Die Übersetzerin

Irma Nelles beschreibt den „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein aus der Nähe

Von Karl-Otto Saur

Im Jahr 1995 erschien ein Buch unter dem Titel „Götterdämmerung“. Es war eine Porträtsammlung der zu dieser Zeit wichtigsten Journalisten und Publizisten Deutschlands. Der Autor des Buchs war Herbert Riehl-Heyse, der bereits seit Jahren bei der „Süddeutschen Zeitung“ in München genau die Funktion erfüllte, die ihn zu einem der Porträtierten in diesem Band gemacht hätte. Er war nicht nur über Jahre hinweg der profilierteste Journalist der „Süddeutschen Zeitung“, sondern gleichzeitig auch einer, der sich immer wieder Gedanken über die politische, gesellschaftliche und moralische Funktion des Journalismus gemacht hatte.

Einer seiner Gesprächspartner für dieses Buch war (natürlich) „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein. Knapp zehn Jahre zuvor hatte Augstein vergeblich versucht, Riehl-Heyse als Chefredakteur für den „Spiegel“ nach Hamburg zu locken. Auch wenn Augstein nur ungern eine Absage vergaß, entsprach er Riehl-Heyses Bitte nach einem Gespräch und lud ihn in sein Haus auf Sylt ein. Es wurde ein Gespräch über die Veränderungen in der Publizistik, noch weit vor der Digitalisierung des Gewerbes und weit vor den dümmlichen Schlachtrufen über die „Lügenpresse“.

Auf die Frage nach Freunden folgte Schweigen

Doch beide ahnten schon die Veränderungen, die es geben würde. Dabei schwangen auch die persönlichen Empfindungen der zwei Ausnahmejournalisten mit. Auf die Frage Riehl-Heyses, ob Augstein in der „Spiegel“-Redaktion noch wirkliche Freunde habe, schwieg der Herausgeber länger. Dann begnügte er sich mit drei Sätzen: „Karasek, der war eigentlich einmal ein Freund. Jetzt hofft er, dass er noch meine Biografie schreiben darf. Aber eigentlich hätte ich ihn längst rausschmeißen sollen.“ Hellmuth Karasek verließ ein Jahr später, 1996, im Streit den „Spiegel“, ohne den Auftrag für die Biografie bekommen zu haben.

Fast zur selben Zeit trennte sich Augstein auch von seinen beiden Chefredakteuren Hans Werner Kilz und Wolfgang Kaden. Augstein hatte schon länger den Plan, Stefan Aust beim „Spiegel“ zum alleinigen Chefredakteur zu machen. Doch er wusste auch, dass Aust als Chefredakteur von „Spiegel TV“ (ausgestrahlt bei RTL) in der Redaktion des Nachrichtenmagazins nicht gerade beliebt war. Also ging er einen Umweg: Er lobte zunächst Wolfgang Kaden als neuen Chefredakteur des zum „Spiegel“-Verlag gehörenden „Manager Magazins“ weg auf einen Seitenplatz und machte Kilz zum alleinigen Chefredakteur beim gedruckten „Spiegel“ (eine Position, die zuvor schon Erich Böhme und Werner Funk vergeblich angestrebt hatten).

Kilz war in der Redaktion durchaus anerkannt. Dies war aber eine Eigenschaft, die Augstein wiederum nicht unbedingt schätzte. Sein Führungsprinzip war, Konkurrenz und Misstrauen zu säen. Sein bevorzugtes Mittel war, Führungs­positionen doppelt zu besetzen, möglichst mit Personen, die sich als Rivalen empfanden. Nun wollte er aber Aust als alleinigen Chefredakteur und dafür musste er einen Grund finden, auch Kilz loszuwerden. Er nahm einen Kommentar von Olaf Ihlau, dem Ressortleiter „Außenpolitik“, als Anlass, Kilz zu kündigen und Aust endgültig zu etablieren.

