Ilinca Calugareanu: Wie Hollywood Ceausescu stürzte (Arte)

Die Kraft von VHS-Kopien

Die Rezeption amerikanischer Filme und Serien im totalitären Rumänien der 1980er Jahre scheint thematisch gerade einen gewissen Reiz auf Regisseure und Produzenten auszuüben. Bei der vor wenigen Tagen zu Ende gegangenen Berlinale 2016 war beispielsweise der doku-fiktionale Film „Hotel Dallas“ zu sehen, der beschreibt, welche Auswirkungen die US-Serie „Dallas“ auf rumänische Fernsehzuschauer hatte. Einem ähnlichen Thema widmet sich Ilinca Calugareanu in ihrem am heutigen Mittwochabend bei Arte zu sehenden Film „Wie Hollywood Ceausescu stürzte“.

Wenn, um eine Wirkungsursache zu beschreiben, „die Macht der Bilder“ genannt wird, klingt das längst etwas abgenutzt, doch bei diesem Dokumentarfilm kommt man ohne diese Formulierung kaum aus. Wie der zugespitzte und natürlich nicht wörtlich zu nehmende Filmtitel andeutet, geht es in dieser internationalen Koproduktion, an der auf deutscher Seite die Arte-Redaktion des WDR sowie die Produktionsfirma Kloos & Co. Medien beteiligt sind, um den Einfluss, den Hollywood-Filme auf den Sturz des kommunistischen Regimes des langjährigen rumänischen Staatspräsidenten und Diktators Nikolae Ceausescu hatten, der am 21. Dezember 1989 aus dem Amt gejagt und vier Tage später hingerichtet wurde.

Ilinca Calugareanu erzählt die Geschichte einer Untergrund-Bewegung: Ab Mitte der 80er Jahre kamen in Rumänien in Privatwohnungen abends und nachts Nachbarn und Freunde zusammen, um sich in größeren Gruppen Videos von US-Spielfilmen anzuschauen, die, im Gegensatz zur erwähnten Serie „Dallas“, in dem damaligen Ostblock-Land verboten waren. Möglich wurde das Ansehen dieser Produktionen, so erfährt man, durch den Schwarzmarkthändler Teodor Zamfir, der die Filme nach Rumänien schmuggelte, sie mit Hilfe von 360 Videorekordern vervielfältigte und unters Volk brachte.

Die rumänische Regisseurin Calugareanu, die heute in London lebt, war während ihrer Kindheit selbst Teil dieser konspirativen Versammlungen. Für ihre 75-minütige Doku „Wie Hollywood Ceausescu stürzte“ hat sie nun mit anderen Zeitzeugen darüber gesprochen, welche Bedeutung die abendlichen Gemeinschaftserlebnisse in der Nachbarschaft für sie hatten. Die einen erzählen davon, wie sie in ihrem Privatleben dem Helden der „Rocky“-Filme nachgeeifert haben – indem sie, zum Beispiel, wie dieser morgens rohe Eier aßen. Andere erinnern sich an vermeintliche filmische Schlüsselszenen („Chuck Norris spuckte die Ratte aus“).

Um die Erinnerungen an die Zusammenkünfte und die magic moments ins Bild setzen zu können, hat Calugareanu diese Videoabende mit Laienschauspielern in Wohnungen ihrer Heimatstadt Cluj-Napoca nachinszeniert. So fließen in „Wie Hollywood Ceausescu stürzte“ mehrere Elemente ineinander: Interviewpassagen, illustrierende Ausschnitte aus den in den Gesprächen erwähnten Filmen und Bilder der Wohnzimmer-Zuschauergruppen, die sich gebannt jene Filme anschauen. Die rekonstruierten Szenen sind in einem grobkörnigen Look gehalten, der die Atmosphäre des Rumäniens der 1980er Jahre heraufbeschwören soll.

