese entspräche „relativ genau“ der Platzierung der Medienseiten in den deutschen Tageszeitungen. Kellermeier betonte übrigens, die Einführung des neuen Magazins sei „beflügelt von der Inspiration des Intendanten“ – womöglich eine ironische Anspielung auf das derzeitige Verhältnis zwischen Plog und ihm?

Wer in den kommenden Wochen bei Gerhard Delling zu Gast sein wird, steht zumindest teilweise schon fest: ARD-Programmdirektor Günter Struve ist ebenso angekündigt wie Edmund Stoibers Medienberater Michael Spreng, Premiere-Chef Georg Kofler und der Enthüllungsjournalist Hans Leyendecker von der „Süddeutschen Zeitung“.

• Text aus Heft Nr. 15/2002 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

12.04.2002 – René Martens/FK

Print-Ausgabe 23/2019

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