Ein kleine Episode am Rande: Als Augstein hörte, dass Kilz noch am Tag der Kündigung einen vereinbarten Termin für die Anprobe eines neuen Anzugs wahrnahm, bekam Augstein Zweifel, ob eine solche Gelassenheit nicht doch ein Zeichen der notwendigen Nervenstärke für einen Chefredakteur war. Doch eine einmal getroffene Entscheidung zu revidieren, das erlaubte sich Rudolf Augstein nicht. Diese kleine Episode blieb bisher unbekannt, obwohl sich viele Autoren bemüht haben, in Büchern nicht nur den Publizisten und Verleger, sondern den Menschen Augstein zu porträtieren. Unter diesen Autoren waren die ehemaligen „Spiegel“-Redakteure Leo Brawand, Dieter Schröder und Otto Köhler. Die gründlichste und umfangreichste Augstein-Biografie schrieb jedoch Peter Merseburger, der mit seiner Willy-Brandt-Biografie schon Maßstäbe für das Genre gesetzt hatte.

Nun ist unter dem Titel „Der Herausgeber“ ein Erinnerungsbuch über Rudolf Augstein (1923 bis 2002) erschienen. Geschrieben hat es Irma Nelles und damit jemand, deren Name in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist. Irma Nelles, geboren 1946, hatte in den 1970er Jahren neben ihrem Studium in Bonn bereits im dortigen „Spiegel“-Büro als Teilzeit-Sekretärin gearbeitet. Hier begegnete sie auch zum ersten Mal Augstein. Aber auch nachdem sie diese Tätigkeit längst aufgegeben hatte, um ihr Lehramtsstudium zu vollenden, behielt sie noch gute Verbindungen ins Haus.

Beschwerden, Nörgeleien und Sonderwünsche

Und sie lernte über Augstein das Ehepaar Henri Regnier und Antonia Hilke kennen, er ein Bruder des Schauspielers Charles Regnier, sie eine bekannte Moderedakteurin. Henri Regnier war Unterhaltungschef beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) in Hamburg und vermutlich der einzige wirkliche Freund von Rudolf Augstein. Auch wenn es immer wieder Pausen gab im Kontakt von Irma Nelles zu Augstein, so sorgte das Paar Regnier/Hilke dafür, dass er nie ganz abbrach. Mitte der 1980er Jahre bekam Irma Nelles dann von einer Freundin aus der „Spiegel“-Redaktion den Hinweis, dass die Stelle der Leserbriefredakteurin in Hamburg beim „Spiegel“ frei sei und sie sich bewerben könne.

An dieser Stelle muss ich als Autor dieser Zeilen eine persönliche Bemerkung einschieben. 1990 wechselte ich selbst zum „Spiegel“ als Leiter eines kleinen Sammelressorts, dem auch die Personalien- und Leserbriefredaktion angegliedert war. In einem der Vorbereitungsgespräche machten mich die beiden Chefredakteure Funk und Kilz darauf aufmerksam, dass die Personalien- und Leserbriefredakteurin Irma Nelles mit Augstein gut bekannt oder befreundet sei. Es klang die Furcht durch, dass sie vielleicht das eine oder andere aus der Redaktion mit Augstein austauschen und so der übliche Dienstweg über die Chefredaktion gestört werden könnte.

Im März 1993 starb Wolfgang Eisermann, der langjährige Leiter des persönlichen Büros von Rudolf Augstein. Ich hatte den „Spiegel“ wieder verlassen. Kurz nach Eisermanns Tod traf ich Hans Werner Kilz bei einer Tagung. Er erzählte, wie schwierig die Situation durch den Tod Eisermanns geworden sei. Er und sein Chefredakteurskollege Wolfgang Kaden, der zur Erleichterung fast der ganzen Redaktion Werner Funk nachgefolgt war, hätten gar nicht mitbekommen, wie viele Beschwerden, Nörgeleien und Sonderwünsche Augsteins sie gar nicht erreicht hätten, sondern von Eisermann geräuschlos erledigt worden waren.

