Annette Harlfinger/Michael Renz: Die Verbrechen der Befreier. Reihe „ZDFzeit“ (ZDF)

Ohne den Zusatz „Geheimnis“

15.05.2015 •

Die Verbrechen Im ersten Drittel des Monats Mai wurde im Fernsehen vielfach an den 70. Jahrestag (8. Mai) der Beendigung des Zweiten Weltkriegs erinnert. Das ZDF sendete innerhalb seiner Reihe „ZDFzeit“ mit dem Film „Die Verbrechen der Befreier“ eine Dokumentation, die das zu einem solchen Jahrestag erwartbare Programmangebot um eine eher überraschende Variante bereicherte. Der offensichtlich ursprünglich einmal vorhandene, von manchen Programmzeitschriften noch zitierte Untertitel „Amerikas dunkle Geheimnisse im Zweiten Weltkrieg“ fehlte allerdings im Titelvorspann.

Damit kam ein entscheidender Hinweis auf den Schwerpunkt dieses 45-minütigen Beitrags abhanden, und zugleich auch eine Lieblingsvokabel, wenn es um Geschichtsdokumentationen auf Primetime-Sendeplätzen im ZDF geht, nämlich das Wort „Geheimnis“. Denn es ging in diesem Film von Annette Harlfinger und Michael Renz um von der US-Armee begangene Kriegsverbrechen. Und während in der Vergangenheit in der Bundesrepublik zwar häufig von Kriegsverbrechen der sowjetischen Roten Armee berichtet worden ist, sind die der amerikanischen und anderer westlicher Besatzungssoldaten weitgehend tabuisiert worden.

Ein solcher Primetime-Sendeplatz um 20.15 Uhr (Dienstag) für zeitgeschichtliche Dokumentationen wie die Beiträge der – seit 2012 existierenden – Reihe „ZDFzeit“ ist ein besonderes Markenzeichen des ZDF, einen solchen Sendeplatz gibt es sonst in keinem der anderen der Hauptprogramme. Er wurde vormals von Guido Knopp bedient, der sein Konzept für ein Primetime-Geschichtsfernsehen Ende der 1970er Jahre für die ZDF-Chefredaktion entwickelt hatte. Als Sendeplatz für Dokumentationen wurde der Dienstagstermin auch nach Knopps altersbedingtem Ausscheiden beibehalten, dann aber mit formal und inhaltlich sehr unterschiedlichen Filmen bestückt. Eine Zeitlang schien sich hier eine Terra-X-ifizierung zu vollziehen. („Terra X“, sonntags um 19.30 Uhr, ist die andere populäre und erfolgreiche Primetime-Dokumentationsreihe des ZDF, die allerdings innerhalb der ZDF-Programmdirektion entwickelt wurde.) Jetzt hat das ZDF den Sendeplatz am Dienstag dazu genutzt, aus Anlass des 70. Jahrestages des Kriegsendes eine Dokumentation zu senden, die sich so ansieht wie ein Remake aus der Knoppschen Geschichtsfernsehfabrik: mit den gewohnten Zeitzeugen-Statements, Experten-Interviews und zahlreichem Filmmaterial aus den Archiven, wobei sich die Aussagen alle wechselseitig bestätigen.

Im Unterschied zu früher kommen allerdings die Statements von ehemaligen Augenzeugen des Geschehens aus dem Off, vermutlich weil diese Zeitzeugen inzwischen nicht mehr am Leben sind. Statt der Person selbst werden dann nur noch deren Name und ihre ehemalige Funktion als Textzeile unten links im Bild eingeblendet, während ein Sprecher den Zeitzeugen zitiert. Alle Sorgfalt gilt – wie bei diesem Format üblich – den filmischen Quellen, unter denen neben bekanntem Material doch auch wieder einige Raritäten zu finden sind, und den Experten-Interviews, die auf eine Weise in einzelne Sequenzen aufgespalten und in das dokumentarische Filmmaterial hineingeschnitten sind, dass diese Experten zu filmbegleitenden Erzählern werden.

Hingegen wird wenig auf Filmästhetik geachtet; eine puristisch anmutende Dramaturgie gibt sich als scheinbar neutraler Chronist des Geschehens aus. So wird jede Feststellung von Kriegsverbrechen der einen Seite mit filmischen Hinweisen auf die Taten anderer und durch einen ausgiebigen Kommentartext ergänzt, der dabei nicht selten statistisches Zahlenmaterial etwa über die begangenen Kriegsverbrechen insgesamt zitiert. Verschiedene Experten, unter ihnen auch ein Kriminalpsychologe, erklären dann dem Zuschauer, warum das damals geschehen ist.

Im Kern geht es trotz solcher Bemühungen um Ausgewogenheit vor allem um die Kriegsverbrechen der US-Armee im Zweiten Weltkrieg und während der Besatzungszeit in Deutschland. Die Dokumentation (2,70 Mio Zuschauer, Marktanteil: 9,2 Prozent) setzt ein mit einem Bericht über den D-Day, dem Tag der Invasion der Alliierten in der Normandie im Juni 1944, eine sehr blutige Schlacht mit hohen Verlusten. Nachdem die Deutschen besiegt waren, vermelden die Amerikaner erstaunlich wenig Gefangene. Das Erschießen von Soldaten, die sich ergeben haben, verstößt jedoch gegen die Genfer Konvention und gilt als Kriegsverbrechen. Die Zitate von Zeitzeugen, amerikanischen Soldaten, die bei solchen Erschießungen dabei gewesen sind, belegen, dass dies dennoch aus Rachegefühlen gegenüber den Deutschen geschehen ist.

Weiterhin thematisiert werden im Film die Luftangriffe auf deutsche Städte, die viele zivile Opfer fordern, die Vergewaltigung von Frauen, willkürliche Erschießungen und die katastrophalen Zustände in Gefangenenlagern, so den berüchtigten Rheinwiesenlagern der Amerikaner mit über eine Million deutscher Kriegsgefangener, die hier bei Wind und Wetter zum größten Teil unter freiem Himmel hausen mussten. Ausschnitte aus einer Rede von US-General George S. Patton sind zu hören, mit der amerikanische Soldaten ihre an Deutschen verübten Kriegsgräuel später rechtfertigen. Nur in wenigen Fällen ist es überhaupt zu Verhandlungen darüber vor amerikanischen Militärgerichten gekommen. So lautet denn auch der letzte Satz der Dokumentation: „Seine Soldaten sieht Amerika nur ungern vor Gericht, damals wie heute.“

15.05.2015 – Brigitte Knott-Wolf/MK
Thema 70 Jahre Weltkriegsende: Eine überraschende Variante Foto: Screenshot