Ein früherer Star des deutschen Fernsehfilms: Wunderbares Wiedersehen mit Ernst Jacobi

Innerhalb weniger Wochen war er nun zum zweiten Mal zu bewundern: der Schauspieler Ernst Jacobi. Der heute 83-Jährige war einst ab den 1960er Jahren ein Star des deutschen Fernsehfilms, der zum Ensemble gehörte, das Egon Monk beim NDR aufgebaut hatte und dessen Fernsehfilme „Schlachtvieh“ (nach einem Text von Christian Geissler), „Ein Tag“ (nach einem Drehbuch von Gunter R. Lys) und „Bauern, Bonzen und Bomben“ (nach einem Roman von Hans Fallada) er als Darsteller entscheidend prägte. Seine größten Erfolge erzielte er in den 1970er Jahren, als er den als schizophren diagnostizierten Schriftsteller Alexander März nach einem Roman von Heinar Kipphardt in der Inszenierung vin Vojtech Jasny spielte und als Erzähler am ZDF-Zweiteiler „Tadellöser & Wolff“ von Eberhard Fechner (Regie) nach dem gleichnamigen Roman von Walter Kempowski mitwirkte. In den letzten zwanzig Jahren war es eher still um ihn geworden.

Vor einem Monat (7. Mai) konnte man Ernst Jacobi in der Münchner „Polizeiruf“-Folge „Nachtdienst“ (ARD/BR) sehen, in der er einen pensionierten Elitepolizisten spielte, der in einem schlecht versorgten Altersheim lebt und sich dort gegen die mangelnde Fürsorge und das Missmanagement auflehnt. Am Ende ermordet er viele seine Mitbewohner, um ein Zeichen gegen die Diskriminierung zu setzen. Die in solche miserablen Heime abgeschobenen alten Menschen nannte er in einem Dialog des „Polizeirufs“ einmal „Schlachtvieh“ und stellte damit – ob bewusst oder unbewusst – einen Bezug zu einem seiner ersten Fernsehfilme her, der die Lage der Bundesrepublik im szenischen Bild eines von der Außenwelt isolierten Eisenbahnabteils darstellte.

Letzte Woche Mittwoch (31. Mai) war Jacobi im Fernsehfilm „Am Abend aller Tage“ (ARD/BR) als der Erbe eines Kunsthändlers zu erleben, ein Erbe, der einen großen Schatz an Gemälden besitzt und über diesen mit großer Strenge wacht. Regie führte Dominik Graf, das Drehbuch zu dem Film schrieb Markus Busch, der dazu Motive der langen Erzählung „Die Aspern-Schriften“ von Henry James – eine erste Version erschien 1888, die jüngste deutsche Übersetzung 2004 – mit der realen Geschichte des Münchner Kunstsammlers Cornelius Gurlitt verschmolz, die 2012/13 die Öffentlichkeit erregte. Graf und Busch haben schon bei einer Reihe von Filmen zusammengearbeitet. Zum umfänglichen Werk von Dominik Graf hat Markus Busch vor allem die Drehbücher zu den eher melodramatischen Filmen beigesteuert.

Auch in „Am Abend aller Tage“ durchzieht eine Reihe von Traumbildern und Erinnerungsmomenten die filmische Erzählung, deren Geschichte die literarische Vorlage modifiziert: Philipp Keyser, der sein Studium der Kunstgeschichte abbrach und aus einer Anwaltskanzlei entlassen worden war, wird von einer Gruppe älterer Menschen in eben dieser Kanzlei für ein gutes Honorar engagiert, um den Verbleib eines verschwundenen Gemäldes zu recherchieren und ihnen Zugang zu dem Bild zu verschaffen. (Das Gemälde wird einem fiktiven Maler des 20. Jahrhunderts namens Ludwig Glaeden zugeschrieben.) Die einzige Spur, die seine Auftraggeber Keyser an die Hand geben, ist der Name eines Mannes, der die Kunstsammlung seines Vaters erbte: Magnus Dutt. Dieser Vater war einst einer der großen Kunsthändler in der Weimarer Republik wie auch in der Nazi-Zeit. Es ranken sich allerlei Geschichten darum, wie er in den Besitz vieler Gemälde gekommen sein soll; so soll er die Notlage von deutschen Juden, die vor dem NS-Terror fliehen mussten, ausgenutzt haben.

Da Magnus Dutt sehr zurückhaltend lebt, versucht es Philipp Keyser über den Umweg einer Großnichte, die Zugang zur Villa des alten Mannes hat. Keyser – vom Typ ein Spieler und Hochstapler – gelingt es, Kontakt zu der eher verschlossen wirkenden jungen Frau aufzunehmen. Sie ist bildende Künstlerin, deren auf Verschleiß und Selbstzerstörung hin konzipierten Gemälden und Skulpturen auf dem Kunstmarkt kein Erfolg beschieden ist. Deshalb verdient sie ihr Geld in einer Großwäscherei. Die beiden scheinen sich ineinander zu verlieben, auch wenn der Zuschauer dieser Liebe nicht ganz traut. Dazu ist Keyser zu sehr der clevere Verführer, der auch vor Gewalt nicht zurückscheut, um an sein Ziel – das Gemälde – zu kommen und den dringend benötigten Lohn einzustreichen. Doch auch die Großnichte – ihr vielversprechender Name: Alma – verbirgt ein Geheimnis, das sich erst nach einer Stunde andeutet, ehe sie es am Ende ausspricht. Sie ist todkrank und wird sterben, falls ihr nicht noch rechtzeitig ein Organ transplantiert wird.

