Eine wahrhaftige Erzählung

Zur ZDF-Literaturverfilmung „Landgericht – Geschichte einer Familie“

Von Harald Keller

30.1.17 MK Beim Fernsehfilm-Zweiteiler „Landgericht“, der am 30. Januar und 1. Februar im ZDF ausgestrahlt wird (jeweils 20.15 Uhr), handelt es sich um die freie Adaption eines Romans von Ursula Krechel, für den sie 2012 den Deutschen Buchpreis erhielt. Ihr Roman basiert auf eigens recherchierten Tatsachen, Vorbild für die Hauptfigur Richard Kornitzer war der Richter Robert Bernd Michaelis. Die Schriftstellerin gönnt sich dichterische Freiheiten, lässt aber den historischen Kern unangetastet. Sie erzählt keine wahre Geschichte im Sinne historischer Dokumentationen, wohl aber eine wahrhaftige Geschichte über real begangenes Unrecht und die daraus resultierenden Folgen. Mit dem Sachbuch „Nationalität: Staatenlos“ von Ruth Barnett – die in der TV-Produktion in der Figur der Selma aufscheint – stand dem Filmteam überdies die Biografie einer Betroffenen zur Verfügung.

Richard Kornitzer (Ronald Zehrfeld) lebt mit seiner Frau Claire (Johanna Wokalek) im Berlin der 1930er Jahre. Das Paar hat zwei kleine Kinder und ist wohlsituiert. Richard ist Richter, Claire besitzt ein eigenes kleines Unternehmen in der Filmbranche. Die Zeitenwende ist im Film schnell skizziert: Hakenkreuzfahnen in den Fenstern, antisemitische Schmierereien an den Fenstern jüdischer Geschäfte. Eines Morgens kommt Richard ins Gericht und will einen bereits begonnenen Prozess fortführen, doch zu seiner Überraschung sitzt der Kollege Hans Buch (Felix Klare) auf dem Richterstuhl. Richard ist Jude; man hat ihn geschasst, er wird des Gebäudes verwiesen.

Richard und Claire erkennen den Ernst der Lage. Als erstes bringen sie Sohn Georg und Tochter Selma in Sicherheit. Die beiden Kinder werden von englischen Pflegeeltern aufgenommen. Doch Großbritannien gewährt nur Minderjährigen Zuflucht. Verzweifelt bemüht sich Richard um ein Visum. Er erhält eines für Kuba, aber nur für sich, nicht für Claire. Er will deshalb in Deutschland bleiben, sie verlangt von ihm, zu gehen. Claire ist Christin und glaubt sich weniger gefährdet. Richard reist aus und verliert seine Staatsbürgerschaft. In Kuba schließt er sich einem Kreis deutscher Exilanten an.

Handlanger des Nazi-Regimes

Claire lässt sich nicht scheiden von Richard und wird damit Ziel nationalsozialistischer Willkür. Mit absurden, gegen Juden gerichteten Abgaben wie der „Reichsfluchtsteuer“ wird die Familie um ihr Vermögen und ein ererbtes Grundstück gebracht. Claire verliert ihre Firma, muss den Hausstand verkaufen. Selbst das Recht auf körperliche Unversehrtheit geht ihr verloren. Sie wird von einem NS-Schergen vergewaltigt und darf nicht hoffen, dass der Täter belangt wird. Sie verlässt Berlin in Richtung Süddeutschland, um dort in der Landwirtschaft zu arbeiten. Richard bleibt derweil nichts Anderes, als zu warten. Warten, dass Claire ein Visum bekommt, dass es ihr vielleicht gelingt, die Kinder nach Kuba zu bringen. Er wartet vergebens.

In England erleben Georg und Selma unglückliche Jahre. Selma weigert sich lange, Englisch zu sprechen. Ihre Pflegemutter ist streng, die Kinder laufen davon, wollen nach London und dort auf ein Schiff nach Kuba, zum Vater. In London führen sie ein Leben auf der Straße, verwildern, bis sie bei einer neuen Pflegemutter ein liebevolles Heim finden. Man teilt ihnen irrtümlich mit, dass ihre leibliche Mutter tot sei. Als Claire nach dem Krieg nach England reist, ist sie für ihre Kinder eine Fremde. Der inzwischen volljährige Georg will und darf in England bleiben, Selma wird zur Rückkehr nach Westdeutschland gezwungen. Sie sperrt sich, beinahe kommt es zu einer Tragödie.

Auch Richard ist nach Kriegsende heimgekehrt und fordert zäh sein Recht ein, wieder als Richter tätig werden zu dürfen. Ein langer Hindernislauf beginnt, der am Ende erfolgreich ist. Er kehrt in seinen Beruf zurück, findet eine Anstellung am Mainzer Landgericht – und trifft dort auf vormalige Handlanger des Nazi-Regimes, die sich bereits bestens im neuen bundesdeutschen Staat eingerichtet haben.

Der Zweiteiler „Landgericht“ ist, wie die literarische Vorlage, kritisch und zutreffend in seiner Aussage, bleibt jedoch im Hinblick auf das Leiden der Exilierten zurückhaltend. Immerhin verzichten Drehbuchautorin Heide Schwochow, durch den preisgekrönten Maueröffnungsfilm „Bornholmer Straße“ (vgl. FK-Kritik) im Genre erprobt, und Regisseur Matthias Glasner weitgehend auf die Stilmittel des Gefühlskinos, auf falsche Töne jeglicher Art.

