Besuch am Ort des Grauens: Filme zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz

06.02.2015 •

Manchmal kann es eine befreiende Wirkung haben, wenn sich jemand über etwas, über das sich nur schwer reden lässt, in einem auf den ersten Blick völlig unangemessenen Ton äußert: „Wie bescheuert muss man sein, um sowas überhaupt zu machen?“, fragt zum Beispiel einer der Protagonisten in Gesine Enwaldts Dokumentarfilm „Ich fahre nach Auschwitz“. Mit den „Bescheuerten“ ist das Personal gemeint, das im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau Menschen quälte und vernichtete. Der junge Mann, der sich so ausdrückt, lebt in einer Jugendhilfe-Einrichtung im badischen Breisach und gehört zu einer Gruppe von Heimbewohnern, die die Gedenkstätte des KZ Auschwitz-Birkenau besucht; Regisseurin Gesine Enwaldt hat sie dabei begleitet.

„Ich fahre nach Auschwitz“ war Teil eines der Schwerpunkte, die anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers  Auschwitz die Landesrundfunkanstalten der ARD für ihre verschiedenen TV-und Hörfunkprogramme zusammengestellt hatten. Die entsprechenden Sendungen ballten sich am und rund um den eigentlichen Jahrestag, den 27. Januar. Auch für das ZDF war das Thema ein Schwerpunkt. Arte hatte sich bereits am 13. Januar mit zwei Erstausstrahlungen dem Jahrestag gewidmet: zum einen mit Andre Singers Dokumentarfilm „Night Will Fall“ (deutscher Untertitel: „Hitchcocks Lehrfilm für die Deutschen“), der wiederum ein Film über den um 70 Jahre verspäteten Entstehungsprozess eines anderes Dokumentarfilms ist („German Concentration Camps Factual Survey“), und zum anderen mit der Dokumentation „Frühjahr 45“, die auf den Schilderungen prominenter Zeitzeugen basiert, darunter der Dokumentarfilmer Georg Stefan Troller. „Night Will Fall“ lief dann noch einmal am 26. Januar im Ersten Programm der ARD, „Frühjahr 1945“ wird dort am 23. März ausgestrahlt.

Immer wieder neue Zugänge

Das Angebot der öffentlich-rechtlichen Sender zum Themenkomplex Auschwitz und die Befreiung des Lagers war insgesamt kaum zu überschauen, bei der ARD kam „eine halbe Themenwoche“ zusammen, wie es der Koordinator Jürgen Meier-Beer (NDR-Redakteur) formulierte. Für eine nähere Betrachtung seien im Folgenden vier Produktionen ausgewählt, zwischen denen es markante Schnittmengen gibt. Neben „Ich fahre nach Auschwitz“ sind dies „Nie wieder Theresienstadt! Die Kinderoper Brundibár“, „7 Tage ... Auschwitz – ein musikalisches Experiment" und „Geigen gegen das Vergessen“. Bei den drei erstgenannten steht im Zentrum, was ausgewählte Protagonisten und/oder die Autoren beim Besuch eines Konzentrationslagers erleben und lernen; bei dreien dieser vier Beiträge spielt, die Titel verraten es bereits, Musik eine starke Rolle.

Die Protagonisten von Douglas Wolfspergers Dokumentarfilm „Nie wieder Theresienstadt! Die Kinderoper Brundibár“ sind Mitglieder der Berliner Jugendtheatergruppe „Die Zwiefachen“ und die heute 85-jährige Greta Klingsberg, die die Konzentrationslager in Theresienstadt und Auschwitz überlebte. Ihre Verbindung: Klingsberg sang einst im KZ Theresienstadt die Hauptrolle in der Kinderoper „Brundibár“, die nun die Theaterpädagogin Ute Plate rund 70 Jahre später mit den Jugendlichen neu inszeniert. In Theresienstadt treffen die jungen Schauspieler, die in betreuten Wohnprojekten leben bzw. bereits „Lebenskrisen“ hinter sich haben, wie eine der Mitstreiterinnen erzählt, auf Greta Klingsberg. Der Film stand aufgrund der zögerlichen bis ablehnenden Haltung hiesiger TV-Redakteure lange auf der Kippe – im Oktober 2012 thematisierte die Zeitung „Der Tagesspiegel“ diese finanzielle Unsicherheit sogar ausführlich auf einer „Seite Drei“.