Das Anziehungs- und Abstoßungsspiel von Alma und Philipp, bei dem beide ständig etwas vortäuschen und anderes verheimlichen, bildet das emotionale Zentrum des Films. Das Paar wird glänzend verkörpert von Friedrich Mücke, der dem Hallodri Keyser eine granitene Härte verleiht, und Victoria Sordo, bei der die Figur der Alma zwischen Naivität, Verzweiflung und Entschiedenheit changiert. Das intellektuelle Zentrum des Films bildet nicht – wie man erwarten könnte – die moralische Schuldfrage, wie der Vater des Erbes an die Gemälde gekommen ist, sondern eher die grundsätzliche Frage, wem die Kunst zugeeignet ist: den Betrachtern und Liebhabern oder den Besitzern, die mit diesem Besitz spekulieren. Der Kunstmarkt, der in der Figur eines Galeristen eher als Karikatur beschrieben wird, behauptet einen überzeitlichen Wert der Kunstwerke, während der Erbe im Umgang mit der ererbten Sammlung und seine Großnichte im Actionpainting und in der Vergänglichkeit ihrer Kunst auf den erhebenden Moment von Produktion und Rezeption setzen. Ein Erlebnis, das der Körpererfahrung von Sexualität und, ja, auch von Gewalt durchaus ähnelt. Es zählt in allem nur der Augenblick.

Der Film ist überreich an Details. Das beginnt mit der Hintergrundschilderung von Zeit, die in einem heißen Sommer in München stehenzubleiben scheint und die doch voranschreitet wie der Fortgang der Gartenarbeit, mit der sich Keyser den Zutritt in Dutts Villa erschlichen hat. Das zeigt sich in den Details der Ausstattung, die etwa die Villa einerseits als verwunschenes Gelände vorführt, in der hinter jeder Tür eine weitere Überraschung steckt, die andererseits deutlich dem Ideal des Bauhaus-Stils angelehnt und also jener Moderne verpflichtet ist, der die meisten Gemälde der Sammlung entstammen. Und das reicht bis zum erzählerischen Trick, dass das Werk, um das es geht, nie zu sehen ist. Die, die nach ihm suchen, können nur das Foto eines Wohnzimmers vorweisen, in dem das Bild einst hing. Doch das gesuchte Gemälde findet sich in der Villa und als Keyser es schließlich stiehlt, wird es ihm von dem plötzlich hinzutretenden Dutt wieder entwunden. Als er es mit Gewalt zurückerobert, besieht er es nicht näher, ehe es Alma an sich nimmt. Am Ende des Films verbrennt sie ein Bild, aber ob es sich hier wirklich um das gesuchte handelt, bleibt offen.

Der Magnus Dutt des Ernst Jacobi ist eine schillernde Person. Erst hält man ihn für einen etwas verschrobenen Greis, der gar nicht weiß, über was er da verfügt. Dann scheint er nur eine beliebige Figur in dem Spiel zu sein, das Philipp vor allem für Alma spielt. Um dann doch resolut und wach zu reagieren, als dieser das Gemälde stiehlt. Ebenso beeindruckend agiert Hildegard Schmahl als Auftraggeberin Keysers. Auch diese Schauspielerin ist auf das Engste mit der Fernsehfilmgeschichte des NDR verbunden. Ihre erste größere Rolle hatte sie im bahnbrechenden Film „Das Beil von Wandsbek“, dessen Geschichte Heinrich Breloer und Horst Königstein 1982 recherchierten und inszenierten. Es handelte sich dabei um die erste künstlerische Mischform, in der die dokumentarische Rekonstruktion mit einer besonderen Form der Inszenierung verbunden wurde. (Der Film wurde möglich, weil sich die Literaturredaktion des WDR an ihm beteiligte.)

Auch „Am Abend aller Tage“ enthält ja einen gewissen dokumentarischen Einschub, wenn der Fortgang der Geschichte um Magnus Dutt mit der realen Geschichte von Cornelius Gurlitt unterlegt wird. Hildegard Schmahl und Ernst Jacobi stehen wie die beiden erwähnten Hauptdarsteller für eine Ensemble- und Regieleistung, die diesen Fernsehfilm aus dem alltäglichen Angebot weit herausragen lässt, auch wenn man über die in ihm ausgebreitete Vorstellung künstlerischer Produktivität wie idealer Rezeption durchaus streiten kann.

06.06.2017 – Dietrich Leder/MK