Das Geschehen spricht vor allem aus den Bildern

Bei der filmischen Adaption stellte sich das Problem, vom Stillstand erzählen zu müssen, vom Harren und Hoffen. Eine literarische Schriftsprache erlaubt dies, eine artifizielle, stilisierende Filmsprache unter Umständen auch. Aber die ist zu einer Sendezeit, in der wie hier auf zwei ZDF-Primetime-Sendeplätzen um 20.15 Uhr ein Massenpublikum gewonnen werden soll, kaum denkbar. Richards quälendes Warten im kubanischen Exil wird, auch wenn er sich über die tropische Hitze beklagt, in dieser vereinfachenden Darstellung nicht zwingend als schweres Schicksal wahrgenommen, zumal ihn eine Liebesgeschichte mit einer Einheimischen (Edenys Sanchez) verbindet, mit der er, wenngleich ungewollt, ein Kind zeugt.

Die Erlebnisse der sich elternlos durch England schlagenden Kinder hätten Dramatik ins Geschehen gebracht um den Preis, in eine Art in die 1940er Jahre verlegten Dickens-Roman zu geraten. Darauf haben die Filmemacher jedoch verzichtet. Das Leiden des Geschwisterpaars wird eher dezent skizziert. Im Weiteren erwartet die beiden sogar das Glück, ein unbeschwertes Leben auf einem Reiterhof. Eine bittere Wendung: Erst das Erscheinen der leiblichen Mutter bringt wieder Tragik in ihr Leben. Nach Maßgabe der filmischen Schilderung durchlebt die in Deutschland zurückgebliebene Claire das schwerste Schicksal. Ihre leidvollen Erfahrungen und die langjährige Trennung werden nach Richards Heimkehr die von ihrer Seite her doch so lange treu durchgehaltene Ehe belasten.

Unter filmischen Gesichtspunkten ist diese sozusagen para-authentische historische Erzählung durchaus gelungen. Das Geschehen spricht vor allem aus den Bildern. Es werden nicht zu viele Worte gemacht, es wird nicht deklamiert. Die Dekors stimmen, selbst im Kuba der 1930er Jahre, bis hin zu ganzen Straßenzügen. Nur der Ponton-Mercedes gegen Ende ist ein Anachronismus – er erscheint im Film ein Jahr vor der realen Markteinführung des Modells. Ein unbedeutender Fehler, im Gesamtzusammenhang eine Petitesse.

Ronald Zehrfelds wuchtige Körperlichkeit

Die Schauspielerführung verdient Beachtung. Ronald Zehrfeld nutzt seine wuchtige Körperlichkeit anders als in seinen aktionsbetonten Rollen, indem er glaubwürdig den Alterungsprozess umsetzt. Den niederschmetternden Erfahrungen Kornitzers entsprechend wird sein Gang immer schwerer, auch Mimik und Gestik ändern sich. Nicht minder überzeugend agieren die übrigen Hauptdarsteller, darunter auch angelsächsische Mitwirkende wie die britische Charakterschauspielerin Saskia Reeves („Wölfe“, „Mord auf Shetland“) und, in einer Nebenrolle, der Ire Ian McElhinney. McElhinney darf man füglich als Weltstar bezeichnen – er spielte unter anderem im Hollywood-Kinofilm „Rogue One – A Star Wars Story“ mit und hatte eine wiederkehrende Rolle in der US-Kultserie „Game of Thrones“.

Programmgestalterisch räumt das ZDF ähnlich wie kurz zuvor dem Zweiteiler „Das Sacher. In bester Gesellschaft“ (16. und 18. Januar) auch der Literaturverfilmung „Landgericht“ eine Sonderstellung ein: Beide Teile sprengen das sonst bei Fernsehfilmen übliche 90-Minuten-Format (Teil 1 ist 95, Teil 2 105 Minuten lang). Ferner wird der erste Teil direkt im Anschluss um die 35-minütige Dokumentation „Landgericht – Die Dokumentation“ ergänzt. Das „Heute-Journal“ wird dazu eigens verschoben und rückt auf 22.25 Uhr.

Die nicht unproblematische, weil mit Szenen aus dem Spielfilm und also Erfundenem durchsetzte Dokumentation der Autorin Annette von der Heyde gilt dem Leben des Richters Robert Bernd Michaelis, der der Roman- und Filmfigur Richard Kornitzer zum Vorbild diente. Deutlicher als der fiktionale Zweiteiler zeigen die authentischen Dokumente die Dramatik des Lebens in der Emigration. Michaelis floh nicht ins sonnige Kuba, sondern nach Shanghai und wurde dort unter lebensbedrohlichen Bedingungen interniert. Auch dessen Tochter Ruth Barnett, die wie erwähnt selbst ihre Erfahrungen als Buch veröffentlichte, kommt in diesem Beitrag zu Wort und berichtet unter anderem vom Bombenkrieg. Einer dieser Aspekte, die in der fiktionalen Darstellung abgemildert oder gar nicht erscheinen.

30.01.2017/MK
ZDF-Zweiteiler „Landgericht – Geschichte einer Familie“: Freie Adaption eines Romans von Ursula Krechel
Deutlicher als der fiktionale Zweiteiler zeigen die authentischen Dokumente die Dramatik des Lebens in der Emigration Fotos: Screenshots

Print-Ausgabe 2-3/2017

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