Florian Iwersen/Stefan Holtz/Thomas Berger: Tod eines Mädchens. 2‑teiliger Fernsehfilm (ZDF)

Familiendrama, Heimatfilm und TV-Krimi

20.02.2015 •

20.02.2015 • Der Zweiteiler „Tod eines Mädchens“ ist – auch wenn in der Presse viel von einem britischen Vorbild die Rede war – wie ein klassischer deutscher Fernsehkrimi aufgebaut: Zu Beginn findet man in dem fiktiven Ort Nordholm die Leiche eines jungen Mädchens, sehr telegen am stürmischen Ostseestrand, und erst gegen Ende des zweiten Teils wird der eigentliche Tathergang aufgeklärt. Dazwischen gibt es jede Menge Verdächtige und Indizien, die den Zuschauer – oft auch unter Inkaufnahme mangelnder Plausibilität – auf falsche Fährten locken.

Die zuständige Kommissarin, deren Dienststelle vor Ort gerade aufgelöst worden ist und die sich auf dem Weg zu ihrem neuen Dienstort in der Landeshauptstadt Kiel befindet, muss wieder umkehren. Die bereits fertig gepackten Umzugskisten in den alten Diensträumen werden teilweise wieder ausgepackt: Das unaufgeräumt Provisorische, das dadurch entsteht, gibt Gelegenheit zu Bildern von der Arbeit im Kommissariat, die noch nicht so abgenutzt sind.

Doch der größte Teil der Handlung findet draußen statt, mit teils sehr schönen, aufwendig und sorgsam gedrehten Landschaft- und Ortsbildern, die jedoch geografisch nicht genau zu verorten sind, denn sie setzen sich offensichtlich aus an verschiedenen Stellen an der Ostsee gedrehten Szenarien zusammen. So siedelte etwa die Tageszeitung „Die Welt“ in ihrer Filmbesprechung – vermutlich wegen der abgefilmten Kreidefelsen – den fiktiven Schauplatz auf der Insel Rügen an, was aber eine seltsame Zuordnung ist, da die Handlung wegen der polizeilichen Zuständigkeit von Kiel zweifellos im Bundesland Schleswig-Holstein spielt und die im Bild zu sehenden Fahrzeuge das Kennzeichen des Landkreises Plön tragen.

Trotz der schönen Bilder von der Ostseeküste bleibt der Film (dessen zweiter Teil wegen eines „ZDF-Spezials“ zum Ukraine-Gipfel in Minsk zehn Minuten später begann als geplant) dicht an der Handlung und konzentriert sich auf die Zeichnung der Charaktere. Der Handlungsablauf vor allem im ersten Teil ist sehr spannend; im Verlauf der Ermittlungen tauchen ziemlich schnell immer neue potenziell Verdächtige auf. Dabei wissen oft die Zuschauer mehr als die ermittelnden Beamten, weil die Kamera den Blick des Publikums schon längst auf verdächtige Indizien gelenkt hat, während sie den Polizisten noch verborgen bleiben.

Die beiden Ermittler könnten unterschiedlicher nicht sein: Neben der viel Gefühl zeigenden Kommissarin Hella Christensen (Barbara Auer), die selbst aus dem Ort stammt und mit allen Verdächtigen auch privat gut bekannt ist, agiert – wesentlich emotionsloser – ihr Chef, der ortsfremde Simon Kessler (Heino Ferch) aus Kiel, wohin er aus Frankfurt am Main versetzt worden ist. Sie bewegen sich unter den Dorfbewohnern nicht als dominant Allwissende. Die Rollen der zahlreichen Verdächtigen sind so prominent besetzt und haben so viel Spielraum, dass sie zu gleichrangigen Hauptrollen avancieren. Insbesondere in der Familie des Opfers mit Mutter Silke (Anja Kling), Vater Hauke (Jörg Schüttauf) und Onkel Torben (Hinnerk Schönemann) spielt sich vor dem Hintergrund der Tat ein eigenständiges Familiendrama ab. Die einzige ‘Knallcharge’ in dem Zweiteiler verkörpert die zwielichtig agierende Journalistin Mareike Thiel (Anna Unterberger).

Überhaupt ist dieser TV-Krimi in seiner Dramaturgie recht simpel und schlicht gestrickt (Buch: Florian Iwersen, Stefan Holtz; Regie: Thomas Berger; Produktion: Network Movie, Hamburg). Er verläuft weitgehend chronologisch und erlaubt sich nur wenige Rückblenden und unrealistische Momente, die sich ausschließlich auf das Opfer und den Tathergang beziehen. Trotz eines bewusst auf Spannung setzenden Handlungsablaufs tritt die eigentliche Suche nach dem Täter immer mehr zurück hinter der Darstellung der Dorfgemeinschaft und ihren Verstrickungen.

Die zunächst aufscheinende Harmonie im Ort – jeder kennt jeden und man hält zusammen – zerbricht allmählich; Misstrauen und gegenseitige Verdächtigungen nehmen zu. Die scheinbar heile dörfliche Familienidylle entpuppt sich als moralischer Sündenpfuhl. Durch diesen engen Bezug der Krimihandlung auf das Leben der Dorfgemeinschaft wird auch das Privatleben der im Nordholm beheimateten Kommissarin fest in die Handlung integriert; selbst ihr Sohn und Ehemann zählen zeitweise zu den Verdächtigen. Auch die ermittelnden Kommissare beginnen sich gegenseitig zu misstrauen. Zudem wird ein 14 Jahre zurückliegender unaufgeklärter Mordfall wieder aufgerollt und gelöst. Der damals unerkannt gebliebene Täter gesteht, weil er wohl durch den neuen Fall aufgeschreckt worden ist, obgleich er hier, wie sich letztlich herausstellt, keine Schuld trägt. Als dafür Verantwortlicher entpuppt sich ganz am Ende der Onkel des Opfers.

„Tod eines Mädchens“ stellt eine – mittlerweile im deutschen Fernsehfilm recht häufig anzutreffende – Symbiose aus Familiendrama, Heimatfilm und TV-Krimi dar, die allerdings so komplex angelegt ist und dennoch so stringent erzählt wird, dass damit mühelos auch 180 spannend-unterhaltsame Filmminuten gefüllt werden können – mit entsprechend guten Einschaltquoten (Teil 1: 7,22 Mio Zuschauer, Marktanteil: 21,0 Prozent; Teil 2: 8,08 Mio, 24,8 Prozent). Es ist jedoch kein Film, dem man nachsagen könnte, er sei innovativ erzählt oder er böte neue Perspektiven und Einblicke. 

20.02.2015 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 8-9/2019

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