Wolfspergers Film beweist, dass sich immer wieder neue Zugänge finden lassen zum Thema Holocaust. Unter Verzicht auf Off-Kommentare, beschreibt er, wie ein teilweise inniges Verhältnis zwischen den Jugendlichen und der Holocaust-Überlebenden entsteht. Klingsbergs gesamtes Auftreten, ihre Lebensfreude und Fitness in jeder Hinsicht – einmal macht sie gemeinsam mit der 18-jährige Annika, die in der neuen Version der Oper Klingsbergs Rolle übernimmt, lachend gymnastische Übungen im Gras, nur wenige Meter entfernt von den Gräbern der KZ-Opfer – tragen dazu bei, dass die Jugendlichen ihre Eindrücke, die sie auf dem Gelände des ehemaligen Lagers gewinnen besser verarbeiten können als es bei einem normalen Besuch dieses einstigen Orts des Grauens der Fall gewesen wäre.

Die Violinen der Juden

Greta Klingsberg erzählt den Teenagern, dass die Musik es ihr ermöglichte, vom Terror abzuschalten, aber die Operndarsteller sich auch in einer unangenehmen Situation befanden, weil das NS-Regime sie für seine Propaganda missbrauchte – etwa in dem Film „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“, in dem auch Klingsberg zu sehen ist. Wolfsperger verwendet einige Ausschnitte davon in seiner Dokumentation.

Von der Musik, die in den Konzentrationslagern entstand, ist auch in „Geigen gegen das Vergessen“ die Rede. Der Protagonist dieses Films ist der in Tel Aviv lebende Geigenbauer Amnon Weinstein. Er pflegt eine Sammlung seines Vaters, bestehend aus Violinen, die einst verfolgten Juden gehörten: Musikern, die überlebten, weil sie ein Instrument beherrschten und etwa in der Lagerkapelle von Auschwitz mitwirkten, und Musikern, die der Vernichtung dennoch nicht entkamen. Weinstein restauriert in seiner Werkstatt in Tel Aviv immer wieder neu eintreffende Geigen – und er schickt sie gewissermaßen auch auf Reisen. Filmautorin Katrin Sandmann begleitet ihn zu einem Konzert in der Berliner Philharmonie, wo 16 dieser „Violins of Hope“ zum Einsatz kommen. Wie wirken die Geschichten  der einstigen Besitzer auf die Musiker, die diese Instrumente heute spielen? Das ist eine der Fragen, denen sich Katrin Sandmann widmet.

Auf eine noch andere Weise spielt Musik eine Rolle in dem Film „7 Tage ... Auschwitz – ein musikalisches Experiment". Es handelt sich dabei um die neue Fassung einer am 5. Mai 2013 im Dritten Programm NDR Fernsehen erstausgestrahlten Reportage, die Christian von Brockhausen und Timo Großpietsch für die Reihe „7 Tage ...“ gedreht hatten. Der Film schildert die Erfahrungen, die die Autoren als teilnehmende Beobachter vor Ort gemacht haben, etwa als Helfer eines Restaurators. In der neuen Version – die im Ersten sehr spät um 1.00 Uhr nachts ausgestrahlt wurde –  sind sämtliche Off-Kommentare ersetzt durch Musik, komponiert von Vladyslav Sendecki, einem Mitglied der NDR Big Band. Die verstörende Wirkung des riesigen Lagers kommt dank dieser Maßnahme viel deutlicher zum Ausdruck.