Die – im weiteren Sinne – Protagonistin dieser Dokumentation ist Irina Nistor, die im Auftrag des VHS-Kopienhändlers Zamfir die amerikanischen Filme ins Rumänische übersetzte. Sie sprach jede Figur, ob Frau oder Mann. Nistor arbeitete wie am Fließband, sie habe „mindestens sechs Filme pro Nacht“ betextet, sagt sie. Insgesamt seien es bis 1989 rund 3000 gewesen. Auch was die Tätigkeit der Übersetzerin und Sprecherin angeht, setzt Ilinca Calugareanu auf Reenactment-Szenen: Eine Schauspielerin stellt nach, unter welch einfach Bedingungen Irina Nistor ihre Filme einsprach.

Nistor, die zumindest in Form ihrer Stimme für viele Bürger Rumäniens allgegenwärtig war, wurde in den späten 1980er Jahren selbst zu einer Art Star, die Zuschauer versuchten sich vorzustellen, was für eine Person sie ist. Der Faszination für diese ‘unsichtbare’ Frau versucht die Regisseurin auf den Grund zu gehen. Nistor sei „so etwas wie eine Freundin“ gewesen, sagt einer von Calugareanus Gesprächspartnern.

Die Wirkung von Irina Nistor auf die Menschen lässt sich hier aber nur schwer nachvollziehen, weil eine deutsche Voice-over-Stimme über die Stimme der Rumänin gelegt ist. Die Voice-over-Methode hat schon manche deutsche Fassung eines Dokumentarfilms beeinträchtigt, aber in einem Film, in dem es um eine Stimme geht, erweist sie sich als besonders problematisch.

Konsequenterweise bleibt Nistor für die Zuschauer des Dokumentarfilms lange so unsichtbar wie einst für die Rumänen; erst in den letzten zehn Minuten bekommt man sie zu sehen. Sie habe die Filme übersetzt, um sie sich selbst anschauen zu können, sagt Nistor. Die US-Filme seien „Sauerstoff“ bzw. „wie eine Droge“ für sie gewesen. Die Übersetzertätigkeit habe ihr „ein Gefühl“ gegeben, „dass man nicht umsonst gelebt hat“, bilanziert sie. Das bezieht sich auf die gesellschaftspolitische Wirkung der Filme, die letztlich natürlich nicht messbar ist.

Die verbotenen Hollywood-Filme hätten das System „zum Wanken gebracht“ – „gerade wegen ihrer vermeintlichen Trivialität“, sagt Teodor Zamfir. Gewiss versucht hier auch ein Geschäftsmann, seine Rolle hochzujazzen. Doch es ist durchaus bemerkenswert, dass Blockbuster wie „9½ Wochen“ und Actionfilme aller Art hier eine im weiteren Sinne revolutionäre Wirkung entwickelten, die ihre Macher nicht beabsichtigt hatten. Die Handlung der Filme sei aber ohnehin nicht entscheidend gewesen, sondern die Möglichkeit, einen Blick zu bekommen auf westliche Landschaften und Städte, Supermärkte und Wohnungen, sagen Calugareanus Interviewpartner. Diese Seherfahrungen trugen zumindest bei zu einem Freiheitsbedürfnis, das sich dann 1989 beim Sturz des Regimes Bahn brach.

„Wie Hollywood Ceausescu stürzte“ entfaltet durch seine geschickte Montage vereinzelt eine Sogwirkung, manche Passagen sind aber auch redundant. Das liegt teilweise in der Natur der Sache. Der Reiz der Rekonstruktionen kann nur begrenzt sein, weil es sich für den Zuschauer irgendwann abnutzt, immer wieder anderen Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich in halbdunklen Zimmern Filme ansehen. Ein anderer Grund: Die Zeitzeugen sagen über ähnliche Filme Ähnliches. Aber filmische Liebeserklärungen an Filme – sei es an ein bestimmtes Genre oder das Werk eines Regisseurs – erweisen sich ja oft als eine knifflige Angelegenheit.

24.02.2016 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 13/2016

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