Italien: Neue Führung bei der Rundfunkanstalt RAI

16.08.2021 •

Die öffentlich-rechtliche italienische Rundfunkanstalt RAI hat eine neue Führung. Im Juli 2021 hat die 54-jährige Marinella Soldi, die zuvor bei mehreren Medienunternehmen Managerin war, das RAI-Intendantenamt für zunächst drei Jahre übernommen. Sie steht als Präsidentin an der Spitze des siebenköpfigen RAI-Verwaltungsrats und ist damit zugleich Intendantin der Rundfunkanstalt.

Neuer Geschäftsführer der RAI ist ebenfalls seit dem vorigen Monat der 61-jährige Kulturmanager Carlo Fuortes, der ebenso dem Verwaltungsrat angehört. In dessen konstituierender Sitzung für die neue dreijährige Amtsperiode wurde am 16. Juli Soldi zur Präsidentin und Fuortes zum Geschäftsführer der RAI gewählt.

Die Wahl von Marinella Soldi erfolgte im Verwaltungsrat vorbehaltlich der Zustimmung der für die Aufsicht über die RAI zuständigen gemeinsamen Parlamentskommission von Senat und Abgeordnetenkammer, der sogenannten Vigilanza. Laut dem RAI-Statut muss die Präsidentin bzw. der Präsident des Verwaltungsrats mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit von der Vigilanza bestätigt werden. Diese Bestätigung erhielt Soldi von dem 40-köpfigen Gremium am 21. Juli. Notwendig waren dafür mindestens 27 Stimmen, Soldi bekam 29; außerdem gab es fünf Gegenstimmen und drei Enthaltungen (drei Abgeordnete nahmen an der Abstimmung nicht teil).

Marinella Soldi seit Juli Intendantin

In Italien regiert seit Februar 2021 eine Regierung der nationalen Einheit unter Führung des parteilosen Ministerpräsidenten Mario Draghi. Seine Regierung wird von den wichtigsten italienischen Parteien unterstützt: der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung von Außenminister Luigi Di Maio, der rechtspopulistischen Lega von Matteo Salvini, der liberal-konservativen Forza Italia von Silvio Berlusconi, der sozialdemokratischen Demokratischen Partei von Enrico Letta und mehreren kleineren Parteien. Mario Draghi, der 73-jährige ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) und Ex-Gouverneur der italienischen Zentralbank, hatte seine Regierung Anfang 2021 gebildet, nachdem die zweite Regierung von Ministerpräsident Giuseppe Conte, bestehend aus der Fünf-Sterne-Bewegung und der Demokratischen Partei, gescheitert war.

Die Verfahren zur Neubesetzung der Intendanten- und Geschäftsführerposition bei der RAI begannen bereits am 9. Juli, als der parteilose Wirtschafts- und Finanzminister Daniele Franco – im Einverständnis mit Ministerpräsident Draghi – Marinella Soldi und Carlo Fuortes als neue Mitglieder des RAI-Verwaltungsrats benannte. Soldis Nominierung erfolgte dabei mit Blick auf den Verwaltungsratsvorsitz; Fuortes wurde zugleich für den Geschäftsführerposten vorgeschlagen. Mit diesem Personalvorschlag wollte die Draghi-­Regierung zeigen, dass sie die RAI von unabhängigen Experten statt von Parteifunktionären geleitet wissen möchte.

Am 15. Juli bestätigte die RAI-Aktionärsversammlung Soldi und Fuortes als neue Verwaltungsratsmitglieder. Mehrheitsaktionär der RAI ist mit 99,56 Prozent der italienische Staat; die Anteile werden über das Wirtschafts- und Finanzministerium gehalten. Anschließend folgten dann die Wahlen im Verwaltungsrat und die Bestätigung durch die Vigilanza. Als Intendantin der RAI hat Marinella Soldi nun den Journalisten und Schriftsteller Marcello Foa abgelöst, der im Juli 2018 die Führung der Sendeanstalt übernommen hatte (vgl. MK-Meldung). Der neue RAI-Geschäftsführer Carlo Fuortes folgte auf Fabrizio Salini, der ebenfalls ab Juli 2018 die Geschäftsführung der RAI verantwortet hatte.

Von MTV, Discovery und Vodafone zur RAI

Marinella Soldi wurde 1966 in Figline Valdarno (bei Florenz) geboren und wuchs später in London auf. Dort studierte sie Wirtschaftswissenschaften an der London School of Economics. Später studierte sie noch Business Administration in Fontainebleau (Frankreich). Ihre berufliche Laufbahn begann Soldi 1990 bei der Unternehmensberatung McKinsey, bevor sie 1995 als Managerin zum Musikfernsehen MTV Europe wechselte. Dort war sie bis zum Jahr 2000 unter anderem auch für MTV Italien in Mailand zuständig. Im Anschluss daran machte sie sich selbständig und gründete mit Soldi Coaching ein Unternehmen, um weltweit Führungskräfte zu beraten.

Von 2009 bis 2018 war Marinella Soldi dann Geschäftsführerin von Discovery Network Southern Europe und entwickelte Discovery zum drittgrößten Fernsehunternehmen in Italien nach RAI und Mediaset (Berlusconi). Im Jahr 2019 wurde sie Präsidentin der Vodafone-Stiftung in Italien. Carlo Fuortes wurde 1959 in Rom geboren und studierte dort Statistik und Wirtschaftswissenschaften. Im Jahr 2013 wurde er Intendant des Operntheaters in Rom, zuvor war er bereits Leiter von mehreren anderen Kultureinrichtungen, vor allem in Rom, gewesen.

Dem RAI-Verwaltungsrat in seiner neuen Amtsperiode gehören neben Marinella Soldi und Carlo Fuortes noch weitere fünf Mitglieder an, von denen je zwei vom Senat und der Abgeordnetenkammer berufen werden und ein weiteres von der RAI-Belegschaft. Vom Senat wurden der Rechtsanwalt Alessandro Di Majo (vorgeschlagen von der Fünf-Sterne-Bewegung) und der Informatikexperte Igor De Biasio (Lega) gewählt. De Biasio wurde nun wiedergewählt; er gehört dem RAI-Verwaltungsrat seit Juli 2018 an. Die Abgeordnetenkammer wählte die Journalistin und Juristin Simona Agnes (vorgeschlagen von der Forza Italia) und die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlerin Francesca Bria (Demokratische Partei).

Für die RAI-Belegschaft gehört dem Verwaltungsrat weiterhin der Techniker Riccardo Laganà an; er ist seit Juli 2018 Verwaltungsratsmitglied. Dass im Verwaltungsrat der RAI nun die politische Opposition nicht mehr vertreten ist, stieß bei der nationalkonservativen Oppositionspartei Fratelli d’Italia (Brüder Italiens) auf scharfe Kritik. Deren Kandidat für den RAI-Verwaltungsrat, Giampaolo Rossi, bisher Mitglied in dem Gremium, unterlag bei den Abstimmungen im Senat und in der Abgeordnetenkammer den von den Regierungsparteien vorgeschlagenen Mitbewerbern.

16.08.2021 – me/MK

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