Dosen mit Zyklon B

Ähnlich wie Filmemacher Christian von Brockhausen in „7 Tage ...“ beteiligen sich einige der Protagonisten von „Ich fahre nach Auschwitz“ an Erhaltungsarbeiten, putzen zum Beispiel Dosen, in denen Zyklon B gelagert war, damit diese Beweisstücke auch für zukünftige Generationen erhalten bleiben. Neben den eingangs erwähnten Bewohnern der badischen Jugendhilfe-Einrichtung – wie die Theatergruppenmitglieder in Wolfspergers Film Problemkinder im weiteren Sinne – begleitet Regisseurin Gesine Enwaldt auch Gymnasiasten aus Niedersachsen und Auszubildende der Hamburger Polizei, die auf den Spuren des am Holocaust aktiv beteiligten Reservebataillons 101 unterwegs sind, während ihres Aufenthalts in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Kameramann Fabian Meyer zeigt in langen Einstellungen Impressionen von der Ausstellung in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, etwa von Wänden mit Häftlingsporträts, und er zeigt, wie die Besucher Ausstellungsstücke – etwa Koffer der Häftlinge – mit dem Tablet fotografieren. Und er zeigt vor allem eindrucksvoll, welche Spuren das Gesehene (und die Beschreibungen des Museumsguides) bei den jungen Menschen hinterlassen.

Eine O-Ton-Passage, die man sich niemals hätte ausdenken können, fängt Enwaldt ein, als sie mit einen Polizei-Azubi darüber redet, inwieweit sich die in Auschwitz gemachten Erfahrungen auf das eigene Gehorsamsverständnis auswirken. Der Ordnungshüter sagt, er werde nun „öfter über manche Grundrechtseingriffe nachdenken, die unser Beruf ja mit sich bringt“, und möglicherweise auch mal  Vorschriften Vorschriften sein lassen und statt dessen Empathie aufbringen für die Personen, mit denen man es zu tun hat. Denn: „Jan Fedder sacht ja auch immer schon: Auch mal Mensch sein.“ Gemeint ist offenbar die Polizistenfigur Dirk Matthies, die Fedder in der langlebigen ARD-Vorabendserie „Großstadtrevier“ spielt. Kann es wirklich sein, dass ein Schauspieler bzw. die Serienfigur eines Polizisten für einen realen jungen Polizisten eine Art Instanz ist?

Doku-Drama über Anne Frank

Als Fazit bleibt: Die Filme „Nie wieder Theresienstadt“ und „Ich fahre nach Auschwitz“ sind Belege dafür, dass – sieht man einmal ab von der ZDF-Guido-Knopp-Schule, die auch nach der Pensionierung des Gründers ihre Jünger hat – Dokumentationen rund um das Thema Nationalsozialismus zu den Stärken des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gehören. Die beiden anderen besprochenen Filme fallen zwar etwas ab, stehen aber für gutklassiges Fernsehen.

Die rund um den 27. Januar programmierten Schwerpunkte lassen sich durchaus auch als Auftakt für weitere Sendungen und Großprojekte zum Thema Befreiung der Vernichtungslager betrachten. Am 18. Februar etwa zeigt das Erste das Doku-Drama „Meine Tochter Anne Frank“ – und am 1. April einen aus Spielfilm und Doku kombinierten Themenabend zum KZ Buchenwald: die Verfilmung des Romans „Nackt unter Wölfen“ und die Dokumentation „Buchenwald – Heldenmythos und Lagerwirklichkeit“.

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Die hier besprochenen Filme im Überblick:

Douglas Wolfsperger: Nie wieder Theresienstadt! Die Kinderoper Brundibár • Arte (WDR) • So 25.1.15 17.35 bis 18.30 Uhr

Gesine Enwaldt: Ich fahre nach Auschwitz. Reihe Die Story im Ersten • Das Erste (ARD/NDR) • Mo 26.1.15 • 22.45 bis 23.30 Uhr

Christian von Brockhausen/Timo Großpietsch: 7 Tage ... Auschwitz – Ein musikalisches Experiment • Das Erste (ARD/NDR) • Di 27.1.15 1.00 bis 1.45 Uhr

Katrin Sandmann: Geigen gegen das Vergessen • RBB Fernsehen • Di 27.1.15 • 23.00 bis 23.30 Uhr

(Die Filme sind zum Teil noch in den Mediatheken abrufbar)

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06.02.2015 – René Martens/MK