Kilz fragte, ob ich mir vorstellen könnte, dass Irma Nelles künftig diese schwierige Aufgabe übernähme. In Wirklichkeit war mein Rat gar nicht nötig. Augstein selbst wünschte sich Irma Nelles in dieser Position. Sie war ihm inzwischen auch privat eine gute Ratgeberin im täglichen Leben geworden. Er wollte sie nur nicht selber fragen, aus Angst vor einer Absage. Also wurde sie vom damaligen Verlagsleiter Karl Dietrich Seikel gefragt. Ihre Gegenfrage: „Warum fragt er mich nicht selbst?“ Die Antwort: „Er kann keine Absagen vertragen.“

So wurde aus der Freundschaft, die mit erotischen Annäherungsversuchen Augsteins begann, eine Arbeitsbeziehung, die von allerlei Extremen gekennzeichnet war. Irma Nelles schont Augstein in ihren Erinnerungen nicht. Sie akzeptiert einen Menschen, der Außerordentliches geleistet hat und dafür auch respektiert werden möchte. Doch wir werden auch Zeuge einer Freundschaft von zwei Menschen, die sich fast schüchtern einander annähern. Als Übergangslösung bietet Augstein eines Tages Irma Nelles für ein paar Wochen eine Wohnung in seinem Haus an. Es entwickelt sich daraus eine Art platonische Wohngemeinschaft, in der man sich am Küchentisch umständlich auf ein „Du“ einigt. Irma Nelles verschweigt aber auch nicht Augsteins Neigung zu Apathie und Depression. Sie erwähnt auch seine manische Arbeitswut. Es war eine Arbeitswut, die häufig chaotische Ausmaße annahm. Augstein diktierte seine Artikel gerne satz- oder absatzweise. Aus dem Sammelsurium der Gedanken und Formulierungen musste Irma Nelles dann die Textbausteine zu einem zusammenhängenden Fluss gestalten. Auch aus dieser Arbeit wusste Rudolf Augstein, was er an ihr hatte. Er nannte sie einmal „die Übersetzerin“ seiner Gedanken.

Kündigungsschreiben in der Schublade

Es gab Zeiten, in denen Augstein fast jede Woche einen Artikel verfasste, dann war er wochenlang auch wieder abgetaucht. Aber er wusste offensichtlich, dass er sich auf seine Büroleiterin verlassen konnte, obgleich er immer mal wieder verlauten ließ, dass irgendetwas nicht zu seiner Zufriedenheit erledigt worden war. Auch wenn er einen Text schon abgesegnet hatte, griff er manchmal sogar nachts in letzter Minute zum Telefon, um mit dem Schussredakteur noch einmal Änderungen vorzunehmen.

Das entsprach seiner Art, dass sich niemand in seiner Umgebung allzu sicher fühlen sollte. Das galt auch für Chefredakteure. So hatte Augstein 1991 wenige Wochen nach den Turbulenzen rund um die Entlassung von Werner Funk als Chefredakteur an dessen Nachfolger Wolfgang Kaden und den weiter amtierenden Hans Werner Kilz eine Hausnotiz geschrieben, die in dem Satz gipfelte: „Sie sind fehl an ihrem Platz!“ Eine Umgangsform, die in fast jedem anderen Betrieb die Einleitung zur Entlassung gewesen wäre. Später bekam auch Irma Nelles als Augsteins Büroleiterin ab und zu ihre fristlose Kündigung. Doch sie gewöhnte sich daran, bewahrte die Kündigungsschreiben aber alle in einer Schublade auf. Nicht als Mahnungen oder gar als Trophäen, sondern als leicht ironische Erinnerungen an eine einmalige Zusammenarbeit.

Als Irma Nelles den Entschluss fasste, ein Buch über ihre Erfahrungen und ihre Zusammenarbeit mit Rudolf Augstein zu schreiben, hatte sie Angst, der eine oder andere könnte es so verstehen, als ob sie sich damit selber wichtiger machen wolle. Die Angst ist völlig unberechtigt. Ihr ist es nicht nur gelungen, den vielen Veröffentlichungen über Rudolf Augstein Neues hinzuzufügen; es ist ihr auch gelungen, die Emanzipationsgeschichte einer Frau zu erzählen, die dem machtbewussten Mann Augstein einen Kontrapunkt entgegen­zusetzen vermochte. Und er wusste vermutlich, dass ihm damit am meisten geholfen wurde.

24.02.2016/MK

Print-Ausgabe 14/2016

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